Vernetzte
Diasporas
Schenkt
man Visionären, aber auch Kritikern des Cyberspace Glauben,
dann stehen wir an der Schwelle zu einer virtuellen Welt,
in der Menschen ihre Identität hinter den neuen elektronischen
Medien verschwinden lassen. Doch was ist wirklich dran an
der Virtualität von Individuen und Gemeinschaften? Joana
Breidenbach und Ina
Zukrigl werfen einen Blick darauf.
Im Zuge der beschleunigten
Globalisierung leben immer mehr Menschen außerhalb ihrer
Ursprungsorte. Farsi ist nach Englisch die meistgesprochenste
Sprache in Los Angeles, in manchen Berliner Grundschulen sind
80% der Schüler türkischer Abstammung und seit Anfang
der 90er Jahre sind hundertausende Chinesen nach Osteuropa
eingewandert. Waren früher der Kontakt zwischen Migranten
und ihren Herkunftsorten meist mühsam, d.h. langsam und
kostenintensiv, so eröffnet das Internet neue Wege der
Kommunikation. Welche Bedeutung hat das Internet für
Mitglieder von Diasporas? Wie verändern sich die persönlichen
Beziehungen innerhalb transnationaler Gemeinschaften durch
das Internet?
Das
Internet stärkt die "diasporische Familie"
E-Mail und Chat
intensivieren die Beziehungen sowohl zwischen geographisch
weit verstreut lebenden Eltern, Kindern und Geschwistern als
auch den Mitgliedern der erweiterten Familie. So zum Beispiel
auf Trinidad.
Seitdem sich die karibische Insel 1995 ans Netz anschloss,
hat sich das Internet rapide verbreitet. Anschlüsse finden
sich nicht nur in den privilegierten Haushalten der Ober-
und Mittelklasse in Port of Spain, sondern auch in ärmeren
Wohngebieten und Slumsiedlungen. Viele Trinidader haben jedoch
keinen privaten Anschluss, sondern nutzen öffentliche
Zugänge am Arbeitsplatz, in Geschäften und Cafes.
Gerade in wirtschaftlich schwachen Regionen, in denen sich
nur wenige Haushalte einen PC leisten können, werden
Computer gemeinschaftlich genutzt. Der Kreis derer, die die
neuen Kommunikationstechnologien benutzen, ist daher meist
weitaus größer als Statistiken zu Netzanschlüssen
erahnen lassen. Nach den Schätzungen der Ethnologen Miller
und Slater sind 11% der Gesamtbevölkerung Trinidads
online und in 30% aller Haushalte surft mindestens eine Person.
Das Internet ist in Trinidad ein "heißes"
Thema und gilt allgemein als notwendiges neues Massenmedium,
welches jedem zugänglich sein sollte und mit dessen Hilfe
Trinidad eine neue wirtschaftliche Blüte erfahren kann.
Vor Ankunft des Internets, so schreiben Daniel Miller und
Don Slater in ihrer Ethnographie über das Internet auf
Trinidad, war die trinidadische Familie als zentrale Institution
des sozialen Lebens akut bedroht. Viele gehen für ein
Studium oder umzu arbeiten ins Ausland. Die Kommunikation
zwischen Trinidadern auf Trinidad und in Übersee verlief
schleppend. Trinidader schrieben, so behaupten sie von sich,
nicht gerne Briefe und hielten den Kontakt meist übers
Telephon aufrecht. Doch das ist teuer und so griff man nur
zu besonderen Anlässen zum Hörer.
Email wurde schnell als vergnügliche, effektive und
insbesondere kostengünstige Kommunikationsform aufgegriffen,
um die Familienbeziehungen auch über große geographische
Distanz aufrecht zu erhalten. Trinidader nutzen sie für
den regelmäßigen Plausch. Sie tauschen sich über
Alltägliches aus und stellen so die Intimität her,
die sie von einem normalen Familienleben erwarten.
