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Ist
das Internet widerstandsfähig gegen Angriffe?
Die
Sicherheit des Internet ist schon bei der Vorbereitung des
UNO-Gipfels zur Informationsgesellschaft ein kontroverses
Thema. Wolfgang
Fischer und Dr.
Niels Lepperhoff haben eigene Untersuchungen angestellt.
Darüber, wie gefährdet das Internet ist
und wer es bedroht, gehen die Meinungen auseinander. Folglich
gibt es keine Übereinstimmungen darüber, ob und
wie sich die Staatengemeinschaft mit solchen strategischen
Bedrohungen auseinandersetzt. Jedoch erscheint es angemessen,
darüber nachzudenken, wie solche Bedrohungen künftig
aussehen können und welche Folgen sie haben könnten.
Denn eine "nachhaltige Informationsgesellschaft2 wird
es nur geben, wenn eine ihrer Basisinfrastrukturen, das Internet,
sich auch gegen terroristische Angriffe behaupten kann.
Fischer,
Lepperhoff: "gehen die Datenpakete verloren, wird die
Kommunikation unterbrochen"
Wir haben eine der Optionen von Cyberterroristen untersucht,
nämlich Angriffe auf die Infrastruktur Internet, um dessen
Funktionsfähigkeit zu beeinträchtigen. Mit unserem
Simulationsmodell INESS wurde ermittelt, welche Folgen solche
Angriffe hätten, wenn sie sich gegen Backbones und Interent
Exchange Points (IX) richten. Die Folgen werden daran gemessen,
wie hoch der dadurch ausgelöste Verlust an Datenpaketen
ist. Denn ihr Transport ist die Dienstleistung des Internets;
gehen die Datenpakete verloren, wird die Kommunikation unterbrochen.
Backbones
zu durchtrennen wäre für Terroristen nicht schwierig,
wenn sie wissen, wo sie liegen. Aber welche Folgen hätte
das? INESS zeigt, dass selbst die gleichzeitige Zerstörung
von fünf der Backbones, die den meisten Paketverkehr
in Europa transportieren, ohne bemerkenswerte Folgen für
das Internet wäre: Es gibt keinen nennenswert höheren
Paketverlust. Das gilt freilich nur, wenn das Backbonenetz
vermascht ist und ausreichende Kapazitäten zum Datentransport
hat. Ist das nicht so oder sind wichtige Internetnutzer nur
über einen Backbone angebunden, wären die Folgen
gravierender.
Ein Angriff auf einen zentrale IX verursacht nur geringen
Schaden
Was würde passieren, wenn ein zentraler IX in Europa
durch Angriffe ausfällt? Wir haben das getrennt für
die IX London, Paris und Frankfurt untersucht. Die Auswirkungen
sind deutlich stärker: Der Paketverlust steigt signifikant,
und Verbindungen zwischen einigen weiteren IX leiden erheblich.
Zudem treten Effekte auf, die wir „Janus“ und
„Fernwirkung“ genannt haben und die zu Störungen
(aber auch Entlastungen) an entfernteren Punkten des Internet
führen. Trotzdem sind die Folgen dieser IX-Ausfälle
nicht so gravierend, wie man angesichts ihrer zentralen topologischen
Stellung vermuten könnte. Das Internet funktioniert insgesamt
und auch in den Regionen um den ausgefallenen IX noch hinlänglich
gut. Es hat eine hohe Resilienz, falls Topologie und Kapazitäten
stimmen.
Der bescheidene
Effekt, den ein solcher Terrorismus gegen die Infrastruktur
Internet hätte, sollte potentielle Cyberterroristen zu
der Einsicht kommen lassen, dass bei einer vernünftigen
Kosten-Nutzen-Rechnung die Angriffe auf Backbones und auch
auf IX nicht attraktiv sind. Das gilt zumindest dann, wenn
physische Mittel zur Zerstörung eines IX eingesetzt werden.
Denn der Aufwand, in einen baulich, technisch und personell
gesicherten IX einzudringen oder ihn (mit Sprengstoff) zu
zerstören, wäre sehr hoch, und der Angriff könnte
durchaus scheitern. Mit gleichem Aufwand ließe sich
sicherlich eine höhere, auch psychologische, Wirkung
erreichen, wenn „weiche“ Ziele angegriffen würden.
