E-Demokratie und China - Teil 1
In China,
bedingt durch die politischen Rahmenbedingungen, scheint das
Thema Menschenrecht die 'Durchschnitts-Menschen' nicht so
sehr zu interessieren. Mehr noch: Selbst viele reformorientierte,
systemkritische Intellektuelle reagieren inzwischen auch allergisch
auf die amerikanische Kritik bezüglich der Menschenrechtssituation
in China, weil sie das Gefühl haben, dass die Sache aus
sehr fadenscheinigen Gründen instrumentalisiert wird.
Der folgende Artikel ist zu einer Zeit geschrieben worden,
wo man im Westen quer durch alle Medien über Internetzensur
und Repression in China spricht. Wenn es auch nicht so zeitgemäß
ist, will der Autor mit diesem und einem weiteren Artikel
dazu einen Diskussionsbeitrag liefern.
Vorab sei ein grundsätzliches Faktum festgestellt, dass
es sich bei den chinesischen Internetnutzern nur um einen
Bruchteil der Bevölkerung Chinas handelt: jene „wenigen
Millionen“ chinesischen Bürger, die einen Computer
und einen Internetanschluss besitzen oder in Internetcafés
darauf Zugriff haben. In China ist man sich wie im Westen
der digitalen Spaltung der Gesellschaft bewusst, da gerade
bei den neuen Medien bestimmte Gruppen überproportional
beteiligt sind und ein großer Teil der Bevölkerung
außen vor bleibt. Wer sich innerhalb eines Netzwerks
befindet, genießt alle Vorteile oder ‚Privilegien’
der Mitgliedschaft, wer draußen bleiben muss, hat gleichsam
keinen Wert, wie Manuel Castells sarkastisch bemerkt. Denn
das Netzwerk funktioniert durch den Primärcode Ein- oder
Ausschluss.
Die Netzwerkgesellschaft eröffnet, wie Castells in seinem
Opus magnum Das Informationszeitalter erläutert, neue
Möglichkeiten der demokratischen Meinungsbildung und
politischen Entscheidungsfindung. Da kann auch China keine
Enklave darstellen, aber die demokratisierungsinteressierte
Internetnutzung in China ist ein Phänomen mit chinaspezifischen
Ausprägungen. „Die Wirkung des Internet auf China
wird größer als woanders sein“, so Guo Liang
von der chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften.
„Denn China ist eine geschlossene Gesellschaft, das
Internet aber ist eine offene Technologie. Es wird China noch
mehr voran treiben.“
Ausschluss-Verfahren sind in vielen Klassengesellschaften
gang und gäbe. Das Neue jener Teilhabe, die sich im Zugang
zum Internet manifestiert, ist aber, dass der Zugang zu diesem
neuen Medium Angehörigen aller Klassen mindestens prinzipiell
offen steht. Das ist, wie man weiß, nicht überall
in der Welt machbar. Auch in China breiten sich Internetcafés
längst selbst in kleinen Nestern des Landesinneren aus.
Der Digital Divide ist nicht allein durch das bloße
Faktum der prinzipiellen Zugangsmöglichkeit definierbar
und die ihm gegebene Schranke ist auch nicht mit dem Nachweis
des gelegentlichen Zugangs individuell überwunden. Die
Schranke besteht zwischen jenen, die einen minimalen, dilettantischen
oder bloß dem entertainment dienenden Gebrauch vom Internet
machen, und jenen, die das Internet kritisch und produktiv
zu nutzen gelernt haben. Beim Thema „E-Demokratie und
China“ handelt es sich letztlich um Cyber-Öffentlichkeit
und nicht um eine gesamtgesellschaftliche Öffentlichkeit,
welche in China noch auf sich warten lässt. Die „Bürger“,
oder die „Massen“ diskutieren nicht – bis
auf eine kleine Minderheit. Offensichtlich darf auch in China
nicht die öffentliche Meinung mit der veröffentlichten
Meinung gleichgesetzt werden.
Diskussionsbasis: Kontroverse zu E-Demokratie
Gemeinsam ist China wie dem Westen, dass man bei
dem Wort net community leicht an Demokratie oder mindestens
eine demokratische Form der Teilhabe denkt. Aber hier differenziert
sich schon die chinaspezifische und die westliche Debatte,
wie auch der objektive „Stand der Dinge“: Wenn
es um das Thema oder Konzept der „E-Demokratie“
(e-democracy) geht, das in den neunziger Jahren ins Blickfeld
der Wissenschaft rückte, spricht man im Westen, in guter
alter Tradition einem Demokratie-Begriff verpflichtet, dem
zufolge Demokratie nur als permanenter Kommunikationsprozess
zwischen Regierenden und Regierten verstanden werden könne,
was noch mehr als bisher zu einer Deckungsgleichheit von Entscheidern
(decision-makers) und von den Entscheidungen Betroffenen beitrage.
Oder aber: man spricht – und darin liegt ein gewisses
„systemsprengendes“ Potential – von der
neu geschaffenen Bedingung für eine gleiche und faire
Teilhabe aller Beteiligten, was vermeintlich erstmals seit
der Antike zu realisieren sei.
Solchen optimistischen Höhenfliegern stehen aber
pessimistische Tieftaucher gegenüber. Die Rede ist z.B.
von einer Gefahr für die repräsentative oder
parlamentarische Demokratie oder von der bereits erwähnten
Spaltung der Gesellschaft in Bürger mit Internetzugang
und ohne. Man befürchtet also auf konservativer bzw.
neoliberaler Seite wie bei den Fürsprechern erweiterter
Demokratie: „The Internet is bad for democracy“,
Crabtree, James, „The Internet is bad for democracy“,
in: openDemocracy,
Debates: eDemocracy, (05.12.2002).
