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Joana Breidenbach, Ina Zukrigl
Update: Wednesday, 03. November 2004
Von: Dr. Joana Breidenbach und Ina Zukrigl
An: redaktion@politik-digital.de
URL: keine Homepage

Vernetzte Diasporas

Schenkt man Visionären, aber auch Kritikern des Cyberspace Glauben, dann stehen wir an der Schwelle zu einer virtuellen Welt, in der Menschen ihre Identität hinter den neuen elektronischen Medien verschwinden lassen. Doch was ist wirklich dran an der Virtualität von Individuen und Gemeinschaften? Joana Breidenbach und Ina Zukrigl werfen einen Blick darauf.

Im Zuge der beschleunigten Globalisierung leben immer mehr Menschen außerhalb ihrer Ursprungsorte. Farsi ist nach Englisch die meistgesprochenste Sprache in Los Angeles, in manchen Berliner Grundschulen sind 80% der Schüler türkischer Abstammung und seit Anfang der 90er Jahre sind hundertausende Chinesen nach Osteuropa eingewandert. Waren früher der Kontakt zwischen Migranten und ihren Herkunftsorten meist mühsam, d.h. langsam und kostenintensiv, so eröffnet das Internet neue Wege der Kommunikation. Welche Bedeutung hat das Internet für Mitglieder von Diasporas? Wie verändern sich die persönlichen Beziehungen innerhalb transnationaler Gemeinschaften durch das Internet?

Das Internet stärkt die "diasporische Familie"
E-Mail und Chat intensivieren die Beziehungen sowohl zwischen geographisch weit verstreut lebenden Eltern, Kindern und Geschwistern als auch den Mitgliedern der erweiterten Familie. So zum Beispiel auf Trinidad. Seitdem sich die karibische Insel 1995 ans Netz anschloss, hat sich das Internet rapide verbreitet. Anschlüsse finden sich nicht nur in den privilegierten Haushalten der Ober- und Mittelklasse in Port of Spain, sondern auch in ärmeren Wohngebieten und Slumsiedlungen. Viele Trinidader haben jedoch keinen privaten Anschluss, sondern nutzen öffentliche Zugänge am Arbeitsplatz, in Geschäften und Cafes. Gerade in wirtschaftlich schwachen Regionen, in denen sich nur wenige Haushalte einen PC leisten können, werden Computer gemeinschaftlich genutzt. Der Kreis derer, die die neuen Kommunikationstechnologien benutzen, ist daher meist weitaus größer als Statistiken zu Netzanschlüssen erahnen lassen. Nach den Schätzungen der Ethnologen Miller und Slater sind 11% der Gesamtbevölkerung Trinidads online und in 30% aller Haushalte surft mindestens eine Person. Das Internet ist in Trinidad ein "heißes" Thema und gilt allgemein als notwendiges neues Massenmedium, welches jedem zugänglich sein sollte und mit dessen Hilfe Trinidad eine neue wirtschaftliche Blüte erfahren kann.

Vor Ankunft des Internets, so schreiben Daniel Miller und Don Slater in ihrer Ethnographie über das Internet auf Trinidad, war die trinidadische Familie als zentrale Institution des sozialen Lebens akut bedroht. Viele gehen für ein Studium oder umzu arbeiten ins Ausland. Die Kommunikation zwischen Trinidadern auf Trinidad und in Übersee verlief schleppend. Trinidader schrieben, so behaupten sie von sich, nicht gerne Briefe und hielten den Kontakt meist übers Telephon aufrecht. Doch das ist teuer und so griff man nur zu besonderen Anlässen zum Hörer.

Email wurde schnell als vergnügliche, effektive und insbesondere kostengünstige Kommunikationsform aufgegriffen, um die Familienbeziehungen auch über große geographische Distanz aufrecht zu erhalten. Trinidader nutzen sie für den regelmäßigen Plausch. Sie tauschen sich über Alltägliches aus und stellen so die Intimität her, die sie von einem normalen Familienleben erwarten.

Darüber hinaus stehen den Nutzern im Netz ein breiteres Ausdrucksspektrum zur Verfügung. Sie können fremde Textbausteine integrieren, Bildermaterial und elektronische Postkarten versenden oder Nachrichten einfach nur weiterleiten. Viele reichen im Netz zirkulierende Witze oder Zitate weiter "um dem anderen ein Lächeln zu entlocken".

In jordanischen Internetcafes lassen Frauen Photos scannen, die sie unverschleiert zeigen und verschicken sie an Verwandte und Freunde weltweit.

Aber das Internet verändert nicht nur die persönlichen Verbindungen zwischen den in der Diaspora lebenden Familienmitgliedern und ihren Familien zu Hause, sondern auf vielfältige Weise auch die Beziehungen zwischen Diasporas und ihren Herkunftsstaaten.

Das Internet intensiviert die Beziehung zwischen Staat und Diaspora
Aktivisten und Exilgemeinschaften weltweit nutzen die Macht der neuen Medien im Kampf gegen ihre politischen Gegner. Das Internet hilft zugleich, Regierungen einen engeren Kontakt zu ihren im Ausland lebenden Staatsbürgern zu etablieren.

