Über das
Verhalten im Raum der Information
Die Informationsgesellschaft ist mittlerweile in den Köpfen
der Menschen angekommen. Die Informationsethik noch nicht.
Immer noch handelt es sich dabei um eine weithin unbekannte
Disziplin der Philosophie. Zunächst nicht verwunderlich,
findet doch auch der Weltgipfel zur Informationsgesellschaft
am Rande der gesellschaftlichen Wahrnehmungsschwelle statt.
Verwunderlich ist allerdings, dass auch in der zivilgesellschaftlichen
WGIG-Szene, Informationsethik als Wissenschaft kaum eine Rolle
spielt. Ganz im Gegensatz zu anderen Ländern, in denen
es teilweise schon seit den 60-iger Jahren Lehrstühle
für Computer-Ethik gibt, beispielsweise in den USA, wird
Informationsethik in Deutschland erst langsam bekannt. Auch
im Wissensschaftsbetrieb, an den philosophischen Instituten,
etwa in Deutschland, ist diese Disziplin noch keineswegs vollständig
etabliert. Lediglich eine kleine aber weltweit vernetzte Forschungsgemeinschaft
arbeitet auf diesem Gebiet.
Diese Randlage ist umso erstaunlicher, schaut
man sich das Wirkungsfeld von Informationsethik an. Dabei
stellt man fest, dass Informationsethik keineswegs ein Nischenprodukt
weltvergessener Philosophen ist, sondern alle Lebensbereiche
durchdringt und dies weltweit und grenzenlos. Denn bildet
nicht die Information die Grundlage allen Miteinanders? Daher
ist Informationsethik natürlich keine grundsätzlich
neue Disziplin, die erst seit dem "Informationszeitalter"
existiert. Der Umgang mit Information ist der Philosophie
geradezu immanent. Schon die Griechen machten sie zum Gegenstand
ihrer Untersuchungen. Das "Informationszeitalter"
bildet vielleicht nur den Rahmen den Umgang mit Information
"sexy" zu gestalten, plötzlich ist eine alte
Wissenschaft "en Vogue" weil sie sich an der Spitze
eine Revolution befindet. Der digitalen Revolution. Hier betreten
wir tatsächlich Neuland, mit der digitalen Informationsverarbeitung
werden Möglichkeiten geschaffen, die Welt und ihre Information
als digitales Abbild ihrer selbst zu schaffen. Unendlich reproduzierbar
unterschiedslos zwischen Orginal und Kopie.
Mit der digitalen Revolution und der Abbildung in Nullen und
Einsen ist ein neuer, digitaler Weltentwurf entstanden. Die
Regeln wer wem was mitteilen darf, müssen immer neu verhandelt,
bewertet werden. Mit der Bedeutung dieses neuen Weltentwurfs,
der Frage nach einem neuen Sein im Cyberspace und der Reflexion
über das Verhältins von Macht und Zugang zu Information
und der Bedeutung dieser Verregelung, damit, und nicht mit
weniger, beschäftigt sich Informationsethik.
Welche Bedeutung, hat nun die digitale Revolution
und hat mit ihrem globalen Siegeszug eine neue universale
Ethik Einzug gehalten, unabhängig von kulturellen Räumen
und geographischen Grenzen? Oder ist Informationsethik nur
eine von vielen Möglichkeiten dem heutigen handelnden
Menschen an die Hand zu gehen?
gipfelthemen.de sprach mit Rafael
Capurro, Professor für Informationswissenschaft und
Informationsethik an der Hochschule der Medien (HdM),
Gründer des International Center for Information Ethics
(ICIE) und
Herausgeber der International Review of Information Ethics
(IRIE),
über die digitale Kultur und die "Hauptaufgabe der
Informationsethik, die Relativität des digitalen Weltentwurfs
im Informationsbereich aufzudecken."
Weitere Themen des Email-Gesprächs waren neben den digitalen
Herausforderungen für die Ethik, die Bedeutung der Informationsethik
für die Überwindung der digitalen Gräben und
die Möglichkeiten einer Informationsethik als Moderator
im interkulturellen Dialog.
Capurro, dessen Denken in der Tradition Heideggers wurzelt,
ist der Entdecker einer digitalen Ontologie d.h. der Möglichkeit,
"dass die digitale Technik alle Lebenssbereiche durchdringt
und somit als ein Seins- oder Weltentwurf aufgefasst werden
kann."
Über sich selbst sagt er: "In mancher Hinsicht denke
ich, zumindest auf den ersten Blick, mit Heidegger gegen Heidegger,
d.h. ich versuche selbst zu denken. Selbst zu denken, heißt
aber immer mit anderen zu denken."
Einen ersten Einblick in das Denken Capurros gibt dieses elftteilige
Interview. Lesen Sie die Antworten Capurros in unserer Serie
"Über das Verhalten im Raum der Information".
Rafael Capurro ist Autor der Werke "Informationsethik"
und "Leben im Informationszeitalter " und Mitherausgeber
der Schriftenreihe
des ICIE beim Fink-Verlag und Veranstalter des von der
VolkswagenStiftung finanzierten Symposiums "International
ICIE Symposium 2004.
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Erschienen
bei gipfelthemen.de
am 31.05.2005
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