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Kilian Beutel Datum:Tuesday, 21. June 2005
Von:

Kilian Beutel

An: kbeutel@politik-digital.de
URL: keine

Über das Verhalten im Raum der Information Teil 5

gipfelthemen.de sprach mit Rafael Capurro, Professor für Informationswissenschaft und Informationsethik an der Hochschule der Medien (HdM), Gründer des International Center for Information Ethics (ICIE) und Herausgeber der International Review of Information Ethics (IRIE), über die digitale Kultur und die "Hauptaufgabe der Informationsethik, die Relativität des digitalen Weltentwurfs im Informationsbereich aufzudecken."

5.Welche Probleme entstehen durch die zunehmende Vermischung von lokal und global zu dem, was Ulrich Beck "Glokalität" nennt, aus ethischer Sicht?

Vielleicht sollten wir zuerst bedenken, dass die Vermischung zwischen dem Lokalen und dem Globalen die ganze Menschheitsgeschichte betrifft, und zwar nicht nur in Bezug auf die Wanderbewegungen unserer Vorfahren vor Jahrmillionen, sondern auch auf den regen wirtschaftlichen und kulturellen Austausch, der mit Entstehung der großen Kulturen sowie mit der Erfindung der Schrift einsetzt. Die summerische oder die altägyptische Kultur waren nicht weniger „glokal“ als die Kulturen in Altchina oder die präkolumbianischen Kulturen Lateinamerikas. Auch die Probleme wirtschaftlicher und kultureller Unterdrückung und Ausbeutung sind nicht neu, wenngleich die geographische Erkundung des Erdballs in der Neuzeit diese „glokalen“ Probleme potenzierte und beschleunigte. Das gilt umso mehr für die in wenigen Jahrzehnten sich vollzogene digitale Globalisierung, die einen ersten Höhepunkt mit der Verbreitung der Massenmedien im 20. Jahrhundert erreichte.

Das Internet mit seiner dezentralen und interaktiven Möglichkeiten bedeutet eine Infragestellung der hierarchisch und meistens nur scheinbar interaktiv ausgerichteten Verbreitung massenmedialer Botschaften. Die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts sind message societies, d.h. Gesellschaften bei denen Menschen Botschaften aller Art und in unterschiedlichen Medien austauschen, wobei diese nicht mehr in der Weise moralisch und rechtlich reguliert werden können, wie dies bei den Massenmedien der Fall war und weitgehend auch noch ist. Ich glaube, dass eine solche Deregulierung gesellschaftlicher Kommunikation einen Weg in Richtung freiheitlicher Gesellschaften bedeuten kann, wenngleich die romantische Vorstellung einer sich von den lokalen Bedingungen lösenden Netzgesellschaft von netizens in den Bereich sozialer Märchen oder schlechter sozialer Utopien gehört. Die Propheten solcher Utopien propagieren sie oft mit einem pseudo-religiösen Eifer, der als Cybergnosis, d.h. als die Hoffnung auf Erlösung durch die Macht digitaler Technik, bezeichnet werden kann.

Stattdessen sollte es darum gehen, auf der Basis eines pragmatischen politischen Konsenses, wie wir zur Zeit im Rahmen des WSIS anstreben, die Rahmenbedingungen für eine gerechtere und offenere Kommunikationsordnung zu schaffen. Das wird sicherlich auf Widerstand der alten Informationsmonopole stoßen, wie die Diskussionen um copyright, freie Software und open source zeigen. Neben Prinzipiendeklarationen und globalen Programmen sind auch konkrete lokale Diskussionen und Lösungen nötig, bei denen es darum geht, die Vielfalt von Kommunikationskulturen zu bewahren und die gesellschaftsinternen und -externen Gefahren des digitalen Kolonialismus aufzudecken und zu bekämpfen. Dafür müssen die entsprechenden nationalen und internationalen Strukturen und Institutionen weiter gefördert und ausgebaut werden, wozu den Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) eine besondere Verantwortung zukommt. Es ist noch offen, welche Rolle die Vereinten Nationen nach Abschluss des WSIS spielen können und sollen. Vielleicht wäre eine UN Informationsagentur nötig, die solche Konferenzen im Sinne einer nachhaltigen corporate governance in regelmäßigen Abständen organisiert und dabei eine controlling Funktion ausübt. Die Parallele zu ökologischen Fragen im Sinne einer Informationsökologie ist offensichtlich. Auf der akademischen Ebene sollten wir den Austausch informationsethischer Reflexion intensivieren nicht zuletzt mit dem Ziel, die kulturellen Differenzen im Informationsbereich herauszuarbeiten.

 

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Erschienen bei gipfelthemen.de am 31.05.2005

 

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