Anderer Ausgangspunkt
Klar ist: Die westlichen Befürworter und Gegner
haben bei den Debatten stets die Tradition und Praxis der
westlichen liberalen Demokratie vor Augen. Sprechen wir nun
aber über China, ein offiziell noch kommunistisches Land,
greifen manche Theorien oder Theoreme offensichtlich
nicht mehr. Um sofort ein Beispiel zu nennen: Es wäre
fast schon eine Extravaganz, über Kongruenz von Entscheidern
und Betroffenen zu sprechen, wenn die Möglichkeiten politischer
Partizipation nicht einmal über den Umweg der öffentlichen
Meinung zu erreichen sind.
Fest steht immerhin, dass der „starting point“
einer formellen, bürgerlich-liberalen Demokratie mit
allen ihren Rechtsgarantien und zumindest formellen „checks
and balances“ in China fehlt. Die spezifischen historischen
Voraussetzungen sind in China unübersehbar andere; und
eine direkte Demokratie scheint in baldiger Zukunft noch nicht
zu erreichen sein. Daher scheint es den meisten Kritikern
in China fast utopisch, jetzt schon für die chinesische
Gesellschaft eine Onlinekommunikation zwischen Regierenden
und Regierten zu erträumen, und noch unrealistischer
erscheint die unmittelbare Verwirklichung eines sich der Möglichkeiten
des Internet bedienenden „government of the people,
by the people, for the people“, um Abraham Lincolns
bekanntes Dictum zu zitieren. Dass der KP-Chef Hu Jintao oder
der Ministerpräsident Wen Jiabao vor kurzem als Internetnutzer
auftraten, oder der Außenminister Li Zhaoxing am 23.12.2003
mit über 20.000 Teilnehmern im Cyber-Forum über
die chinesische Außenpolitik chattete, ist gewiss noch
kein Indiz für eine kommunikative Teilhabe an der Debatte
über die „öffentliche Sache“.
Andererseits könnte aber das, was in den akademischen
Debatten des Westens als so genannte Schwäche der elektronischen
Demokratie oder als Demokratiedilemma erachtet wird, in China
gerade kein Dilemma sein, sondern vielmehr ein Fortschritt
und Durchbruch. Anders ausgedrückt: Das Internet ist
u.U. also nicht „bad“, sondern im Gegenteil durchaus
sehr gut für den Demokratisierungsprozess in China. Der
entscheidende Grund dafür ist wiederum der andere Ausgangspunkt
Chinas. Daher eröffnet tatsächliche Demokratisierung
und Partizipation in China erstaunlich hohe Chancen.
Andere Fragestellungen
2003 ist die Zahl der chinesischen Internetnutzer
von 59 Millionen auf fast 80 Millionen angestiegen. Eines
haben der Osten und der Westen laut
Ewert/Fazlic/Kollbeck gemeinsam: „Die neuen Medien
beeinflussen die Demokratie in zumindest doppelter Weise.
Erstens, weil die wichtige gesellschaftliche Kommunikation
zunehmend auch in elektronischen Netzen stattfindet. Zweitens,
weil die neuen Medien und deren Nutzung neue soziale Ungleichheiten
mit sich bringen.“ Was uns in dem vorliegenden Kontext
interessiert, ist vor allem der erste Aspekt,
Die Brisanz dabei ist, dass das Internet, das im Vergleich
zu klassischen Medien die Möglichkeiten, sich aktiv und
selbstbestimmt zu informieren, und mit anderen netizen zu
kommunizieren, erheblich erweitert, in einem Demokratisierungsprozess
wohl noch mehr zur Geltung kommen kann. Von daher muss die
Frage der Bedeutung des Internet in China für demokratische
Veränderungstendenzen dementsprechend beachtet werden.
Die vermeintliche Schwäche der E-Demokratie ist aber
deshalb in vieler Hinsicht irrelevant für China, weil
das Internet nichts verderben kann, da eine Demokratie noch
nicht etabliert ist.
Die bisherigen Nutzerstudien – vor allem aus dem Westen
– widerlegen meistens jene Hypothese, dass das Internet
zur Stärkung von Tendenzen der Demokratisierung im politischen
Leben Chinas beitragen könnte. Die meisten westlichen
Kritiker – wenn sie zum Beispiel die Frage der bereits
beobachtbaren und/oder noch zu erwartenden Auswirkungen des
Einstiegs in eine so genannte globale Kommunikationsgesellschaft
seitens immer schneller hinzukommender chinesischer Internetnutzer
zum Gegenstand der Forschung machen – würden ohne
Zweifel als Eckdaten die folgende Annahme einbauen: China
ist keine offene Gesellschaft; China weist immer noch wesentliche
Merkmale eines totalitären Staatswesens auf. Daher war
und ist die Fokussierung auf die chinesische
Internetzensur ein Steckenpferd vieler Forscher und Reporter
im Westen - dies insbesondere in einer Zeit, wenn man gerade
neue Statistik der chinesischen Internetnutzer erfährt:
Dem Zahlenfetisch folgt fast automatisch immer eine Zensur-Diskussion.
Selten wird gefragt: Was hat das Internet de facto zur Meinungsbildung
in China beigetragen und was kann und wird es noch beitragen?
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