Digitale Chancen
statt digitalem Kulturkampf
Ende des vergangenen Jahres machte der Google-Konzern
eine Kooperation mit fünf renommierten Bibliotheken aus
den Vereinigten Staaten und England öffentlich. Diese
zielt darauf ab, deren Bestand zu digitalisieren und die gescannten
Buchseiten im Internet abrufbar zu machen. Umgehend kritisierte
der Leiter der französischen Nationalbibliothek das Ansinnen
als unilateralistisch und regte eine kontinentaleuropäisches
Gegenprojekt an. Seitdem steckt in den transatlantischen Kulturbeziehungen
der Bücherwurm. Dabei könnte eine Chance vertan
werden.
Die Google - Strategie
„Google Print“
nennt sich das ehrgeizige Digitalisierungsprojekt des 54 Milliarden
US-Dollar schweren Internetkonzerns Google. Allein in Deutschland
hat die werbefinanzierte Suchmaschine einen geschätzten
Marktanteil von 75-85%. Und nun sind nach den virtuellen Webseiten
auch ihre papierenen Vorgänger dran. Mit Investitionen
von 150 - 200 Millionen Dollar, verteilt auf zehn Jahre, beabsichtigt
Google bis zu 4,5 Milliarden Buchseiten zu digitalisieren
und ins Internet zu stellen. Dies folgt der erklärten
Firmendevise, alle verfügbaren Informationen weltweit
zugänglich zu machen.
Bestandsbeschaffung für die Digitalisierung
Um sich die zu digitalisierenden Bücher zu beschaffen,
verfolgt Google eine Doppelstrategie. Zum einen hat der Konzern
Kooperationsverträge mit den renommierten Bibliotheken
von Harvard,
Stanford,
der University
of Michigan, der Bodleian
Library der University of Oxford und der New
York Public Library abgeschlossen. Je nach Vertragsgestaltung
bekommen die Buchgeber eine digitale Kopie ihrer Bestände,
die sie ihren Nutzern zugänglich machen oder einfach
archivieren können. Zum anderen arbeitet Google mit Verlagen
zusammen, die ihre Bücher scannen lassen und dafür
sowohl an den Werbelinkeinnahmen beteiligt werden als auch
auf höheren Absatz der Papierversion hoffen.
Das Suchverfahren
Für Ergebnisse aus „Google Print“ muss bei
der Sucheingabe bei Google nur „book about“ vorangestellt
werden. Bei urheberrechtsfreien Büchern ist dann das
entsprechende Werk vollständig online lesbar. Demgegenüber
sind Texte die noch geschützt sind nur zeilen- bzw. seitenweise
einzusehen. Dass der Suchdienst bereits jetzt erste Ergebnisse
liefert, spricht für den großen Ehrgeiz, den der
Konzern in das Projekt investiert. Einzige Krux: Bisher ist
die Dienstleistung nur über das amerikanische Portal
von Google nutzbar.
Die europäische Antwort
Das europäische Echo ließ nicht lange auf sich
warten. Zuerst schrieb der Leiter der französischen Nationalbibliothek,
Jean-Noël Jeanneney, im Januar 2005 einem geharnischten
Zeitungsartikel, in dem er die Einbeziehung ausschließlich
englischsprachiger Bibliotheken als Kulturimperialismus brandmarkte.
Wer zukünftig im Internet nach Bücherinhalten suche,
müsse zwangsläufig auf englische Titel oder schlimmer
noch auf bloße Übersetzungen französischer
Klassiker stoßen. Mittelfristig etabliere sich so eine
Dominanz des Englischen gegenüber den kontinentaleuropäischen
Sprachen. Dagegen müsse man sich im Namen der Kulturvielfalt
wehren.
Schnell machte sein Staatspräsident Jacques Chirac die
Abwehr angloamerikanischer Sprachdominanz zur Chefsache und
initiierte ein Schreiben sechs europäischer Staatsmänner
(unter ihnen der deutsche Kanzler) an die EU, in welchem sie
eine entschlossene Antwort der Staatengemeinschaft anmahnten.
TEL – ME - MORE
Vor einigen Wochen wurde dann durch 19 europäische Nationalbibliotheken
der Vertrag für die von Jeanneney eingeforderte Gegenoffensive
unterschrieben. Unter dem Projektnamen TEL-ME-MORE soll im
Rahmen einer digitalen
europäischen Bibliothek der Bestand der europäischen
Nationalbibliotheken im Internet zugänglich gemacht werden.
