Über das
Verhalten im Raum der Information Teil 4:
Vom Verhältnis von Körperlichkeit
und Virtualität
gipfelthemen.de sprach mit Rafael
Capurro, Professor für Informationswissenschaft und
Informationsethik an der Hochschule der Medien (HdM),
Gründer des International Center for Information Ethics
(ICIE) und
Herausgeber der International Review of Information Ethics
(IRIE),
über die digitale Kultur und die "Hauptaufgabe der
Informationsethik, die Relativität des digitalen Weltentwurfs
im Informationsbereich aufzudecken."
4.Wie verhält sich Kultur zu Ethik
und welche Probleme entstehen durch die Loslösung von
beidem von der Körperlichkeit hin zu einer virtuellen
Sphäre?
Ethik im Sinne von Reflexion über Moral
betrifft auch die Grundlagen der Kultur. Die heutige digitale
Kultur, die Sie ansprechen, bewirkt in der Tat ein Absehen
leiblicher Dimensionen des Menschseins sowie generell ein
Absehen der materiellen Lebensgrundlagen. Im Unterschied aber
zu metaphysischen oder religiösen Traditionen, bei denen
ein solches Absehen mit Bezug auf einer höheren geistigen
Sphäre vorkommt, erschöpft sich die digitale Kultur
nicht in der Schaffung der virtuellen Sphäre, sondern
sie beansprucht zugleich die Perspektive der Digitalisierbarkeit
aller Phänomene als den königlichen Weg zur Wahrheitsfindung.
So gesehen, sind alle Phänomene erst in ihrem Sein erfasst,
wenn sie digitalisiert sind. Ich spreche von einer digitalen
Ontologie im Heideggerschen Sinne eines Weltentwurfs, der
den Zeitgeist einer ganzen Epoche, der unseren, ausmacht,
ohne dass seine Konturen für alle deutlich sind.
Die Relativität eines Weltentwurfs wird
erst sichtbar, wenn wir ihn in Zusammenhang mit anderen in
Verbindung setzen. Die politische Brisanz solcher Entwürfe
erkennen wir zum Beispiel an der Auseinandersetzung zwischen
Idealismus und Materialismus im 19. Jahrhundert – der
dialektische Materialismus wurde bekanntlich zur Staatsdoktrin
eines totalitären Imperiums und der Biologismus in Form
von Rassismus zur Grundlage des größten Verbrechens
der Menschheitsgeschichte –, oder an der Vorstellung
der Weltschöpfung durch einen transzendenten Gott, oder
am antiken Gedanken der Natur (physis) als eines unaufhörlichen
Prozesses der Hervorbringung der Phänomene. Ich sehe
deshalb als eine Hauptaufgabe der Informationsethik darin,
die Relativität des digitalen Weltentwurfs im Informationsbereich
aufzudecken. Im Falle seiner Verabsolutierung, wofür
ich den Begriff Informatismus benutze, dient er auch als Grundlage
des Kapitalismus dar. Das Platzen der E-Economy bedeutet keineswegs,
dass die Gefahr einer nicht nur ökonomischen, sondern
auch politischen Instrumentalisierung der Weltvernetzung gebannt
wäre. Im Klartext, wir müssen auf die qualitativen
Unterschiede medialer Kommunikation achten und der Versuchung
des digitalen Reduktionismus widerstehen. Das ist nicht nur
eine theoretische, sondern vor allem auch eine große
politische, soziale, kulturelle und pädagogische Aufgabe,
die sich nicht von heute auf morgen und auch nicht allein
mit Hilfe abstrakter universaler Prinzipien und Forderungen
lösen lässt. Die Arbeit über den richtigen
oder angemessenen Umgang mit den digitalen Medien findet bereits
in der Familie und in der Schule statt. Sie ist Teil dessen,
was wir heute mit dem Begriff Lebenskunst bezeichnen und was
man früher Bildung nannte.
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Erschienen
bei gipfelthemen.de
am 31.05.2005
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