Digitale Spaltung überwinden
Vom 10. bis 12. Dezember 2003 wird in Genf der UNO-Weltgipfel
zur Informations- und Wissensgesellschaft stattfinden. Dr.
Angela Merkel, Fraktionsvorsitzende CDU/CSU im Bundestag,
sagt, weshalb fairer Wettbewerb durch Privatisierung und Regulierung
helfen kann, die digitale Kluft zu verkleinern.
Zahlreiche Regierungsdelegationen, Interessenvertreter, Fachleute
und - erstmals - Vertreter von nichtstaatlichen Organisationen
werden auf dem "World Summit on the Information Society" (WSIS)
Prinzipien für eine gerechte Entwicklung der globalen Informations-
und Wissensgesellschaft erarbeiten. Der Gipfel ist das bislang
hochrangigste Treffen von Akteuren, die sich mit der Informationsgesellschaft
befassen.
Mit der zunehmenden Verlagerung der Kommunikation sind Wissen,
Information und Kommunikation zu den wichtigsten Faktoren
individueller und gesellschaftlicher Entwicklung geworden.
Information und Kommunikation haben sich zum Wachstumsmotor
der postindustriellen Gesellschaft und zu einer Antriebskraft
auf einem Weltmarkt wachsender wirtschaftlicher Verflechtungen
entwickelt. Zugleich ist die Digitalisierung von Information
und Kommunikation eine der bedeutendsten wirtschafts- und
entwicklungspolitischen Herausforderungen der Zukunft. Die
ungeheuren Möglichkeiten digitaler Datennetze, Raum und Zeit
zu überwinden und Menschen auf dem ganzen Globus zusammenzuführen,
benachteiligen jene immer stärker, die diese nicht nutzen
können. Seit Jahren prophezeien Experten die digitale Spaltung
der Welt in User und Loser: Auf der einen Seite steht die
Informationselite, auf der anderen befinden sich die Medienanalphabeten,
die den Anschluss ans Internet-Zeitalter verpasst haben.
So gibt es heute in Manhattan mehr Internetnutzer als auf
dem gesamten afrikanischen Kontinent. Dieser digitale Rückstand
führt dazu, dass viele Entwicklungsländer nicht an der zunehmenden
weltwirtschaftlichen Verflechtung teilhaben können. Es mangelt
ihnen vor allem an Telefon- und Internetverbindungen - Informations-
und Kommunikationstechniken sind weltweit extrem ungleich
verteilt. Neben den Ländern Südasiens weist vor allem der
afrikanische Kontinent, mit Ausnahme Südafrikas, in diesem
Bereich dramatische Rückstände auf. So bleibt die Zahl der
Internet-Nutzer pro 1.000 Einwohner in diesen Regionen statistisch
im Dezimalbereich. Zudem fehlt es an der notwendigen Infrastruktur:
In Südasien kommen auf 1.000 Einwohner rund 32 Telefone und
5 Computer, in Afrika südlich der Sahara stehen 1.000 Einwohnern
insgesamt 14 Telefone und 10 Computer zur Verfügung.
Die digitale Spaltung von heute ist aber die soziale Spaltung
von morgen. Denn der Zugang zur globalen Informations- und
Kommunikationsgesellschaft ist mitentscheidend für Entwicklung
und Wohlstand. Der Zugriff auf die Informations- und Kommunikationsressourcen
der Welt ermöglicht den Entwicklungsländern durchgreifende
Effizienzsteigerungen und Kostensenkungen in der Wirtschaft,
Verbesserungen in der Medizin und auf dem Bildungssektor.
Die Teilhabe an der weltweiten Vernetzung eröffnet ihnen neue
ökonomische Möglichkeiten und kann über die Stärkung zivilgesellschaftlicher
Organisationen zu Demokratisierung und politischer Partizipation
beitragen.
Bei der Überwindung der digitalen Spaltung ist in erster Linie
das Engagement des privaten Sektors gefragt. Hierzu müssen
aber die notwendigen Voraussetzungen geschaffen werden. Dies
sind, neben der Förderung von Aus- und Weiterbildung und dem
Schutz von Auslandsinvestitionen, vor allem günstige wirtschaftliche
und rechtliche Rahmenbedingungen. Wir brauchen faire Wettbewerbsbedingungen
durch Privatisierung und Regulierung.
So zeigen internationale Erfahrungen, dass die Anschlussdichte
bei Telefon und Internet sprunghaft ansteigt und die Preise
für die entsprechenden Dienstleistungen rapide sinken, wenn
staatliche Monopole privatisiert werden und der entstehende
Markt durch eine leistungsfähige und unabhängige Regulierungsinstanz
kontrolliert wird. In einer Reihe von Entwicklungsländern
dient der Telekommunikationssektor noch zur Finanzierung der
Staatsapparate, verbunden mit hohen Kosten für den Nutzer
und geringen Reinvestitionen in den Ausbau und die verbesserte
Qualität der Netze.
Die Schaffung investitionsfreundlicher Rahmenbedingungen ist
aufgrund der globalen Struktur der neuen Kommunikationstechnologien
jedoch nur im Verbund der internationalen Staatengemeinschaft
möglich. Wir alle haben ein Interesse an der Überwindung der
digitalen Kluft: Denn nur offene und entwickelte Informations-
und Wissensgesellschaften öffnen die benötigten weltweiten
Märkte für Telekommunikations-, E-Commerce-, Medien- und Unterhaltungsdienste
jeder Art und schaffen Rahmenbedingungen für die Beseitigung
der gegenwärtigen Konflikte. Nur wenn die internationale Staatengemeinschaft
es schafft, hier die notwendigen politischen Strategien zu
entwickeln, kann das heute noch ungenutzte Potential zur Verbesserung
der Produktivität und der Lebensqualität zum Nutzen der gesamten
Weltgemeinschaft erschlossen werden.
Aus diesem Grund müssen wir Perspektiven für die Nutzung und
weitere Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie
aufzeigen, die sowohl Belangen der Entwicklungs- als auch
der Industrieländer Rechnung tragen. Dies ist das gemeinsame
Ziel des "World Summit on the Information Society" (WSIS).
In Genf und Tunis müssen Entscheidungen für die technische
und inhaltliche Entwicklung der Wissens- und Informationsgesellschaft
für die nächsten Jahrzehnte getroffen werden. Der Gipfel eröffnet
für Industrie- und Entwicklungsländer die Möglichkeit, sich
unter Einbeziehung zivilgesellschaftlicher Gruppen und der
Wirtschaft gemeinsam unter dem Dach der Vereinten Nationen
mit den Chancen und Herausforderungen auseinander zu setzen,
die die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien
bieten.
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