"Wissen
in der Informationsgesellschaft - was ist das wert?
Deutschland
befindet sich auf dem Weg in die Informationsgesellschaft.
Einige Korrekturen im Bereich virtueller Sicherheit sowie
die Schaffung verbindlicher Rahmenbedingungen stehen allerdings
noch aus. Ein Kommentar von Dr.
Dieter Klumpp.
Erste Generation Informationsgesellschaft
Unzweifelhaft sind wir auf dem Weg zu einer Informationsgesellschaft
weit vorangekommen. Nach dreißig Jahren intensiver Diskussion
über die kommende Informationsgesellschaft muss aber
im Jahr des „Weltgipfels der Informationsgesellschaft“
schon einmal in aller Beschei-denheit gefragt werden dürfen,
was das Schlagwort, das Leitbild, die Metapher, das Konzept,
die Theorie oder das Glaubensbekenntnis zur Informationsgesellschaft
eigentlich wert ist. Die Informationsgesellschaft definierte
sich in der öffentlichen Diskussion eher durch Konno-tationen
als durch den Begriff selbst. Und diese Konnotationen waren
und sind durchweg po-sitiv und tragen den Bezeichner „mehr“:
Innovation, Arbeitsplätze, Bildung, Wohlstand, Kultur,
Identität, Ressourcenschonung, Internationalismus, Demokratie,
Bürgerrechte, Partizipation, Tempo, Transparenz, Wissen
und dann und wann ein wenig heile Welt. Ein Begriff, der sich
hauptsächlich über seine Konnotationen definiert,
ist austauschbar, die Konnotationen gelten ebenso für
die „Wissensgesellschaft“, die „Zivilgesellschaft
des 21. Jahrhunderts“, die „Dienstleistungsgesellschaft“
oder andere „post-bindestrichelnden Gesellschaften“.
Noch ist das Leitbild einer Informationsgesellschaft viel
zu schwammig, und erst die nächsten Jahrzehnte werden
zeigen, ob es sich in den Köpfen der Menschen handlungsleitend
festset-zen kann“.
Neuer Wissens-Wert durch Datenbergwerke?
Nehmen wir mal das Gebiet der Intellectual Property Rights
als Beispiel: Hier wird deutlich, dass es weltweit an gesellschaftspolitischen
Mechanismen mangelt, die die Aufgabe der Suche nach verträglichen
Lösungswegen professionell angehen könnten. Wenn
heute den Musik-konzernen und den Bertelsmännern weinerlich
vorgehalten wird, sie würden netz-freiheitliche Errungenschaften
wie die Musik-Tauschbörsen mit ihrem Profitstreben zertrampeln,
wenn den Schulbuchverlagen „innovationsfeindliches Beharren
im Papierzeitalter“ und damit „mangelnde Unterstützung
des e-Learning“ unterstellt wird, dann ist dies in mehrfacher
Hin-sicht Unsinn. Erstens sind in unserer Gesellschaftsordnung
Privatbetriebe - über ihre einzu-bringende Fachexpertise
hinaus - für gesellschaftspolitische Weichenstellungen
schlichtweg nicht zuständig und nicht legitimiert. Zweitens
kann und darf keine „auf Erwerb gerichtete Unternehmung“
auf ein absehbares „Massen-Kavaliersdelikt“ beim
Kopieren seiner gesamten Produkte hin einen Businessplan aufstellen,
das wäre ein Fall für die Wirtschaftsaufsicht.
Die klassischen Lösungsmechanismen über die fachdisziplinäre
Wissenschaftsexpertise, die mit rituellem Lobbyvorwurf belasteten
Stakeholder-Befragungen und über den in zu großen
Zeitabständen stattfindenden „Fachdiskurs“
von Ehrenamtlichen reichen nicht hin. Bei neuen umfassenden
Lösungsansätzen für die Rahmenbedingungen müssen
nicht nur Recht und Technik, sondern auch die Ökonomien
einbezogen werde. Wenn es denn keine praktikable juristisch-technische
Lösung gibt, dann wird man über Gebührenmodelle
auch für den Con-tent neu nachdenken müssen.