Darüber hinaus stehen den Nutzern im Netz ein breiteres
Ausdrucksspektrum zur Verfügung. Sie können fremde
Textbausteine integrieren, Bildermaterial und elektronische
Postkarten versenden oder Nachrichten einfach nur weiterleiten.
Viele reichen im Netz zirkulierende Witze oder Zitate weiter
"um dem anderen ein Lächeln zu entlocken".
In jordanischen Internetcafes lassen Frauen Photos scannen,
die sie unverschleiert zeigen und verschicken sie an Verwandte
und Freunde weltweit.
Aber das Internet
verändert nicht nur die persönlichen Verbindungen
zwischen den in der Diaspora lebenden Familienmitgliedern
und ihren Familien zu Hause, sondern auf vielfältige
Weise auch die Beziehungen zwischen Diasporas und ihren Herkunftsstaaten.
Das Internet
intensiviert die Beziehung zwischen Staat und Diaspora
Aktivisten
und Exilgemeinschaften weltweit nutzen die Macht der neuen
Medien im Kampf gegen ihre politischen Gegner. Das Internet
hilft zugleich, Regierungen einen engeren Kontakt zu ihren
im Ausland lebenden Staatsbürgern zu etablieren.
Die burmesischen
Karen und Mon mobilisieren eine weltweite Öffentlichkeit
via Internet. Da in Burma die wenigen Netzzugänge von
der Militärjunta streng kontrolliert werden, Briefe geöffnet
und Telefone angezapft werden, schmuggeln Aktivisten Berichte
über Menschenrechtsverletzungen über die thailändische
Grenze. Dort übersetzen Mitglieder der Minderheiten die
Berichte ins Englische und versenden sie an Presseagenturen
und NGO-Netzwerke weltweit. Im Zuge ihres wachsenden Engagements
im Netz entwickelten die Mon eigene Fonds um Webseiten in
ihrer Sprache ins Netz zu stellen und so im Exil lebende Mitglieder
ihrer Gemeinschaft über aktuelle politische Entwicklungen
auf dem Laufenden zu halten. Inzwischen hat die burmesische
Regierung (SLORC, State Law and Order Restoration Council)
das Potential der elektronischen Medien ebenfalls erkannt
und eigene Listserver und Webseiten ins Netz gestellt. Regierungsmitglieder
verfolgen die regen Diskussionen auf den oppositionellen Burma-Sites.
Werden dort Verbrechen der Militärjunta angeprangert,
kontert SLORC mit ihrer Fassung der Geschehnisse auf Myanmar.com.
Da die seit 1993 vom Burma
Listserver veröffentlichten Nachrichten auch von
in Burma zwar verbotenen aber dennoch empfangenen Radiosendern
wie dem BBC
Worldservice, Voice
of America oder Radio
Free Asia aufgegriffen werden, finden sie auch in Burma
Gehör.
Die Verlagerung
der politischen Auseinandersetzungen auf die elektronische
Datenbahn wird von Pentagon-Strategen als neuer Typus der
Kriegsführung identifiziert, der aus kleinen weit verteilten
Gruppen besteht, die sich austauschen und ihre Kampagnen über
Netzwerke durchführen, die oft ohne zentrale Kontrollmacht
operieren. Mittels elektronischer Vernetzung wird in diesen
"sozialen Netzkriegen" der Kampf um psychologische
und finanzielle Unterstützung und Medienaufmerksamkeit
auf einer globalen Ebene geführt. Verfolgte Minderheiten
versuchen die Weltöffentlichkeit zu ihren Gunsten zu
beeinflussen und international Unterstützung für
ihre Belange zu erhalten.
