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Judith Nafziger Datum: Wednesday, 03. November 2004
Von: Judith Nafziger jnafziger@hotmail.com
An: redaktion@politik-digital.de
URL: keine Homepage

Boy-groups versus spicy girls !

Wann, wenn nicht jetzt! Dies könnte, dies müsste das Zeitalter der Frauen sein. High Potentials mit soft skills sind als Arbeitskraft in der IT-Branche gefragt. Mit vernetzten Arbeitsplätzen und flexibleren Arbeitszeiten ließe sich das Problem der Kind-Karriere-Kreuzung locker in eine glänzende Laufbahn umwandeln. Doch die Internetwelt sieht anders aus: nur 15 % Frauen sitzen in den Führungsetagen deutscher Multimediaunternehmen.

Die Branche ist nur zu einem Viertel weiblich obwohl es mittlerweile fast genauso viele weibliche wie männliche User gibt - immerhin 42 %. Will frau in der IT-Branche überhaupt ihren Mann stehen? Oder müssen sich die Strukturen in der Netzwelt erst so verändern, damit frau sich einspannen lässt?

Sie waren die ersten Helden und Heldinnen des Internetzeitalters. Jene Jungs und Mädels, die vor knapp zwei Jahren von ihren Hinterhofbüros aus virtuell in die Welt hinauszogen, um selbige zu erobern - mit wenig Gepäck, oftmals nur mit einer guten Idee. Der viel zitierte Übergang von der Industrie- zur Informationsgesellschaft hatte endlich ein Gesicht. Und das war häufig weiblich.

Junge Frauen, hervorragend ausgebildet, strömten schwungvoll in die neu gegründeten "Dot-com´s" oder gründeten selber welche. Dort waren die Voraussetzungen auf den ersten Blick optimal: die Strukturen komplett neu, die Teams jung, die Hierarchien flach und die Vorurteile gegenüber Frauen klein. Doch wo sind sie geblieben, die erfolgreichen Unternehmerinnen?

Marina Wetzel jedenfalls ist voll da! Sie ist Inhaberin einer kleinen, aber feinen Internetfirma in Berlin. Ihr Auftreten: robust und gewinnend. Man glaubt ihr, dass sie im täglichen Geschäft genau weiß, wo es langgeht. So wie damals, als alles anfing.

Als vor sechs Jahren das Internet noch in den Kinderschuhen steckte, gründete sie gemeinsam mit vier Freunden die WebDesignCompany. Mittlerweile ist das Unternehmen, das sich auf die Erstellung von Websites spezialisiert hat, auf neun Mitarbeiter angewachsen. Und frau ist international - in der Schweiz gibt es eine Filiale.

Es läuft also Während sich ihre fast ausschließlich männlichen Kollegen um die technische Seite kümmern, leitet sie den gesamten geschäftlichen Bereich. Die klassische Rollenverteilung? "Und wenn schon", kontert die Betriebswirtin, "ich nutze meine Vorteile als Frau - beispielsweise bei Kundengesprächen. Wir Frauen können einfach besser kommunizieren und erklären. Meine Kunden suchen ganz normale Gespräche, ohne technische Kompliziertheiten und wollen gleich mit ihren Anliegen verstanden werden. Dann muss ich eben ran."

Dafür investiert sie viel, und nicht nur Zeit. Eine Sechs-Tage-Woche ist für sie total normal. "Nur der Sonntag gehört meiner Familie", erklärt sie fast ohne Wehmut. Ihr Mann und die elfjährige Tochter haben Verständnis, sagt sie - es muss halt, damit es weiterläuft. Die Berliner Netzunternehmerin ist eine Ausnahmeerscheinung. Frauen, die sich in der IT-Branche selbständig gemacht haben, sind rar.

Und das, obwohl die Stimmung bei den Internet/E-Commerce-Gründern in Deutschland laut einer Befragung der European Business School (ebs) trotz Kurseinbrüchen und Firmenpleiten ungebrochen positiv ist. Es wird weiterhin in die neue Branche investiert, wenn auch das viel gepriesene Wagniskapital nicht mehr wie Honig aus goldenen Töpfen fließt. Es tropft aber noch, und gute Ideen sowie pfiffige Konzepte werden weiterhin finanziell angeschoben.

Doch bereits hier spielen die in Deutschland tätigen Frauen nicht mit. Nur 4 % nutzen die durch Venture Capital Gesellschaften, Business Angel oder strategische Investoren bereitgestellten Finanzspritzen. Diese Zahl verwundert nicht, wenn man bei Beteiligungsgesellschaften nachfragt: "Von den 600 Businessplänen, die wir in den letzten Monaten auf dem Tisch hatten, sind nicht einmal eine Hand voll von Frauen", sagt Barbara Altmeyer, Geschäftsführerin bei der Brockhaus Private Equity VerwaltungsGmbH.