Die burmesischen Karen und Mon mobilisieren eine weltweite Öffentlichkeit via Internet. Da in Burma die wenigen Netzzugänge von der Militärjunta streng kontrolliert werden, Briefe geöffnet und Telefone angezapft werden, schmuggeln Aktivisten Berichte über Menschenrechtsverletzungen über die thailändische Grenze. Dort übersetzen Mitglieder der Minderheiten die Berichte ins Englische und versenden sie an Presseagenturen und NGO-Netzwerke weltweit. Im Zuge ihres wachsenden Engagements im Netz entwickelten die Mon eigene Fonds um Webseiten in ihrer Sprache ins Netz zu stellen und so im Exil lebende Mitglieder ihrer Gemeinschaft über aktuelle politische Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten. Inzwischen hat die burmesische Regierung (SLORC, State Law and Order Restoration Council) das Potential der elektronischen Medien ebenfalls erkannt und eigene Listserver und Webseiten ins Netz gestellt. Regierungsmitglieder verfolgen die regen Diskussionen auf den oppositionellen Burma-Sites. Werden dort Verbrechen der Militärjunta angeprangert, kontert SLORC mit ihrer Fassung der Geschehnisse auf Myanmar.com. Da die seit 1993 vom Burma Listserver veröffentlichten Nachrichten auch von in Burma zwar verbotenen aber dennoch empfangenen Radiosendern wie dem BBC Worldservice, Voice of America oder Radio Free Asia aufgegriffen werden, finden sie auch in Burma Gehör.

Die Verlagerung der politischen Auseinandersetzungen auf die elektronische Datenbahn wird von Pentagon-Strategen als neuer Typus der Kriegsführung identifiziert, der aus kleinen weit verteilten Gruppen besteht, die sich austauschen und ihre Kampagnen über Netzwerke durchführen, die oft ohne zentrale Kontrollmacht operieren. Mittels elektronischer Vernetzung wird in diesen "sozialen Netzkriegen" der Kampf um psychologische und finanzielle Unterstützung und Medienaufmerksamkeit auf einer globalen Ebene geführt. Verfolgte Minderheiten versuchen die Weltöffentlichkeit zu ihren Gunsten zu beeinflussen und international Unterstützung für ihre Belange zu erhalten.

So beispielsweise 1993 als der Dalai Lama auf der UN-Menschenrechtskonferenz in Wien das NGO-Forum adressieren sollte. Auf Druck Chinas wurde der Dalai Lama in letzter Minute ausgeladen. Daraufhin starteten Aktivisten eine schnelle Email-Kampagne und machten Presseorgane weltweit auf den Vorfall aufmerksam. Unter dem wachsenden öffentlichen Druck lenkten die Konferenzorganisatoren ein und erlaubten dem Dalai Lama aufzutreten.

Doch auch Staaten haben das Internet für sich entdeckt, um zu ihren im Ausland lebenden und arbeitenden Mitgliedern engere Beziehungen aufzubauen und deren Loyalität gegenüber ihrem Heimatstaat zu stärken. Vor allem Länder, die auf die Auslandsüberweisungen oder Investitionen von Migranten angewiesen sind, bemühen sich, neue elektronische Medien stärker für ihre Interessen einzusetzen.

Neue Medien bieten Diasporagemeinschaften einen Raum ihre kulturellen Besonderheiten zu pflegen
Ein Mythos des Cyberspace besagt, dass Menschen im virtuellen Raum ihre kulturelle Identität aufgeben. Die bisherige ethnographische Forschung dagegen beschreibt, wie das Netz als Bühne für kulturelle Besonderheiten genutzt wird und kollektive Identitäten zum Teil massiv verstärkt.

Auf Websites wie Australiansabroad.com und Farsinet.com, die sich an im Ausland lebende Australier, Iraner und Inder wenden, nehmen kulturspezifische Angebote viel Platz ein. Hier finden sich Informationen zu heimischen Produkten (von Wein bis Reggae), die online bestellt werden können, nationale politische Themen und Sportnachrichten.

In Indien werden 91 Prozent aller Eheschließungen arrangiert. Außerhalb des Subkontinents ist das Angebot in der direkten Nachbarschaft jedoch begrenzt. Dieses Manko haben auch Website Betreiber entdeckt. Sind doch momentan alleine in den USA 69% aller Asian-Americans online (der landesübliche Durchschnitt liegt bei 43%). Auf mehr als 15 Sites können sich Inder in der Diaspora oder in Indien auf die Suche nach einem passenden Partner begeben. Matrimonials.com wird nach eigenen Angaben monatlich über 40.000 Mal angeklickt und suitablematches.com hat inzwischen 10.000 registrierte Mitglieder. Über ihre Seiten können Interessenten mit potentiellen Partnern im Chatraum erste Kontakte knüpfen. Persönlichkeitsprofile geben Auskunft über die relevanten Details: Von Kastenzugehörigkeit über Beruf und Hobbys bis Herkunftsort. Die persönlichen Angaben werden mit kulturrelevanten Codes versehen: So steht "issueless divorce" für "kinderlos" und "innocently divorced" signalisiert dass die Verfasserin jungfräulich ist.