So beispielsweise
1993 als der Dalai
Lama auf der UN-Menschenrechtskonferenz
in Wien das NGO-Forum adressieren sollte. Auf Druck Chinas
wurde der Dalai Lama in letzter Minute ausgeladen. Daraufhin
starteten Aktivisten eine schnelle Email-Kampagne und machten
Presseorgane weltweit auf den Vorfall aufmerksam. Unter dem
wachsenden öffentlichen Druck lenkten die Konferenzorganisatoren
ein und erlaubten dem Dalai Lama aufzutreten.
Doch auch Staaten
haben das Internet für sich entdeckt, um zu ihren im
Ausland lebenden und arbeitenden Mitgliedern engere Beziehungen
aufzubauen und deren Loyalität gegenüber ihrem Heimatstaat
zu stärken. Vor allem Länder, die auf die Auslandsüberweisungen
oder Investitionen von Migranten angewiesen sind, bemühen
sich, neue elektronische Medien stärker für ihre
Interessen einzusetzen.
Neue Medien
bieten Diasporagemeinschaften einen Raum ihre kulturellen
Besonderheiten zu pflegen
Ein Mythos
des Cyberspace besagt, dass Menschen im virtuellen Raum ihre
kulturelle Identität aufgeben. Die bisherige ethnographische
Forschung dagegen beschreibt, wie das Netz als Bühne
für kulturelle Besonderheiten genutzt wird und kollektive
Identitäten zum Teil massiv verstärkt.
Auf Websites wie Australiansabroad.com
und Farsinet.com,
die sich an im Ausland lebende Australier, Iraner und Inder
wenden, nehmen kulturspezifische Angebote viel Platz ein.
Hier finden sich Informationen zu heimischen Produkten (von
Wein bis Reggae), die online bestellt werden können,
nationale politische Themen und Sportnachrichten.
In Indien werden
91 Prozent aller Eheschließungen arrangiert. Außerhalb
des Subkontinents ist das Angebot in der direkten Nachbarschaft
jedoch begrenzt. Dieses Manko haben auch Website Betreiber
entdeckt. Sind doch momentan alleine in den USA 69% aller
Asian-Americans online (der landesübliche Durchschnitt
liegt bei 43%). Auf mehr als 15 Sites können sich Inder
in der Diaspora oder in Indien auf die Suche nach einem passenden
Partner begeben. Matrimonials.com
wird nach eigenen Angaben monatlich über 40.000 Mal angeklickt
und suitablematches.com hat inzwischen 10.000 registrierte
Mitglieder. Über ihre Seiten können Interessenten
mit potentiellen Partnern im Chatraum erste Kontakte knüpfen.
Persönlichkeitsprofile geben Auskunft über die relevanten
Details: Von Kastenzugehörigkeit über Beruf und
Hobbys bis Herkunftsort. Die persönlichen Angaben werden
mit kulturrelevanten Codes versehen: So steht "issueless
divorce" für "kinderlos" und "innocently
divorced" signalisiert dass die Verfasserin jungfräulich
ist.
Neue Medien
werden für die kulturelle Erneuerung von Diasporagemeinschaften
herangezogen
Seit
den 70er Jahren sind eine Vielzahl neuer kultureller kollektiver
Identitäten entstanden, die sich im Kampf um Anerkennung,
Rechte und finanzielle Förderung auf ihre kulturellen
Besonderheiten berufen. Bei vielen dieser Gruppen handelt
es sich um bis dato marginalisierte ethnische oder religiöse
Minderheiten, deren Mitglieder z.T. in der Diaspora leben.
Einige dieser Gemeinschaften benutzen Websites und Diskussionsforen
um sich sowohl der eigenen Gruppe als auch der Weltgemeinschaft
gegenüber zu präsentieren.
1994 ging Niniveh Online, die größte der Website
der Assyrer, ans Netz; erst als Bulletinboard, dann als Website.
