In Handel setzt auf umfassende Warenüberwachung
mit RFID-Etiketten - Big Brother im Kaufhaus?
Der vertraute Strichcode hat bald ausgedient. Hardware-Hersteller,
Logistik- und Handels-unternehmen rüsten zurzeit die
Kennzeichnung ihrer Waren mit dem neuen Electronic Product
Code (EPC) auf. Gespeichert wird er in sogenannten RFID-Labels
(Radio Frequency Identification). Das sind elektronische Etiketten,
deren Informationen drahtlos und ohne Sichtkontakt ausgelesen
werden können.
Die Labels enthalten einfache Speicherchips und aus einem
Schaltkreis und einer Antenne bestehende Transponder, die
in der Nähe eines Lesegerätes über Wechselfelder
mit Strom versorgt werden. Ohne Berührung können
sie dabei die auf dem Chip gespeicherten Daten übermitteln.
RFID-Kennzeichnungen haben im Vergleich zu optischen Codes
den Vorteil, sich schneller und unbemerkt lesen zu lassen,
einzelne Produkte eindeutig zu identifizieren und außerdem
deutlich mehr Informationen tragen zu können. Auf Waren
wie Lebensmitteln oder Kleidung angebracht, können Logistikunternehmen
und Einzelhändler mit RFID Lagerbestände, Warenverkehr
und Verkauf computergesteuert abwickeln und einfacher überwachen.
Viele manuelle Eingriffe, die heute noch nötig sind,
könnten entfallen.
Vorteil für den Verbraucher: Er muss an der Kasse nicht
mehr Schlange stehen – künftig reicht es, den Einkaufswagen
an einem Lesegerät vorbeizuschieben. Doch das ist noch
Zukunftsmusik. Denn tatsächlich hat die automatische
Erfassung eines gemischten Warenkorbs bislang in keinem Test
geklappt. Entweder blockieren Dosen die Datenübermittlung
oder übereinander liegende Transponder stören sich
gegenseitig oder die Antennen sind verbogen und sind nicht
auf das Lesegerät ausgerichtet... Der Teufel steckt also
im technischen Detail.
Auch der hohe Preis von 30 bis 40 Cent für einen Transponder,
der den elektronischen Produktcode speichern kann, steht dem
Einsatz zumindest bei billigen Waren im Weg. Allerdings geht
die Branche davon aus, dass die Preise bei Massenfertigung
purzeln.
Gegenwärtig arbeitet der deutsche Handelsriese Metro
zusammen mit der britischen Kette Tesco, der französischen
Carrefour und dem Chip-Hersteller Intel an der schnellen Einführung
von RFIDs beziehungsweise dem Electronic Product Code. Metro
testet die Technik bereits seit April vergangenen Jahres in
einem „Future Store“ in Rheinberg und will sie
ab November großflächig in 250 Filialen (z.B. bei
Kaufhof und Real) einsetzen. Der Konzern erwartet davon bei
den Lagerhaltungskosten Einsparungen um 20 Prozent. Auch Tchibo
steuert derzeit testweise seine Waren in einem Bremer Hochregallager
mit RFID. IT-Riesen wie SAP, Microsoft, IBM, Infineon, Philips
und NEC planen ohnehin den Einstieg in das RFID-Geschäft,
von dem sich die Branche lukrative Umsätze verspricht:
Die Marktforscher von ABI Research erwarten, dass der Gesamtumsatz
mit RFID-Anwendungen bis 2008 ein Volumen von 3,1 Milliarden
Dollar erreicht. Damit fällt ihre Schätzung vorsichtig
aus, denn die Prognosekonkurrenz von Frost & Sullivan
geht für 2008 von einem Markt von über 7 Milliarden
Dollar aus.
Selbst das Organisationskomitee der Fussball-Weltmeisterschaft
2006 setzt auf die smarten Labels. Es will den Zugang zu den
Veranstaltungen in den zwölf deutschen WM-Stadien kontrollieren.
Durch die Verbindung von personalisierten RFID-Karten und
elektronischer Zugangstechnik wollen die Organisatoren Ticketfälschungen
erschweren und sicherstellen, dass nur berechtigte Personen
Zutritt ins Stadion erhalten. Das System soll polizeibekannte
Hooligans vom Erwerb ausschließen und den Schwarzhandel
mit Eintrittskarten unterbinden.