Eher schon wäre das (sicherlich auch schwierige) Ausschalten
eines IX mittels schädlicher Software interessant. Aber
auch dann bleiben die Folgen für die Masse der Internetnutzer
gering, und ein IX könnte wahrscheinlich rasch wieder
angefahren werden. Soll jedoch durch einen Angriff nicht der
Paketverlust im Internet per se und damit unspezifisch erhöht
werden, sondern der Zugang spezieller wichtiger Akteure zum
Internet verhindert werden, macht es eher Sinn, Cyberangriffe
(Hacking etc.) direkt gegen diese Akteure zu führen als
den Umweg über die Ausschaltung eines IX und den so induzierten
Paketverlust zu wählen, der möglicherweise gar nicht
bei dem anvisierten Opfer auftritt.
Terroristen,
die das WWW nutzen, sind nicht automatisch Cyberterroristen
Wenn Innenminister Schily am 13.6.2003 feststellt, dass es
„keine Anhaltspunkte für eine besondere Gefährdung“
für Computersysteme und -netze durch den „internationalen
Terrorismus“ gibt, erscheint uns das plausibel, zumindest
soweit es die von uns untersuchte Fragestellung betrifft.
Die dann verbleibende „allgemeine Gefährdung“
wird überdeckt von einer Lageanalyse, die für praktisch
alle Bereiche des öffentlichen Lebens auf die Gefahr
terroristischer Aktionen verweist. Spezifische Anforderungen
zum Schutz der Infrastruktur Internet ergeben sich daraus
nicht. Wenn wir eine Liste der Risiken aufstellen, denen sich
Betreiber und Nutzer des Internet gegenwärtig ausgesetzt
sehen, so stehen dort an vorderster Stelle: Kriminalität
in allen ihren Formen, Gefahren für die Privatsphäre,
Spionage und Datendiebstahl. Natürlich nutzen heute Terroristen
die Dienstleistung des Internet, um Organisation, Führung,
Finanzierung usw. ihrer Netzwerke zu verbessern. Cyberterrorismus
ist dieser „moderne“ Terrorismus aber nicht.
Auch wenn
wir der Ansicht sind, dass Terrorismus gegen die Infrastruktur
Internet unter den simulierten Umständen wenig attraktiv
ist, so kann die Zukunft eine andere Risikosicht bringen.
Denn mit der Zahl der Internetnutzer nimmt auch die Anzahl
derer zu, die destruktive Absichten haben; bessere Kenntnisse
über die Hard- und Software lassen Absichten und Fähigkeiten
häufiger zueinander finden, und es können sich „Kulturen“
herausbilden, die terroristische Netzwerke befruchten oder
in sie übergehen; Mittel für Angriffe (Hacker-Tools)
sind weit verbreitet, zugänglich und werden besser; die
Dienste im Internet werden zahlreicher und die Anwendungen
komplizierter, so dass, verbunden mit der Verbreitung von
Software von fast monopolistischer Herkunft, die Verwundbarkeit
steigt; schließlich könnten andere kritische Infrastrukturen
das Internet für den Transport von wichtigen zeitkritischen
Datenpaketen nutzen - erfolgreiche Angriffe brächten
dann erhebliche Auswirkungen. Zwar gibt es Bemühungen
auch im politischen Raum, durch international koordinierte
Anstrengungen die negativen Folgen solcher Trends einzudämmen
und vorsorgend die Sicherheit des Internet zu erhöhen.
Aber der Charakter des Internet als prinzipiell offenes Netzwerk
begrenzt die Wirksamkeit solcher Anstrengungen. Auch kann
sich die Resilienz des Internets verschlechtern. Denn sie
hängt davon ab, wie sich Vermaschung, Kapazitäten
und das Paketaufkommen, d.h. die Nutzung des Internet, tatsächlich
entwickeln. Daher ist ein kontinuierliches Monitoring dieser
aufeinander bezogenen Faktoren notwendig. Dazu müsste
jedoch die Datenlage wesentlich besser werden – die
Simulationsinstrumente stehen bereit.
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