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Ulrich Hottelet Update: Wednesday, 03. November 2004
Von: Ulrich Hottelet <ulrich.hottelet@web.de>
An: redaktion@politik-digital.de
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In Handel setzt auf umfassende Warenüberwachung mit RFID-Etiketten - Big Brother im Kaufhaus?

Der vertraute Strichcode hat bald ausgedient. Hardware-Hersteller, Logistik- und Handels-unternehmen rüsten zurzeit die Kennzeichnung ihrer Waren mit dem neuen Electronic Product Code (EPC) auf. Gespeichert wird er in sogenannten RFID-Labels (Radio Frequency Identification). Das sind elektronische Etiketten, deren Informationen drahtlos und ohne Sichtkontakt ausgelesen werden können.

Die Labels enthalten einfache Speicherchips und aus einem Schaltkreis und einer Antenne bestehende Transponder, die in der Nähe eines Lesegerätes über Wechselfelder mit Strom versorgt werden. Ohne Berührung können sie dabei die auf dem Chip gespeicherten Daten übermitteln. RFID-Kennzeichnungen haben im Vergleich zu optischen Codes den Vorteil, sich schneller und unbemerkt lesen zu lassen, einzelne Produkte eindeutig zu identifizieren und außerdem deutlich mehr Informationen tragen zu können. Auf Waren wie Lebensmitteln oder Kleidung angebracht, können Logistikunternehmen und Einzelhändler mit RFID Lagerbestände, Warenverkehr und Verkauf computergesteuert abwickeln und einfacher überwachen. Viele manuelle Eingriffe, die heute noch nötig sind, könnten entfallen.

Vorteil für den Verbraucher: Er muss an der Kasse nicht mehr Schlange stehen – künftig reicht es, den Einkaufswagen an einem Lesegerät vorbeizuschieben. Doch das ist noch Zukunftsmusik. Denn tatsächlich hat die automatische Erfassung eines gemischten Warenkorbs bislang in keinem Test geklappt. Entweder blockieren Dosen die Datenübermittlung oder übereinander liegende Transponder stören sich gegenseitig oder die Antennen sind verbogen und sind nicht auf das Lesegerät ausgerichtet... Der Teufel steckt also im technischen Detail.

Auch der hohe Preis von 30 bis 40 Cent für einen Transponder, der den elektronischen Produktcode speichern kann, steht dem Einsatz zumindest bei billigen Waren im Weg. Allerdings geht die Branche davon aus, dass die Preise bei Massenfertigung purzeln.

Gegenwärtig arbeitet der deutsche Handelsriese Metro zusammen mit der britischen Kette Tesco, der französischen Carrefour und dem Chip-Hersteller Intel an der schnellen Einführung von RFIDs beziehungsweise dem Electronic Product Code. Metro testet die Technik bereits seit April vergangenen Jahres in einem „Future Store“ in Rheinberg und will sie ab November großflächig in 250 Filialen (z.B. bei Kaufhof und Real) einsetzen. Der Konzern erwartet davon bei den Lagerhaltungskosten Einsparungen um 20 Prozent. Auch Tchibo steuert derzeit testweise seine Waren in einem Bremer Hochregallager mit RFID. IT-Riesen wie SAP, Microsoft, IBM, Infineon, Philips und NEC planen ohnehin den Einstieg in das RFID-Geschäft, von dem sich die Branche lukrative Umsätze verspricht: Die Marktforscher von ABI Research erwarten, dass der Gesamtumsatz mit RFID-Anwendungen bis 2008 ein Volumen von 3,1 Milliarden Dollar erreicht. Damit fällt ihre Schätzung vorsichtig aus, denn die Prognosekonkurrenz von Frost & Sullivan geht für 2008 von einem Markt von über 7 Milliarden Dollar aus.

Selbst das Organisationskomitee der Fussball-Weltmeisterschaft 2006 setzt auf die smarten Labels. Es will den Zugang zu den Veranstaltungen in den zwölf deutschen WM-Stadien kontrollieren. Durch die Verbindung von personalisierten RFID-Karten und elektronischer Zugangstechnik wollen die Organisatoren Ticketfälschungen erschweren und sicherstellen, dass nur berechtigte Personen Zutritt ins Stadion erhalten. Das System soll polizeibekannte Hooligans vom Erwerb ausschließen und den Schwarzhandel mit Eintrittskarten unterbinden.