Neue Medien werden für die kulturelle Erneuerung von Diasporagemeinschaften herangezogen
Seit den 70er Jahren sind eine Vielzahl neuer kultureller kollektiver Identitäten entstanden, die sich im Kampf um Anerkennung, Rechte und finanzielle Förderung auf ihre kulturellen Besonderheiten berufen. Bei vielen dieser Gruppen handelt es sich um bis dato marginalisierte ethnische oder religiöse Minderheiten, deren Mitglieder z.T. in der Diaspora leben. Einige dieser Gemeinschaften benutzen Websites und Diskussionsforen um sich sowohl der eigenen Gruppe als auch der Weltgemeinschaft gegenüber zu präsentieren.

1994 ging Niniveh Online, die größte der Website der Assyrer, ans Netz; erst als Bulletinboard, dann als Website. Die Assyrer sind eine sehr heterogene und weit zerstreut lebende Gruppe von Christen, die ursprünglich aus dem Mittlerem Osten stammen. Ohne einen Heimatstaat leben Assyrer heute auf allen Kontinenten verstreut, und haben Verwandte in Australien, Schweden, dem Libanon, den USA, Kanada und Irak. Die englischsprachige Site zieht monatlich bis zu 100.000 Surfer an. Hier finden sich vielfältige Informationen zur assyrischen Geschichte, Kultur und Sprache. Erlebnisberichte russischer Assyrer in Indien stehen neben Nachrichten über Demonstrationen für die Rückgabe von Land an assyrische Gemeinschaften in Kanada und die neuesten Spielergebnisse des assyrischen Fußballclub in Ontario. Sprachprogramme in Aramaisch, einer der drei assyrischen Sprachen finden sich ebenso wie Links zur Vereinigung assyrischer Ärzte oder dem NGO Assyrer for Education. Die Site richtet sich an Assyrer weltweit und versteht sich als Hüterin des assyrischen Kulturerbes.

Ausblick
Das Internet wird von Menschen, die in der Diaspora leben und von Staaten, zu denen große Diasporas gehören, für die unterschiedlichsten Interessen genutzt und mit verschiedenen Bedeutungen versehen. Es birgt in dieser Hinsicht eine Reihe von Entwicklungspotentialen.

So verwirklichen e-Mail und Chat medial die Idealversion einer intakten Familie, die im engen Kontakt miteinander steht. Ebenso hilft die neue Technologie imaginären Gemeinschaften wie den Aleviten oder den Assyrern, sich der eigenen Gruppe und der Weltöffentlichkeit auf eine Art und Weise zu präsentieren, die durch geographische Entfernungen und politische Zwänge bislang oft verhindert wurde. Virtuelle Räume bieten Menschen ferner die Möglichkeit multiplen Identitäten Ausdruck zu verleihen. Zum Islam konvertierte Holländer, die im realen Leben eine große soziale Kluft zu marokkanischen und surinamesischen Muslimen erleben, können diese in virtuellen Diskussionsrunden überbrücken und sich als Teil einer globalen Religionsgemeinschaft erfahren.

Das expansive Potential der neuen Medien geht über den Aspekt der Selbstverwirklichung hinaus und verweist auf die Möglichkeit, neue Bezüge und Visionen - wie man selbst und die eigene Gesellschaft sein könnten - zu entwickeln. So entstehen heute Solidaritätsnetze, die ohne neue Kommunikationstechnologien nicht vorstellbar gewesen wären. Mailinglisten und Diskussionsgruppen, ob gegen die Besetzung Tibets durch China oder die Militärjunta in Burma, ermöglichen die Zusammenarbeit von Aktivisten und mobilisieren eine weltweite Öffentlichkeit. Durch den direkten Kontakt und die gemeinsamen Foren entsteht bei den Teilnehmern ein neues Gefühl der Zusammengehörigkeit. Vergleichbare neue Gemeinschaften finden sich auch auf einigen der Expat-Foren, auf denen sich Mitglieder "globaler Familien" ungeachtet ihrer Nationalität gegenseitig emotional unterstützen. Die Widersprüche die im diasporischen Alltag häufig zu Loyalitätskonflikten führen (passe ich mich dem Gastland an? Gebe ich damit meine Kultur preis?), können im geschützten Raum von Diskussions- oder Mailinglisten thematisiert werden. Muslimische Jugendliche, die sich im Spannungsfeld zwischen pluralistischer Gastkultur und den Erwartungen ihrer Familien bewegen, haben im Netz die Chance, zu eigenen Positionen zu finden. Ungewohnte Positionen können ausgetestet, angenommen oder verworfen werden.

Dr. Joana Breidenbach und Ina Zukrigl sind als Autorinnen zu den kulturellen Folgen der Globalisierung tätig:

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