Eine Problemdiagnose ist auf den ersten Blick leicht erstellt. Die meisten Studien und Umfragen zum Thema kommen zu einem einheitlichen Ergebnis: Frauen scheuen das Risiko, sind sicherheitsorientiert und technikfeindlich, trauen sich weniger zu, stellen weniger Ansprüche, definieren sich seltener über den Job und entscheiden sich deshalb häufiger gegen Karriere und für Familie. Na dann!

Aber: die gleichen Untersuchungen zeigen auch, dass weibliche Führungskräfte über höhere emotionale Kompetenz, bessere Teamfähigkeit, bessere Kommunikation und mehr Ausdauer beim Aufspüren von Lösungsansätzen verfügen. Hinzu kommt, dass Frauen häufig besser ausgebildet sind und höhere Abschlüsse haben als die männliche Konkurrenz. Dies kann Andera Gadeib, Gründerin des Online-Marktforschungsunternehmens Dialego nur bestätigen: "Es ist zwar nach wie vor eher ungewöhnlich, dass Frauen Unternehmen gründen, aber die Statistik belegt, dass von Frauen gegründete Unternehmen äußerst erfolgreich sind." Na also!

Warum schwappt die Gründungswelle dann nicht auf mehr Frauen über! Es scheint, dass sich das weibliche Geschlecht schwer tut, persönliche Lösungen zu finden, wenn es um die eigenen Belange geht. Sie wollen machen, doch die Frage ist, um welchen Preis? Frauen schätzen Lebensqualität mehr und anders. Deshalb drängt sich eine Frage förmlich auf: wollen sich Frauen unter den jetzigen Bedingungen überhaupt auf Positionen in Führungsetagen einlassen oder eigene Unternehmen gründen?

Viele Frauen können und wollen die Flexibilität, die von der Branche verlangt wird, nicht ermöglichen. Aglaé von Schwertzell, selbst erfolgreiche Unternehmerin und Inhaberin der Münchener IT-Beratungsfirma Upside Ventures bringt es auf den Punkt: "Frauen tun sich schwerer mit ihrer Lebensplanung. Wenn man ein Unternehmen gründet, sollte man schon zwei bis drei Jahre Berufserfahrung mitbringen, vorher hat man studiert. Man ist also um die 30. Dann verzichtet man womöglich erst einmal auf Gehalt, spielt mit dem Risiko. In dieser Situation an Familie zu denken und dieser Herausforderung gerecht zu werden ist unmöglich. Dann überlegt man es sich vielleicht eben doch noch mal."

Die erste Runde des Start-up-Roulette hat gezeigt, dass es so verkehrt gar nicht war, etwas vorsichtiger zu sein. Bisher gibt es zu viele Verlierer und zu wenig Gewinner. Der Höhenflug vieler neu gegründeter Dot-com´s endete mit Marktaustritten und Insolvenzen im Absturz. Kein Feld also, indem sich Frauen - sollten Studien und Umfragen zutreffen - wohlfühlen und Leistung bringen können.

Doch Frauen haben Erfolg, wenn für sie das Koordinatensystem der Arbeitswelt geändert wird. Noch funktioniert alles nach den Regeln von Männern - volle Identifizierung mit dem Job bis hin zur Selbstaufgabe, wenn es drauf ankommt. Fakt ist aber, dass frau darauf offensichtlich nicht anspringt.

Geändert worden ist hier nichts, trotz neuer Impulse. Teilzeitarbeitsmodelle, für Mann und Frau, Tele- bzw. Heimarbeit und Kinderbetreuung werden überall zur Schau getragen, an der Umsetzung hapert es aber. Dabei sind sich Unternehmen der Notwendigkeit durchaus bewusst.

Der Technologiekonzern Alcatel beispielsweise gilt als vorbildlich auf diesem Sektor. Teilzeitarbeitsmodelle sind bereits betrieblich verankert, aber auch dort gibt sich die Pressesprecherin Veronika Hucke mit dem Erreichten noch nicht zufrieden: "Wir haben mittlerweile eine gute Frauenquote in unserem Unternehmen. In meiner Abteilung gibt es einige Frauen, die eben weniger arbeiten - vier Tage fünf Stunden. Auch einige, die von zu Hause aus ihre Arbeit machen. Das geht ganz gut, wobei auch diejenigen sich auf gewisse Kompromisse einstellen müssen. Verlangt ein Kunde Erreichbarkeit von neun bis zwölf Uhr, dann kann ich den Frauen nicht zugestehen, lieber von 13 bis 16 Uhr zu arbeiten."

In manchen Bereichen haben Frauen bereits heute die Nase vorn, verdienen mehr Geld und sind schwer ersetzbar, wenn es laufen soll: "Frauen sind Meister der Kommunikation. Deshalb sind sie in den Bereichen Marketing, Strategie und Konzeption, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Personalmanagement, Werbung einfach besser. Und dieses Wissen wird gerade im Internet gebraucht," resümiert Aglaé von Schwertzell ihre tägliche Arbeit als IT-Beraterin.

