Über das
Verhalten im Raum der Information Teil 11
gipfelthemen.de sprach mit Rafael
Capurro, Professor für Informationswissenschaft und
Informationsethik an der Hochschule der Medien (HdM),
Gründer des International Center for Information Ethics
(ICIE) und
Herausgeber der International Review of Information Ethics
(IRIE),
über die digitale Kultur und die "Hauptaufgabe der
Informationsethik, die Relativität des digitalen Weltentwurfs
im Informationsbereich aufzudecken."
11.Welche Rolle spielt Heidegger in
Ihrer Informationsethik-Philosophie?
Heidegger stand der Informationstechnologie
kritisch gegenüber. Er meinte, dass diese Technologie
letztlich zu einer Verdinglichung der Sprache und somit unseres
Seins führen würde. Sie wäre eine bestimmte
Form dessen zu verstehen, was er „Gestell“ nannte,
d.h. eine Sammlung aller Formen des Stellens von Sprache.
Ich spreche sinngemäß von „Informations-Gestell“.
Dabei ist aber zu bemerken, dass für Heidegger das „Gestell“
nicht im Sinne einer bloßen kulturkritischen Kategorie
missverstanden werden sollte. Dieser Begriff spielt eine ähnliche
Rolle wie der Begriff der Alltäglichkeit beim frühen
Heidegger. Wir leben heute „zunächst und zumeist“
im „Informations-Gestell“. Es ist kein bloßer
„Jargon der Eigentlichkeit“ (Adorno), wenn Heidegger
die Möglichkeit erwägt, eine andere „eigentliche“
Einstellung zum Alltäglichen einnehmen zu können.
In Wahrheit ist eine solche Möglichkeit, das, was wir
stets in der Ethik zu thematisieren versuchen, wenn wir zum
Beispiel erwägen, unsere Handlungsmaximen jenseits der
subjektiven „alltäglichen“ Interessen zu
hinterfragen, was zum Beispiel mit Hilfe des Kantischen Kriterium
der Universalisierbarkeit stattfindet. Was bedeutet Authentizität
in der heutigen Informationsgesellschaft? Welche Änderung
unseres Blickpunktes müssen wir in Bezug auf die digitale
Weltvernetzung vollziehen, damit wir sowohl prinzipiell als
auch situationsbezogen jenen Standpunkt beziehen können,
der uns erlaubt, zumindest vorläufig, unsere Interessen
beiseite zu schieben und eine moralische Einstellung einzunehmen?
In mancher Hinsicht denke ich, zumindest auf den ersten Blick,
mit Heidegger gegen Heidegger, d.h. ich versuche selbst zu
denken. Selbst zu denken, heißt aber immer mit anderen
denken. Das war ein Grundgedanke der Aufklärung gegen
Bevormundung in Bezug auf die Möglichkeit, wer wem etwas
mitteilen dürfte. In einem anderen Kontext habe ich dies
folgendermaßen ausgedrückt:
In der Schrift "Was heißt: Sich
im Denken orientieren?" (Kant 1923, AA VIII) betont Kant,
dass die Gedankenfreiheit unlösbar mit der Freiheit "seine
Gedanken öffentlich mitzutheilen" verbunden ist.
Die geistige Unabhängigkeit besteht für Kant nicht
darin, dass die Gedanken, "wie nächtliche Schatten"
vorbeifliegen und "frei sind", so dass "kein
Jäger sie erschießen" kann, wie es bei Joseph
von Eichendorff heißt. Wenn die geistige Unabhängigkeit
durch äußere Zwänge eingeschränkt oder
sogar bedroht ist, dann sucht Kant keineswegs einen Trost
im stillen Kämmerlein der eigenen Subjektivität
oder hofft, dass der Geist auf wundersame Weise vorbeifliegt,
sondern er fordert die relative Unabhängigkeit eines
äußeren Mediums, der "Schriften". Diese
Forderung hat einen tieferen Sinn, nämlich den, dass
der Ursprung der "Gedanken" nicht im isolierten
Denken, sondern im Gespräch zu suchen ist. Will dieses
Gespräch sich prinzipiell an jedermann richten, also
universal sein, so muß es sich mitteilen lassen können,
denn, was wir denken, ist immer das, was wir mit anderen denken
und dies läßt sich nur in einem gemeinsamen Medium
vollziehen.“ (http://www.capurro.de/zkmforum.htm)
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Erschienen
bei gipfelthemen.de
am 31.05.2005
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