Jedoch: Vollständigen Schutz bei Aufrechterhaltung
der Benutzbarkeit gibt es in offenen Net-zen nicht. Geschlossene
Netze oder „Virtuelle Private Netze“, die sich
auch per Software als Konzelationssysteme einrichten lassen,
müssen für die höhere Sicherheit im Sinne eines
„Wissensschutzes“ den Preis der Beschränkung
der Nutzerzahl entrichten. Viel verlangt wird zunehmend vom
Nutzer, der heute schon leicht zehn Prozent seiner PC-Arbeit
ausschließlich für Schutz- und Putzmaßnahmen
aufwenden muss. Zudem ist es in der Praxis sehr schwierig,
laufend den Grad der Schutzwürdigkeit des jeweiligen
Wissens abzuschätzen und entspre-chende Sicherungsstufen
zu wählen. Vielleicht müssen wir vom „individualisierten“
Wissens-schutz zu einem generellen Schutz übergehen,
wo grundsätzlich alles Wissen - bis hin zur unwichtig
erscheinenden Kurzmail - mit einer einheitlich höheren
Sicherheitsstufe versehen wird.
Auch für den Wissensschutz in Netzen gilt, dass das
nicht ohne Kontrolle von Dritten gehen wird. Im innerbetrieblichen
wie im überbetrieblichen Bereich - und damit praktisch
im ge-samten Netz - laufen solche Kontrollen konsequenter
Weise auf Stichproben hinaus. Und Stichproben sind - wie der
Name sagt - anlassunabhängige Kontrollen, was natürlich
immen-ses Konfliktpotential und unbegrenzte Diskussionsmöglichkeit
birgt. Mag man in Betrieben noch an eine Art von „interner
Datenrevision“ denken, die man hierzu aufbauen könnte,
so sehr schließt man die Augen vor der Tatsache, dass
man die Ordnungshüter der äußeren Welt, nämlich
die Polizeien, in diesem Dilemma vollkommen hängen lässt.
Anlassunabhängige Straßenstreifen der Polizei geben
Bürgern das Gefühl der Sicherheit, Netzstreifen
aber das der Unsicherheit. Es gilt aber unabdingbar: Zwischen
dem Wunsch nach bzw. der Notwendigkeit für Schutz einerseits,
also der Freiheit „von“, und dem Erhalt der Freiheit
„zu“ muss es letzt-lich zu einer Festlegung kommen,
und solche Festlegungen enthalten die schmerzlichste aller
gesellschaftlichen Aktivitäten, nämlich eine Entscheidung.
Damit sind wir beim Betrachten des Werts des Wissens in
einer Informationsgesellschaft wieder beim Ausgangspunkt gelandet.
Entscheidungen brauchen zuständige Entscheider, Entscheidungen
benötigen neben Legitimation auch Ressourcen für
ihre Vorbereitung. Wir haben uns wegen der augenscheinlichen
Vorteile, die niemand leugnen kann, unumkehrbar in eine Netzwelt
hineinbegeben, merken jetzt aber, dass sich die gesellschaftlichen
Rahmenbedin-gungen nicht so einfach wie ein neues Release
von Betriebssystemen als regelmäßige Opti-mierung
implementieren lassen.
Die Frage, welchen Wert das Wissen in einer Informationsgesellschaft
hat, kann deswegen nur mit zwei Extremen beantwortet werden:
Das Wissen ist tatsächlich die größte Wertres-source,
aber ohne aufwändige technisch-organisatorische wie juristisch-betriebswirtschaftliche
und letztlich gesellschaftspolitische zusätzliche Organisationsarbeit
kann diese Wertressource überhaupt nicht nachhaltig zur
Entfaltung kommen.
