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Kilian Beutel Datum:Thursday, 25. August 2005
Von:

Kilian Beutel

An: kbeutel@politik-digital.de
URL: keine

Über das Verhalten im Raum der Information Teil 9

gipfelthemen.de sprach mit Rafael Capurro, Professor für Informationswissenschaft und Informationsethik an der Hochschule der Medien (HdM), Gründer des International Center for Information Ethics (ICIE) und Herausgeber der International Review of Information Ethics (IRIE), über die digitale Kultur und die "Hauptaufgabe der Informationsethik, die Relativität des digitalen Weltentwurfs im Informationsbereich aufzudecken."

9.Sie sprachen schon vor Jahren (2001) davon, dass mit dem Starten des Rechners und dem Anschließen an das Netz, "das Sein erst zu sich selbst finden würde" bzw. die Existenz in der digitalen Welt erwacht. Teilen Sie diese euphorische Sicht heute immer noch?

Ich bin weiterhin der Meinung, dass die digitale Technik alle Lebensbereiche durchdringt und somit als ein Seins- oder Weltentwurf aufgefasst werden kann. Als mein Freund Michael Eldred und ich den Gedanken einer digitalen Ontologie (im Heideggerschen Sinne) in einem E-Mail-Gespräch im Jahre 2001 entwickelten (Siehe: http://www.capurro.de/digont.htm), war ich in der Tat über diese Entdeckung etwas euphorisch. Inzwischen hat sich die Euphorie gelegt, aber die Einsicht ist geblieben. Allerdings könnte die Aussage über den Netzanschluss als ein Zu-sich-selbst-finden des Seins in einem doppelten Sinne missverstanden werden. Zum einen sollte diese Aussage nicht im Hegelschen Sinne gedeutet werden. Ich bin nicht der Meinung, dass mit der digitalen Revolution, eine neue Stufe des Geistes eingeleitet ist, so dass eine digital vernetzte Menschheit eine höhere kulturelle und/oder moralische Vervollkommnung erreichen würde. Wir müssen, jenseits von Pessimismus und Optimismus, zunächst nüchtern feststellen, dass die digitale Weltvernetzung uns vor theoretischen und praktischen Herausforderungen stellt, die wir nicht zuletzt wegen der Geschwindigkeit und des globalen Ausmaßes dieser Entwicklung noch kaum überblicken und in ihrer Bedeutung ermessen können. Zum anderen könnte der Gedanke einer digitalen Ontologie dahingehend missverstanden werden, als ob ich eine solche Ontologie für die wahre Weltsicht halten würde. Das steht aber im krassen Widerspruch zum Heideggerschen Ansatz, wonach das Sein als das transcendens schlechthin stets fragwürdig bleibt. Wir haben, um es in der Sprache der Luhmannschen Systemtheorie zu sagen, keinen Außenbeobachter des Seins, der es und die darauf gerichteten Perspektiven definitiv auf den Begriff bringen könnte. Es bleibt nur der Weg der Übersetzung bzw. der „Über-Setzung“ offen. Dies kann aber nur gelingen, wenn wir aus der digitalen Ontologie keine digitale Metaphysik und, in ihrer Folge, keine digitale Ideologie, kein Informatismus also, machen. Wenn ich so von Ontologie spreche, meine ich immer zugleich Ethik im Sinne der Deutung unseres Wohnens in der Welt als Antwort auf das Unvorhergesehene und von uns nur teilweise beherrschbare Ereignis dieser Weltdeutung, die nicht nur alle Phänomene, sondern allen voran, die Dimensionen unseres Existierens selbst berührt.

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Erschienen bei gipfelthemen.de am 31.05.2005

 

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