Über das
Verhalten im Raum der Information Teil 9
gipfelthemen.de sprach mit Rafael
Capurro, Professor für Informationswissenschaft und
Informationsethik an der Hochschule der Medien (HdM),
Gründer des International Center for Information Ethics
(ICIE) und
Herausgeber der International Review of Information Ethics
(IRIE),
über die digitale Kultur und die "Hauptaufgabe der
Informationsethik, die Relativität des digitalen Weltentwurfs
im Informationsbereich aufzudecken."
9.Sie sprachen schon vor Jahren
(2001) davon, dass mit dem Starten des Rechners und dem Anschließen
an das Netz, "das Sein erst zu sich selbst finden würde"
bzw. die Existenz in der digitalen Welt erwacht. Teilen Sie
diese euphorische Sicht heute immer noch?
Ich bin weiterhin der Meinung, dass die digitale
Technik alle Lebensbereiche durchdringt und somit als ein
Seins- oder Weltentwurf aufgefasst werden kann. Als mein Freund
Michael Eldred und ich den Gedanken einer digitalen Ontologie
(im Heideggerschen Sinne) in einem E-Mail-Gespräch im
Jahre 2001 entwickelten (Siehe: http://www.capurro.de/digont.htm),
war ich in der Tat über diese Entdeckung etwas euphorisch.
Inzwischen hat sich die Euphorie gelegt, aber die Einsicht
ist geblieben. Allerdings könnte die Aussage über
den Netzanschluss als ein Zu-sich-selbst-finden des Seins
in einem doppelten Sinne missverstanden werden. Zum einen
sollte diese Aussage nicht im Hegelschen Sinne gedeutet werden.
Ich bin nicht der Meinung, dass mit der digitalen Revolution,
eine neue Stufe des Geistes eingeleitet ist, so dass eine
digital vernetzte Menschheit eine höhere kulturelle und/oder
moralische Vervollkommnung erreichen würde. Wir müssen,
jenseits von Pessimismus und Optimismus, zunächst nüchtern
feststellen, dass die digitale Weltvernetzung uns vor theoretischen
und praktischen Herausforderungen stellt, die wir nicht zuletzt
wegen der Geschwindigkeit und des globalen Ausmaßes
dieser Entwicklung noch kaum überblicken und in ihrer
Bedeutung ermessen können. Zum anderen könnte der
Gedanke einer digitalen Ontologie dahingehend missverstanden
werden, als ob ich eine solche Ontologie für die wahre
Weltsicht halten würde. Das steht aber im krassen Widerspruch
zum Heideggerschen Ansatz, wonach das Sein als das transcendens
schlechthin stets fragwürdig bleibt. Wir haben, um es
in der Sprache der Luhmannschen Systemtheorie zu sagen, keinen
Außenbeobachter des Seins, der es und die darauf gerichteten
Perspektiven definitiv auf den Begriff bringen könnte.
Es bleibt nur der Weg der Übersetzung bzw. der „Über-Setzung“
offen. Dies kann aber nur gelingen, wenn wir aus der digitalen
Ontologie keine digitale Metaphysik und, in ihrer Folge, keine
digitale Ideologie, kein Informatismus also, machen. Wenn
ich so von Ontologie spreche, meine ich immer zugleich Ethik
im Sinne der Deutung unseres Wohnens in der Welt als Antwort
auf das Unvorhergesehene und von uns nur teilweise beherrschbare
Ereignis dieser Weltdeutung, die nicht nur alle Phänomene,
sondern allen voran, die Dimensionen unseres Existierens selbst
berührt.
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Erschienen
bei gipfelthemen.de
am 31.05.2005
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