Eritrea surft nach vorn
Eritrea ist in erster Linie bekannt für seine
langen Dürrezeiten und die Hungersnot seiner Bevölkerung.
Ausgerechnet Eritrea gilt als Sonderfall, wenn es um die Verbreitung
des Internet geht. Anders als in anderen Entwicklungs ländern
kam das Internet vor der Demokratie im Land an.
Die demokratische Transformation afrikanischer Staaten kann
zur dritten Demokratisierungswelle gezählt werden, die
sich seit Ende der 1980er Jahre auch Staaten in Mittel-, Ost-
und Südeuropa oder Lateinamerika erfasst hat. Das Internet
als Demokratisierungsfaktor verstärkt andere demokratisierende
Faktoren, dazu gehören demokratische Partizipation, institutionalisierter
Wettbewerb, die Herbeiführung und Einhaltung von Menschenrechten
und Pro-Kopf-Einkommen. Kurzum, es fördert und beschleunigt
Entwicklung und Demokratie.
Die Zahl der Internetnutzer in Afrika hat sich von etwa 1,14
Millionen im Jahr 1999 auf etwa 6,31 Millionen im Jahr 2002
erhöht. Bei einer Einwohnerzahl Afrikas von ca. 750 Millionen
mögen ca. 800.000 Internetnutzer, im Jahr 2001, davon
etwa 80 Prozent in Südafrika, als sehr wenig erscheinen.
Jedoch handelt es sich um eine in wenigen Jahren zustande
gekommene und ständig steigende Zahl. Heute sind alle
53 Länder Afrikas vernetzt. Die Zahlen der Nutzer variieren
je nach Quelle. Angaben über Zugangs- und Nutzerzahlen
von Regierungsstellen und Internetprovidern sind zumeist optimistischer
als die von NGOs.
Der rapide Anstieg der Internetzugangs- und Internetnutzungsmöglichkeiten
in Entwicklungs- und Transformationsländern liegt nicht
nur an den Forderungen aus der jeweiligen Gesellschaft selbst.
Nicht zu unterschätzen sind auch die Impulse vieler transnationaler
und internationaler Institutionen, die entwicklungs- und bildungspolitische
Initiativen in afrikanischen Ländern betreiben.
Erst kam das Internet, dann die Demokratie
Gerade in Konfliktsituationen kann das Internet enorm dazu
beitragen, dass ein Land seine demokratischen Potenziale weiter
ausbauen kann – Eritrea ist das beste Beispiel. Die
Bevölkerung ist seit dem Konflikt mit Äthiopien
und dem Unabhängigkeitskrieg (1961 bis 1991) die treibende
Kraft. Sie war in schwierigen Konfliktsituationen oft auf
sich selbst angewiesen die internationale Gemeinschaft griff
selten ein, um die Probleme des Landes zu lösen. Die
Folge: Selbstvertrauen und Eigenverantwortlichkeit in sozio-politischen
Angelegenheiten sind heute in der Gesellschaft fest verankert.
Internet- und Kommunikationsmedien werden immer stärker
genutzt, nicht zuletzt dank der Community der Exil-Eriträer.
Schon im 19. Jahrhundert führte die italienische Kolonialmacht
die ersten modernen Kommunikationstechnologien wie etwa die
Telegrafie ein, um den Staatsapparat effektiver führen
zu können. In etwa zeitgleich etablierte sich eine moderne
Presse mit entsprechenden Verbreitungsmöglichkeiten und
fundierter Recherche. Proteste gegen die Kolonialregierung
waren an der Tagesordnung, eine Opposition formierte sich.
Die Pressefreiheit kam erst in den 1940ern unter nun britischer
Kolonialherrschaft .
Um die breite Masse der Bevölkerung zu politischer Partizipation
zu mobilisieren und nationalistische Symbole sowie bereits
liberalisierte Wirtschaftszweige zu stärken, bedienten
sich politische Parteien und Gruppierungen seit Mitte des
20. Jahrhunderts moderner Kommunikationsmittel. Nach Jahrzehnten
äthiopischer Unterdrückung waren die verschiedenen
nationalen Kulturen wieder erwünscht, sie gelten als
wichtiges Merkmal nationaler Identität. Auch während
des Kalten Kriegs war das Gemeinwesen im Alltag verankert.
Einige Grundmerkmale der Demokratie waren zu dieser Zeit schon
vorhanden und Demokratisierungsmomente erkennbar. Trotz der
Interessenartikulation der Bevölkerung am Ende des Kalten
Krieges und zu Beginn der Entkolonialisierung gelang es nicht,
die Sicherheitsinteressen der USA sowie das andauernde äthiopische
Interesse am Zugang zum Roten Meer zurückzustellen. Eine
Zwangsverbindung mit Äthiopien mündete so abermals
in Unterdrückung und der Abschaffung demokratischer Institutionen
wie der Presse- und Versammlungsfreiheit. Unter dem Deckmantel
der Konfliktlösung kam Unterstützung von den Vereinigten
Staaten. John Foster Dulles, republikanischer Staatssekretär
der USA in den fünfziger Jahren unter Eisenhower, begründete
die außenpolitische Position der USA damit, Frieden
schaffen und erhalten zu wollen. Reaktionen und Proteste der
eriträischen Zivilgesellschaft blieben trotz Sanktionsdrohungen
nicht aus, Untergrundorganisationen bildeten sich.
Dieser Konflikt endete 1991 mit dem Zusammenbruch der äthiopischen
Armee und führte zu einer politischen
Transformation in Eritrea und Äthiopien. Nicht nur
die Elite sondern auch Angehörige anderer Gesellschaftsschichten
sind politisch sehr aktiv, sie haben sich zu Interessensgruppen
zusammengeschlossen und wollen auf politischer Ebene etwas
erreichen, kurz: Sie wollen Einfluss auf die politische Agenda
nehmen können und mithelfen, eine funktionierende Infrastruktur
zu etablieren. Der Wieder- und Neuaufbau der IuK-Medien war
auch aus außenpolitischem Gründen eine der Prioritäten
der eriträischen Regierung. Als 1999 die Internetverbindung
komplett stand, räumten die USA ein, dass der Anschluss
ans Internet eine starke Antriebskraft der Demokratie sei.
Die Befürchtungen von Globalisierungskritikern, dass
die afrikanische Bevölkerung mit zunehmender Digitalisierung
traditionelle Werte verliere, hat sich bislang nicht bestätigt.
Am Beispiel von Eritrea zeigt sich, wie rasant sich das Internet
in afrikanischen Staaten fortentwickelt und sich als gesellschaftsfähig
etabliert. Man muss nur im Internet selbst nachsehen, um festzustellen,
dass zahlreiche eriträische Akteure, ob in politischem,
ökonomischem oder kulturellen Interesse, ihre Informationen
online verbreiten.
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