Damit wird an bereits existierende Digitalisierungsprojekte
der einzelnen Nationalbibliotheken angeknüpft. Neu sind
allerdings die Dimensionen, welche die geplante Kooperation
nun erreicht. Konkrete Angaben über den Umfang der einzubeziehenden
Bestände gibt es in dieser Phase zwar noch nicht, aber
es ist bereits klar, dass mehrere Millionen Euro zusätzlich
eingeplant sind. Die EU-Kommissarin Viviane
Reding kündigte ihrerseits schon an, die Digitalisierung
von Bibliotheken, Filmen sowie Fernseh- und Ton-Dokumenten
aus dem europäischen Kulturerbe mit 60 Millionen Euro
zu unterstützen.
Neben den Anstrengungen von Google und den europäischen
Gegenplänen wirken bisherige Digitalisierungsvorhaben
wie Wellblechhütten neben Hochhäusern. So etwa das
auf ca. 450.000 Buchseiten angewachsene „Projekt
Gutenberg“, welches sich auf Schriftsteller spezialisiert
hat, deren Texte nicht mehr dem Copyright unterliegen. Auch
die französische „Gallica“,
die immerhin 80.000 komplette Werke umfasst, erscheint mit
einem Etat von um die 150.000 € unterfinanziert.
Verwunderung bei Google
Auf der anderen Seite des Atlantiks reibt man sich ob der
Kampfeslust der Europäer betont verwundert die Augen
und beeilt sich abzuwiegeln. Man beabsichtige überhaupt
nicht, sich auf englischsprachige Werke zu beschränken.
Aber irgendwo müsse doch begonnen werden. Dazu verweisen
sie auf laufende Gespräche mit kontinentaleuropäischen
Bibliotheken und Verlagen. So unterbreitete Google nachweisbar
jüngst 130 Verlagen in Frankreich ein Angebot auf Digitalisierung
ihrer Bücher.
Digitalisierung als europäische Chance
Die Diskussion um „Google Print“ erinnert an
diejenige um die Radiopflichtquote für nationale Musik.
Es scheint so, als wollte sich die europäische Kultur
selbst unter Artenschutz stellen. Aber solch Pessimismus ist
gar nicht angebracht.
Die Digitalisierung der Buchbestände ist nämlich
eine Chance für die europäischen Sprachen, im Internet
wahrnehmbarer zu werden. Zunächst zeigen Studien,
dass die Webseiten in der jeweiligen Landessprache in Relation
zu englischsprachigen Seiten seit Jahren ohnehin zunehmen,
was die Angst vor Amerikanisierung durch das Internet widerlegt.
Zudem scheint man zu vergessen, dass schon die Bestände
der angloamerikanischen Bibliotheken (welche teilweise komplett
gescannt werden) mitunter bis zur Hälfte aus fremdsprachlicher
Literatur bestehen. Der Direktor der Bibliothek von Stanford,
Michael Keller, gab denn auch auf Nachfrage an, die Universität
werde selbstverständlich von Google fremdsprachliche
Literatur digitalisieren lassen. Dementsprechend finden sich
bereits jetzt unter den „Google Print“ - Suchergebnissen
Bücher in deutscher Sprache. Ob durch Google selbst,
einen kommerziellen Konkurrenten wie etwa Yahoo! oder die
europäischen Nationalbibliotheken, die Digitalisierung
auch der kontinentalen Buchbestände wird mit Sicherheit
realisiert.
„bibliotheca universalis“
Dabei ist nun das Projekt einer europäischen digitalen
Bibliothek so wichtig, wie die Aufregung um „Google
Print“ überflüssig. Es ist in jedem Fall sinnvoll
im Rahmen von TEL-ME-MORE die bisherigen Digitalisierungsanstrengungen
der einzelnen europäischen Nationalbibliotheken zu koordinieren
und zu erweitern. Aber dies kann auch als Ergänzung zu
„Google Print“ verstanden werden.
Denn bei allen Kassandra-Rufen sollte nicht vergessen werden,
dass das Mammutprojekt einer Digitalisierung der weltweiten
Buchbestände allen Seiten Vorteile bringt. Nicht zuletzt
den armen und ärmsten Ländern, die damit einen zuvor
unerreichbaren Zugang zum gesammelten Weltwissen erhalten.
Wenn die eigene europäische Digitalisierungsinitiative
die lang ersehnte „bibliotheca universalis“ befördert,
dann hat sie bereits einen wertvollen Effekt. Einigt sich
Europa mit Google, um Synergieeffekte zu erzielen, könnte
man diesen maximieren.
Erschienen
bei gipfelthemen.de
am 19.05.2005
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