Herausforderung „Nächste Generation Informationsgesellschaft“
Schon diese etwas vertiefende Betrachtung des schillernden
Wissensbegriffs und dem Wis-sensnutzen in einer entstehenden
Informationsgesellschaft soll mit all ihren Querbeziehungen
exemplarisch aufzeigen, dass fast alle aktuellen Zentralbegriffe
nach 30 Jahren tatsächlich auf den Prüfstand müssen.
Nicht etwa, wie mancher beim selektiven Hören oder Lesen
schnell denken mag, um den Weg zur Informationsgesellschaft
zu versperren, zu verminen oder gar zu verschütten -
im Gegenteil. Aber auf dem Marsch zur Informationsgesellschaft
können wir uns eine Kapitulation vor allen Steilhängen,
die mühselig werden könnten, nicht leisten, schon
gar nicht, diese Steilhänge routinemäßig gar
nicht erst sehen zu wollen und alle, die darauf hinweisen,
für Negativtypen zu halten.
Als Standort sollten wir deswegen im Benchmarking nicht
nur auf ein Gleichziehen mit ande-ren Standorten abzielen,
sondern eigenständige mutige und konsequente Vorschläge
in die europäische und die internationale Diskussion
einbringen. Ohne präzise Rahmenziehungen wird Wissen
mehr missbraucht als gebraucht. Wer Schutz vor Kinderpornographie
und ande-ren Drecksachen im Netz will, muss die Polizeirolle
exakt definieren. Wer nicht will, dass nach dem Faxdienst
und der Mail auch noch die SMS-Dienste und bald auch die MMS-Dienste
zugemüllt werden, muss ein technisches Re-Design wollen,
das die anonyme Netz-verschmutzung unmöglich macht, und
dieses Wollen über die Nachfragemacht durchsetzen.. Und
vordringlich ist, dass bei allem, was das modische Präfix
„e-“ hat, auch Punkt für Punkt Klarheit über
das „warum“ hergestellt wird, vom e-Voting über
e-Health bis zum e-Government. Das reine „e“ ist
nicht mehr hinreichend.
„Gestaltung der zweiten Generation Informationsgesellschaft“
lautet die Herausforderung. Diese kann aber nur angenommen
werden, wenn die Unverbindlichkeiten einer dümpelnden
Diskussion in zeitstabile gesellschaftspolitische Entscheidungsstrukturen
überführt werden. Zum Abbau der Unverbindlichkeiten
bedarf es aktuell weniger der noch tiefer schürfenden
Analyse, sondern der klaren Zielansprache. Trotz oder wegen
der erschreckend hohen Zahl von Aktionspunkten und Beteiligten
kann dies wohl nur mit einer Public-Private-Projektorganisation
erreicht werden, ein Versuch, der in den letzten 30 Jahren
noch nicht un-ternommen wurde. Andere Länder haben sich
solche Projektorganisationen zugelegt, vom Ministerium in
Italien, über Parlamentsmissionen in Frankreich bis zur
Agentur in Finnland. Die Länder des Südens und des
Ostens warten auf deutsche Initiativen und fordern Wissens-transfer.
Der Weltgipfel der Informationsgesellschaft im Dezember
2003 in Genf wäre als Datum ein guter Anlass für
Deutschland, konzentriert und mit allen Kräften - von
Politik über Wirt-schaft, Technik und Kultur, über
Gewerkschaften, Verbände und NGO’s - allen zu zeigen,
dass es eine treibende Kraft für eine Informationsgesellschaft
ist - und keine getriebene. Unser Laptop-Kid soll auch nicht
fragen müssen: „Informationsgesellschaft - wann
kommt die denn“?
Der Beitrag ist eine stark gekürzte Fassung eines Vortrags,
gehalten auf dem ver.di-Kongress „Wissen ist was wert“
am 12. Februar 2003. Eine Langfassung des Textes soll als
Beitrag eines Sammelbandes in Buchform erscheinen, im Internet
ist die Langfassung abgelegt unter www.wissen-ist-was-wert.de
Dr. Dieter Klumpp ist Geschäftsführer der ALCATEL
SEL Stiftung für Kommunikationsforschung in Stuttgart:
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