Über das
Verhalten im Raum der Information Teil 5
gipfelthemen.de sprach mit Rafael
Capurro, Professor für Informationswissenschaft und
Informationsethik an der Hochschule der Medien (HdM),
Gründer des International Center for Information Ethics
(ICIE) und
Herausgeber der International Review of Information Ethics
(IRIE),
über die digitale Kultur und die "Hauptaufgabe der
Informationsethik, die Relativität des digitalen Weltentwurfs
im Informationsbereich aufzudecken."
5.Welche Probleme entstehen durch die
zunehmende Vermischung von lokal und global zu dem, was Ulrich
Beck "Glokalität" nennt, aus ethischer Sicht?
Vielleicht sollten wir zuerst bedenken, dass
die Vermischung zwischen dem Lokalen und dem Globalen die
ganze Menschheitsgeschichte betrifft, und zwar nicht nur in
Bezug auf die Wanderbewegungen unserer Vorfahren vor Jahrmillionen,
sondern auch auf den regen wirtschaftlichen und kulturellen
Austausch, der mit Entstehung der großen Kulturen sowie
mit der Erfindung der Schrift einsetzt. Die summerische oder
die altägyptische Kultur waren nicht weniger „glokal“
als die Kulturen in Altchina oder die präkolumbianischen
Kulturen Lateinamerikas. Auch die Probleme wirtschaftlicher
und kultureller Unterdrückung und Ausbeutung sind nicht
neu, wenngleich die geographische Erkundung des Erdballs in
der Neuzeit diese „glokalen“ Probleme potenzierte
und beschleunigte. Das gilt umso mehr für die in wenigen
Jahrzehnten sich vollzogene digitale Globalisierung, die einen
ersten Höhepunkt mit der Verbreitung der Massenmedien
im 20. Jahrhundert erreichte.
Das Internet mit seiner dezentralen und interaktiven
Möglichkeiten bedeutet eine Infragestellung der hierarchisch
und meistens nur scheinbar interaktiv ausgerichteten Verbreitung
massenmedialer Botschaften. Die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts
sind message societies, d.h. Gesellschaften bei denen Menschen
Botschaften aller Art und in unterschiedlichen Medien austauschen,
wobei diese nicht mehr in der Weise moralisch und rechtlich
reguliert werden können, wie dies bei den Massenmedien
der Fall war und weitgehend auch noch ist. Ich glaube, dass
eine solche Deregulierung gesellschaftlicher Kommunikation
einen Weg in Richtung freiheitlicher Gesellschaften bedeuten
kann, wenngleich die romantische Vorstellung einer sich von
den lokalen Bedingungen lösenden Netzgesellschaft von
netizens in den Bereich sozialer Märchen oder schlechter
sozialer Utopien gehört. Die Propheten solcher Utopien
propagieren sie oft mit einem pseudo-religiösen Eifer,
der als Cybergnosis, d.h. als die Hoffnung auf Erlösung
durch die Macht digitaler Technik, bezeichnet werden kann.
Stattdessen sollte es darum gehen, auf der
Basis eines pragmatischen politischen Konsenses, wie wir zur
Zeit im Rahmen des WSIS anstreben, die Rahmenbedingungen für
eine gerechtere und offenere Kommunikationsordnung zu schaffen.
Das wird sicherlich auf Widerstand der alten Informationsmonopole
stoßen, wie die Diskussionen um copyright, freie Software
und open source zeigen. Neben Prinzipiendeklarationen und
globalen Programmen sind auch konkrete lokale Diskussionen
und Lösungen nötig, bei denen es darum geht, die
Vielfalt von Kommunikationskulturen zu bewahren und die gesellschaftsinternen
und -externen Gefahren des digitalen Kolonialismus aufzudecken
und zu bekämpfen. Dafür müssen die entsprechenden
nationalen und internationalen Strukturen und Institutionen
weiter gefördert und ausgebaut werden, wozu den Nicht-Regierungsorganisationen
(NGOs) eine besondere Verantwortung zukommt. Es ist noch offen,
welche Rolle die Vereinten Nationen nach Abschluss des WSIS
spielen können und sollen. Vielleicht wäre eine
UN Informationsagentur nötig, die solche Konferenzen
im Sinne einer nachhaltigen corporate governance in regelmäßigen
Abständen organisiert und dabei eine controlling Funktion
ausübt. Die Parallele zu ökologischen Fragen im
Sinne einer Informationsökologie ist offensichtlich.
Auf der akademischen Ebene sollten wir den Austausch informationsethischer
Reflexion intensivieren nicht zuletzt mit dem Ziel, die kulturellen
Differenzen im Informationsbereich herauszuarbeiten.
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Erschienen
bei gipfelthemen.de
am 31.05.2005
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