Das
Internet und eGovernment in arabischen Ländern
Zwischen
Repression und technologischer Revolution: Nach anfänglicher
Skepsis setzten einige arabischen Staaten eGovernment Projekte
um.
„Eine einzelne Ausgabe des heiligen Koran, die in der
Zeit islamischer Hochkultur von acht Kamelen von einer Bibliothek
zur nächsten getragen werden musste, lässt sich
heute zusammen mit allen bekannten Kommentaren auf einer CD-ROM
speichern – und man kann ihn im Internet durchsurfen.“
(Hasna Askhita, Assad National Library, Damascus)
Exotik des Koran auf CD-ROM
Die Erfolge der neuen Medien und des Internets stechen dem
Besucher der Zentren der arabischen Welt bereits nach wenigen
Schritten ins Auge. Zahlreiche Internet-Cafés und Reklametafeln
für die neuesten Produkte von Microsoft oder Intel lassen
sich aus dem Straßenbild arabischer Städte kaum
mehr wegdenken. Wie der Koran auf CD-ROM stehen sie für
das Nebeneinander von hochmoderner Technologie und Jahrhunderte
alter Kultur. Der augenscheinliche Kontrast zwischen den Symbolen
moderner Kommunikation und der Fülle historischer Gebäude,
der zum beliebten Motiv in Reiseführern und privaten
Fotoalben gehört, spielt mit dem Reiz, den die räumliche
Nähe von Tradition und Moderne für den westlichen
Besucher darstellt.
Seinen exotischen Beiklang verliert das Thema „Die
arabische Welt und das Internet“, sobald man sich der
Wirklichkeit der etwa acht Millionen Menschen in den arabischen
Ländern nähert, die nach Schätzungen des Chip-Herstellers
Intel Ende 2002 regelmäßig im Internet surften.
Die Statistiken über die User und die Internetangebote
verweisen auf Ähnlichkeiten zu Entwicklungen in anderen
Regionen der Welt – aber auch auf länderspezifische
Unterschiede, von denen der arabische Raum selbst geprägt
ist.
Zwischen
Repression und technologischer Revolution
Mit Verbreitungsraten in der Bevölkerung zwischen 0.08
% im Irak und 29.9% in den Vereinigten Arabischen Emiraten
(VAE) verlieren kulturelle Spezifika zwischen dem Westen und
der arabischen Welt, die in Studien zum Umgang mit dem Internet
immer wieder herangezogen werden, ihre Bedeutung. Nicht der
Islam, sondern die sozio-ökonomischen und politischen
Rahmenbedingungen bestimmen die Erfolge des Cyberspace. Als
das Königreich Saudi Arabien im Januar 1999 als eines
der letzten großen arabischen Staaten – sieht
man einmal von den autoritären Regimen im Sudan, Irak
und Libyen ab – der breiten Öffentlichkeit den
Zugriff auf das Internet eröffnete, reagierte es damit
auf einen kaum mehr aufzuhaltenden Trend. Bereits vor der
Öffnung hatten sich Tausende saudische Bürger über
Dial-Up-Verbindungen nach Bahrain den Zugang auf das World
Wide Web gesichert. Trotz der enormen Zuwächse des arabischen
Internet-Marktes selbst nach den weltweiten Einbrüchen
infolge der Anschläge vom 11. September sind die Restriktionen
des Zuganges ins Netz in vielen Ländern unübersehbar.
Der Erfolg des neuen Mediums und die Zunahme der User setzen
den traditionellen Instrumenten der Kontrolle und Zensur sichtbare
Grenzen. Der weitgehend ungehinderte Zugang zu Informationen
für einen immer größer werdenden Teil der
Bevölkerung und die Möglichkeiten einer aktiven
Teilhabe durch Chat-Rooms oder Online-Präsentationen
macht die Politik der informationellen Isolation, wie sie
von den Regierungen in der Region lange praktiziert wurde,
zunehmend aussichtslos. Dennoch versuchte zuletzt das irakische
Regime zu Beginn diesen Jahres und wenige Wochen vor einer
Entscheidung des UN-Sicherheitsrates über eventuelle
militärische Maßnahmen gegen den Irak, mit einer
gezielten Blockade des Internetzuganges den Informationsfluß
zu beeinflußen.
Islamic Internet Souq
Die Bedeutung des Internet als zentrales Medium im internationalen
Handel und Geschäftsverkehr förderte gerade in Ländern
wie den VAE, Jordanien und dem Libanon ein staatliches Interesse
an einem schnellen Ausbau der erforderlichen Infrastruktur.
Die Eröffnung der Dubai Internet City im Herbst 1999
durch Scheich Mohammed bin Rashed steht für den erfolgreichen
Einzug des e-Commerce in die Region.
Parallel zur Nutzung des Internets im Bereich der Wirtschaft
lässt sich eine wachsende Rolle von arabischen Informations-
und Serviceangeboten feststellen. Neben arabischsprachigen
Internetportalen entstanden bereits in den frühen 90er
Jahren Websides mit religiösen Inhalten. Der „Islamic
Internet Souq“ (Gary R. Brunt) stellt heute ein umfangreiches
Angebot an religiösen Texten und audio-visuellen Sendungen
im Internet zur Verfügung. Internet-Seiten wie FatwaOnline
oder IslamOnline bieten religiöse Beratungen durch renommierte
Geistliche wie dem ehemaligen Gelehrten der al-Azhar Universität
in Kairo, Scheich Yusuf Qaradawi.
Staatsbürger am PC?
Die Internetpräsenz der großen arabischen Zeitungen
und die Online-Präsentationen von Satellitensendern wie
al-Jazeera (Qatar) haben den Zugang und die Nutzung von nationalen
wie internationalen Nachrichten und Berichten revolutioniert.
Bei aller Furcht vor den Folgen des Internets für die
Stabilität der Regime sehen sich selbst autokratische
Staatsführungen gezwungen, dieses Mittel zu zulassen.
Bereits in einem Bericht aus dem Jahre 1996 erkannte der damalige
Vorsitzende der Syrian Computer Society und heutige Staatspräsident,
Bashar al-Assad, die Notwendigkeit, das Internet zu nutzen.
Er begründete dies mit den Möglichkeiten, die sich
damit für die öffentliche Darstellung der syrischen
Haltung im Konflikt mit Israel bieten. In Jordanien begannen
zur selben Zeit zahlreiche staatliche Einrichtungen, im Netz
über ihre Aufgaben und Ziele zu informieren. Selbst der
Geheimdienst machte Informationen über seine Behörde
öffentlich zugänglich. Während die Bemühungen
im Bereich des eGovernment in den letzten Jahren gerade in
Jordanien und den VAE Fortschritte machten, stecken ähnliche
Projekte für eine Online-gestützte Kommunikation
mit den staatlichen Behörden in anderen arabischen Ländern
noch in den Anfängen.
Die Zukunft des eGovernment wird allerdings auch hier nicht
allein von den technischen Zugangsbedingungen abhängen.
Der Islamwissenschaftler am Deutschen
Orient Institut in Hamburg, Dr. Kai Hafez (zum Interview
hier),
weist darauf hin, dass die Erfolge des eGovernment entscheidend
vom politischen Selbstverständnis der Regime abhängig
sein werden. Eine Partizipation des Users als Staatsbürger
am PC erfordert hier wie in anderen Regionen mehr als schnelle
Telefonverbindungen.
Der Text entstanden in Zusammenarbeit mit dem
Middle East Media Research Institute (MEMRI). MEMRI übersetzt
arabische Zeitungen und erstellt Studien zu aktuellen Themen
aus dem Nahen Osten.
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