Die umfassenden Einsatzmöglichkeiten rief bereits die Datenschützer auf den Plan. Denn außer in Kleidungsstoffe lassen sich RFID-Etiketten direkt in Waffen oder Geldscheine einbauen und selbst bei Tieren und Menschen einsetzen. Der universitäre Forschungsverbund Auto ID Labs hat unter Führung des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) bereits eine Physical Markup Language nach dem Vorbild von HTML entwickelt, um ein „Internet der Dinge“ auf Basis der kleinen Transponder zu entwickeln. Ziel ist letztlich ein riesiges Produktverzeichnis, in dem auch Orts- und Personenangaben zu sämtlichen mit RFID-Chips bestückten Waren parat gehalten würden. Der Widerstand der Datenschützer regt sich insbesondere gegen den Einsatz von RFID in Pässen. Jede Person würde dann eine eindeutige Identifizierungsnummer erhalten. Zudem wäre es möglich, von Erfassungsgeräten (z.B. in Kaufhäusern) lokalisiert zu werden. Das Schreckensszenario der Datenschützer vom „Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs“ (FoeBuD) aus Bielefeld sieht so aus: Etiketten und Lesegeräte werden versteckt angebracht. Durch massenhafte Datenzusammenführung kann die Technik Personen und Objekte weltweit identifizieren. Ist beispielsweise ein RFID-Etikett in einen Schuh eingebaut, so kann man den Käufer überwachen und herausfinden, welche politische Versammlungen er besucht.

Axel Bülow, CIO bei SAP Systems Integration, winkt ab: „Natürlich ist es theoretisch möglich, auf RFID-Chips gespeicherte Informationen unbefugt einzusehen. Aber der technische Aufwand für einen solchen Datenmissbrauch ist erheblich. Zudem bieten andere Technologien wahrlich mehr Ansatzpunkte, um „Big Brother“-Szenarien wahr werden zu lassen: Um die Wege von Menschen lückenlos zu verfolgen, eignet sich die Ortung von Mobiltelefonen sicherlich eher als auf 20 Meter beschränkte RFID-Lesegeräte.“

Dennoch zeigt der Protest Wirkung: Auf Konferenzen feilt man schon an Richtlinien zur Einhaltung des Datenschutzes. Außerdem will man auf kritische Fragen zu gesundheitlichen Auswirkungen der allgegenwärtigen Hochfrequenzberieselung (Elektrosmog) Antworten finden. Die Metro AG erfüllte kürzlich eine Forderung der Kritiker und lässt nun 10.000 Payback-Kundenkarten austauschen, die einen RFID-Chip enthalten. Stattdessen werden die Kunden in den nächsten Wochen Karten ohne solche Chips erhalten.

Derweil arbeiten Aktivisten bereits an Chips, die das Auslesen blockieren. So stellt RSA-Security aus Massachusetts auf der CeBIT einen Sender vor, der die Kommunikation zwischen Sender und Empfänger stört. Und die Bürgerrechtler vom FoeBuD tüfteln am DataPrivatizer. Mit dem kleinen Gerät sollen Kunden die versteckten Funkchips aufspüren und eventuell stören können. Das Löschen von Daten funktioniert zurzeit nur mit relativ brachialen Methoden wie elektronischer Überladung oder schlicht roher Gewalt.

Sollten sich Befürworter und Kritiker letztlich darauf einigen, dass der Verbraucher den Chip an der Kasse deaktivieren kann, so entfallen dann natürlich die vom Handel gepriesenen Annehmlichkeiten: die Tiefkühlmahlzeit, die automatisch die Mikrowelle richtig einstellt, der Kühlschrank, der selbstständig Milch bestellt, wenn der Vorrat zur Neige geht, oder die Waschmaschine, die warnt, wenn die Hausfrau empfindliche Textilien in die Kochwäsche gibt.

 

  • Erschienen bei gipfelthemen.de am 20.09.2004

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