Über das
Verhalten im Raum der Information Teil 2
gipfelthemen.de sprach mit Rafael
Capurro, Professor für Informationswissenschaft und
Informationsethik an der Hochschule der Medien (HdM),
Gründer des International Center for Information Ethics
(ICIE) und
Herausgeber der International Review of Information Ethics
(IRIE),
über die digitale Kultur und die "Hauptaufgabe der
Informationsethik, die Relativität des digitalen Weltentwurfs
im Informationsbereich aufzudecken."
2.Das Internet schafft einen neuen
Raum in dem man sich verhalten muss. Dafür benötigt
man eine neue Verhaltensregel oder Ethik, die Informationsethik.
Warum reichen die bisherigen ethischen Systeme (Kants Pflichtethik
etwa) nicht mehr aus?
Ich bin wie Sie der Meinung, dass das Internet
einen neuen Verhaltensraum geschaffen hat. Das impliziert
auch neue Verhaltensregeln, wie sie zum Beispiel zu Beginn
der Entwicklung des World Wide Web im Sinne einer 'Netiquette’
konzipiert wurden. Natürlich war damit ein sehr kleiner
Teil der neuen Herausforderungen angesprochen. Am anderen
Ende finden wir heute die ethisch-politischen Diskussionen
im Rahmen des World Summit on the Information Society (WSIS)
vor allem in Zusammenhang mit dem Menschenrecht auf Kommunikation
sowie des offenen Zugangs zum Wissen in den digitalen und
interaktiven Netzen mit dem Ziel der Aufhebung der digitalen
Spaltung, was nicht allein ein technisches, sondern vor allem
ein kulturelles und insbesondere ein pädagogisches Problem
darstellt.
Es gibt keine einfache Antworten auf die Frage,
wie und inwiefern die digitale Weltvernetzung zur Linderung
von Armut und Krankheit sowie zum Schutz der Lebensräume
und zum Motor einer nachhaltigen sozialen, politischen, ökonomischen,
kulturellen und ökologischen Entwicklung dienen kann.
Die unterschiedlichen ethischen Systeme sind ihrerseits kulturell
verwurzelt und lassen sich nicht von ihren lokalen Entstehungsbedingungen
vollkommen lösen. Eher ist es so, dass universale moralische
Normen, wie im Falle der Allgemeinen Deklaration der Menschenrechte,
immer interpretationsbedürftig sind. Das gilt auch für
theoretische Paradigmen in der Ethik, ja für die Ethik
selbst, als einer von Aristoteles begründeten also aus
der abendländischen Tradition stammenden Disziplin, die
sich mit dem 'Ethos’, d.h. mit dem 'menschlichen Wohnen’
und seinen Normen befasst. Die Theorien über diese Verhaltensregeln
sind nicht weniger umstritten sowohl in unserer als auch in
anderen kulturellen Traditionen als sonstige wissenschaftliche
Theorien. Ich betrachte aber die Vielfalt ethischer Paradigmen
nicht als Schwäche oder sogar als Gefahr für eine
sich universalistisch wähnende Ethik, sondern als Gewinn
für eine kritische Diskussion, die nicht von angeblich
unumstößlichen gedanklichen Systemen ausgeht. Kants
Kriterium der Universalisierbarkeit von Handlungsmaximen ist
wohlweislich ein formales Kriterium. Die antike Ethik war
wiederum empfänglicher für die Kontingenz menschlicher
Erfahrung. Fundamentalismus und Relativismus sind nur die
Kehrseite einer interkulturellen ethischen Reflexion, die
sich dem Wagnis menschlicher Freiheit stellt.
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Erschienen
bei gipfelthemen.de
am 31.05.2005
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