Die Assyrer sind eine sehr heterogene und weit zerstreut lebende
Gruppe von Christen, die ursprünglich aus dem Mittlerem
Osten stammen. Ohne einen Heimatstaat leben Assyrer heute
auf allen Kontinenten verstreut, und haben Verwandte in Australien,
Schweden, dem Libanon, den USA, Kanada und Irak. Die englischsprachige
Site zieht monatlich bis zu 100.000 Surfer an. Hier finden
sich vielfältige Informationen zur assyrischen Geschichte,
Kultur und Sprache. Erlebnisberichte russischer Assyrer in
Indien stehen neben Nachrichten über Demonstrationen
für die Rückgabe von Land an assyrische Gemeinschaften
in Kanada und die neuesten Spielergebnisse des assyrischen
Fußballclub in Ontario. Sprachprogramme in Aramaisch,
einer der drei assyrischen Sprachen finden sich ebenso wie
Links zur Vereinigung assyrischer Ärzte oder dem NGO
Assyrer for Education. Die Site richtet sich an Assyrer weltweit
und versteht sich als Hüterin des assyrischen Kulturerbes.
Ausblick
Das Internet wird von Menschen, die in der Diaspora leben
und von Staaten, zu denen große Diasporas gehören,
für die unterschiedlichsten Interessen genutzt und mit
verschiedenen Bedeutungen versehen. Es birgt in dieser Hinsicht
eine Reihe von Entwicklungspotentialen.
So verwirklichen e-Mail und Chat medial die Idealversion
einer intakten Familie, die im engen Kontakt miteinander steht.
Ebenso hilft die neue Technologie imaginären Gemeinschaften
wie den Aleviten oder den Assyrern, sich der eigenen Gruppe
und der Weltöffentlichkeit auf eine Art und Weise zu
präsentieren, die durch geographische Entfernungen und
politische Zwänge bislang oft verhindert wurde. Virtuelle
Räume bieten Menschen ferner die Möglichkeit multiplen
Identitäten Ausdruck zu verleihen. Zum Islam konvertierte
Holländer, die im realen Leben eine große soziale
Kluft zu marokkanischen und surinamesischen Muslimen erleben,
können diese in virtuellen Diskussionsrunden überbrücken
und sich als Teil einer globalen Religionsgemeinschaft erfahren.
Das expansive Potential der neuen Medien geht über den
Aspekt der Selbstverwirklichung hinaus und verweist auf die
Möglichkeit, neue Bezüge und Visionen - wie man
selbst und die eigene Gesellschaft sein könnten - zu
entwickeln. So entstehen heute Solidaritätsnetze, die
ohne neue Kommunikationstechnologien nicht vorstellbar gewesen
wären. Mailinglisten und Diskussionsgruppen, ob gegen
die Besetzung Tibets durch China oder die Militärjunta
in Burma, ermöglichen die Zusammenarbeit von Aktivisten
und mobilisieren eine weltweite Öffentlichkeit. Durch
den direkten Kontakt und die gemeinsamen Foren entsteht bei
den Teilnehmern ein neues Gefühl der Zusammengehörigkeit.
Vergleichbare neue Gemeinschaften finden sich auch auf einigen
der Expat-Foren, auf denen sich Mitglieder "globaler
Familien" ungeachtet ihrer Nationalität gegenseitig
emotional unterstützen. Die Widersprüche die im
diasporischen Alltag häufig zu Loyalitätskonflikten
führen (passe ich mich dem Gastland an? Gebe ich damit
meine Kultur preis?), können im geschützten Raum
von Diskussions- oder Mailinglisten thematisiert werden. Muslimische
Jugendliche, die sich im Spannungsfeld zwischen pluralistischer
Gastkultur und den Erwartungen ihrer Familien bewegen, haben
im Netz die Chance, zu eigenen Positionen zu finden. Ungewohnte
Positionen können ausgetestet, angenommen oder verworfen
werden.
Dr. Joana Breidenbach und Ina Zukrigl sind als Autorinnen
zu den kulturellen Folgen der Globalisierung tätig:
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