Die umfassenden Einsatzmöglichkeiten rief bereits die
Datenschützer auf den Plan. Denn außer in Kleidungsstoffe
lassen sich RFID-Etiketten direkt in Waffen oder Geldscheine
einbauen und selbst bei Tieren und Menschen einsetzen. Der
universitäre Forschungsverbund Auto ID Labs hat unter
Führung des renommierten Massachusetts Institute of Technology
(MIT) bereits eine Physical Markup Language nach dem Vorbild
von HTML entwickelt, um ein „Internet der Dinge“
auf Basis der kleinen Transponder zu entwickeln. Ziel ist
letztlich ein riesiges Produktverzeichnis, in dem auch Orts-
und Personenangaben zu sämtlichen mit RFID-Chips bestückten
Waren parat gehalten würden. Der Widerstand der Datenschützer
regt sich insbesondere gegen den Einsatz von RFID in Pässen.
Jede Person würde dann eine eindeutige Identifizierungsnummer
erhalten. Zudem wäre es möglich, von Erfassungsgeräten
(z.B. in Kaufhäusern) lokalisiert zu werden. Das Schreckensszenario
der Datenschützer vom „Verein zur Förderung
des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs“
(FoeBuD) aus Bielefeld sieht so aus: Etiketten und Lesegeräte
werden versteckt angebracht. Durch massenhafte Datenzusammenführung
kann die Technik Personen und Objekte weltweit identifizieren.
Ist beispielsweise ein RFID-Etikett in einen Schuh eingebaut,
so kann man den Käufer überwachen und herausfinden,
welche politische Versammlungen er besucht.
Axel Bülow, CIO bei SAP Systems Integration, winkt ab:
„Natürlich ist es theoretisch möglich, auf
RFID-Chips gespeicherte Informationen unbefugt einzusehen.
Aber der technische Aufwand für einen solchen Datenmissbrauch
ist erheblich. Zudem bieten andere Technologien wahrlich mehr
Ansatzpunkte, um „Big Brother“-Szenarien wahr
werden zu lassen: Um die Wege von Menschen lückenlos
zu verfolgen, eignet sich die Ortung von Mobiltelefonen sicherlich
eher als auf 20 Meter beschränkte RFID-Lesegeräte.“
Dennoch zeigt der Protest Wirkung: Auf Konferenzen feilt
man schon an Richtlinien zur Einhaltung des Datenschutzes.
Außerdem will man auf kritische Fragen zu gesundheitlichen
Auswirkungen der allgegenwärtigen Hochfrequenzberieselung
(Elektrosmog) Antworten finden. Die Metro AG erfüllte
kürzlich eine Forderung der Kritiker und lässt nun
10.000 Payback-Kundenkarten austauschen, die einen RFID-Chip
enthalten. Stattdessen werden die Kunden in den nächsten
Wochen Karten ohne solche Chips erhalten.
Derweil arbeiten Aktivisten bereits an Chips, die das Auslesen
blockieren. So stellt RSA-Security aus Massachusetts auf der
CeBIT einen Sender vor, der die Kommunikation zwischen Sender
und Empfänger stört. Und die Bürgerrechtler
vom FoeBuD tüfteln am DataPrivatizer. Mit dem kleinen
Gerät sollen Kunden die versteckten Funkchips aufspüren
und eventuell stören können. Das Löschen von
Daten funktioniert zurzeit nur mit relativ brachialen Methoden
wie elektronischer Überladung oder schlicht roher Gewalt.
Sollten sich Befürworter und Kritiker letztlich darauf
einigen, dass der Verbraucher den Chip an der Kasse deaktivieren
kann, so entfallen dann natürlich die vom Handel gepriesenen
Annehmlichkeiten: die Tiefkühlmahlzeit, die automatisch
die Mikrowelle richtig einstellt, der Kühlschrank, der
selbstständig Milch bestellt, wenn der Vorrat zur Neige
geht, oder die Waschmaschine, die warnt, wenn die Hausfrau
empfindliche Textilien in die Kochwäsche gibt.
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