Wahrgenommen werden diese Qualitäten immer noch unzureichend. Fakt ist: die Zukunft sieht für Frauen nur dann rosig aus, wenn die Koordinaten, so wie sie sie brauchen, stimmen. Glück ist: der Wirtschaft wird gar nichts anderes übrig bleiben als Frauen in Positionen zu bringen, in denen sie effizient arbeiten können.

Denn spätestens 2004 setzen die geburtenschwachen Jahrgänge ein. Experten der European Information Technology Observatory wagen düstere Prognosen: "Schon in zwei Jahren könnten 720 000 offene Stellen in der deutschen IT-Branche nicht besetzt werden. Heute bereits führt Deutschland die Negativ-Statistik an". Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) beziffert den derzeitigen Fachkräftemangel auf 444 000.

Aber ist das weibliche Geschlecht bis dahin auf die Rettungsaktion vorbereitet? Zwar gibt es bereits viele hochqualifizierte Frauen, die ihr Potenzial in den gerade beschriebenen Bereichen gut einsetzen. Doch gerade in der IT-Branche gibt es bisher wenig Frauen, die im technischen Bereich spezialisiert sind. Auch dort wird Arbeitskraft gesucht werden. "Doch momentan befinden sich lediglich 14% Mädchen in der Ausbildung für die IT-Branche", beklagt Ariane Alpmann von der Initiative D21.

Die Initiative ist ein schönes Beispiel für guten Willen. 200 Unternehmen haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsam mit der Bundesregierung den Wandel von der Industrie- zur Informationsgesellschaft in Deutschland zu beschleunigen.

Ausreichend Projekte hat die Initiative auf Lager. "Girlsday" zum Beispiel, der Mädchentag. Firmen öffnen ihre Tore, präsentieren sich von ihrer besten Seite, damit Mädchen der Schritt in die technische Welt leichter gemacht wird. Das Modell läuft gut an - aber, so Ariane Alpmann nüchtern: "Es braucht alles seine Zeit."

Zeit brauchen offensichtlich auch politische Bemühungen. In der Bildungspolitik wird seit Jahren versucht, mehr Frauen für technische Studiengänge zu begeistern. Die Quote ist gering und sinkt stetig. Die Euphorie der achtziger Jahre ist längst vorbei und setzt nicht wieder ein - trotz Internet. Der Schnitt an Studienanfängerinnen im Fach Informatik liegt momentan bei 17 %, lediglich 11 % legen Examina ab.

Die Familienpolitik sieht sich gleichermaßen in der Verantwortung. Damit künftig mehr Frauen in Spitzenpositionen der Wirtschaft zu finden sind, wollte Bundesfrauenministerin Christine Bergmann noch in dieser Legislaturperiode ein Gleichstellungsgesetz für die deutsche Privatwirtschaft erlassen. Es sollte den Frauenanteil in den Chefetagen erhöhen, Frauen in technischen und zukunftsorientierten Berufen fördern und die Vereinbarkeit von Familie und Job unterstützen. Ein Mann, der Kanzler, verhinderte dies.

Die Wirtschaft ist traditionell gegen eine Quote. Sie fürchtet eine Frauenförderbürokratie, die vor allem kleine Firmen überfordert. Folglich löste sich auch das Gleichstellungsbestreben letzte Woche in Wohlgefallen auf. Vom Gesetzt übriggeblieben ist nicht einmal eine verbindliche Selbstverpflichtung. Dennoch sagen die Verbände in einem Papier zu, "ihren Mitgliedern betriebliche Maßnahmen zur Verbesserung der Chancengleichheit von Frauen und Männern sowie der Familienfreundlichkeit zu empfehlen." Mit anderen Worten: von hier ist erst einmal keine Hilfe zu erwarten.

Sollte der Markt das Problem tatsächlich von selbst aus dem Weg räumen, umso besser! Auf einem guten Pfad sind hier vor allem Unternehmerinnen. Sie haben in Sachen Unterstützung häufig ein offeneres Ohr. Nicht selten versuchen sie, eine Marschroute vorzugeben, mit der Frauen besser durchstarten können. Sie gründen Frauen-Netzwerke - in Anlehnung an die "old boy networks".

Zugrunde liegt der Idee, dass auch Frauen sich zusammenraufen und sich gegenseitig helfen müssen. Marianne Pfister, Marketingleiterin der Münchener Computerfirma Comet Computer, beschreibt dies so: "Wir wollen Frauen dazu bewegen, sich im Internet zu engagieren. Der Abwärtstrend im IT-Bereich muss gestoppt werden. Auch wir müssen auf diesem Feld ernten." Allerdings, bekennt sie, habe dies bisher nicht wirklich gefruchtet.

Und sie erzählt von Internet-Sommerakademien, die sie mit anderen Frauen an Universitäten organisiert habe. Alles sei perfekt gewesen - nur die Studentinnen hätten gefehlt.

Zuerst erschienen bei politik-digital.de
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