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Schulzki-Haddouti Datum:Wednesday, 03. November 2004
Von: Christiane Schulzki-Haddouti<ch29@aol.com>
An: ch29@aol.com
URL: http://www.schulzki-haddouti.de

Sicherheit im Netz heute - nach den Anschlägen des 11. Septembers

Als die Twin-Towers am 11. September 2001 in New York kollabierten, wurde auch das Internet in Mitleidenschaft gezogen. Materielle Schäden konnten schnell umschifft und repariert werden, doch mit den indirekten Folgen beschäftigen sich Wirtschaft und Politik noch heute.
Christiane Schulzki-Haddouti wagt einen Rückblick aus der Sicht von heute.

Als ein weiteres Gebäude des World-Trade-Komplexes zusammenbrach, wurde die Schaltzentrale des Telekommunikationsunternehmens Verizon stark beschädigt, was zum Zusammenbruch von Telefonleitungen und Beeinträchtigung des Mobilfunksystems in Lower Manhattan führte.

Der Zusammenbruch mehrerer Internet-Schaltzentralen (POPs) im Welthandelszentrum führte nicht nur zu Ausfällen in New York City, Connecticut und Massachusetts, sondern auch weltweit: Etliche translatlantische Schaltkreise waren zusammengebrochen, die aus Kostengründen über New York City führten. In Rumänien gingen Netzwerke vom Netz, das CERN in Genf war betroffen und Südafrika verschwand mit seinen .za-Websites aufgrund einer Störung des Domain-Name-Services für einige Tage ganz von der Internet-Landkarte.

Wie komplex verschiedene Systeme und Protokolle miteinander verbunden waren, zeigten auch andere Effekte: In New York konnten Ärzte in Krankenhäusern nicht mehr auf Patientendaten zugreifen, wenn dies drahtlos über PDAs erfolgte. Denn die Krankenhäuser griffen über eine Internetverbindung auf den Carrier für den drahtlosen Zugang zurück. Als diese versagte, konnten die PDAs nicht mehr auf die internen Datenbanken zugreifen.

Um sich nach dem Schicksal ihrer Verwandten und Freunde zu erkundigen, griffen die Menschen zunächst zum Telefon. Auf der Suche nach aktuellen Nachrichten blieb das Fernsehen die erste Wahl - die Einwahlrate bei AOL fiel am 11. September unter die des 10. Septembers. Viele suchten aber auch weitergehende Informationen auf News-Websites. So vervielfachten sich die newsbezogenen Suchanfragen bei Yahoo am 11. September um den Faktor 50. Angesichts des Ansturms reduzierten viele Anbieter in dieser Zeit ihre News-Sites auf bilderlose Textseiten.

Fehlertolerantes Netz
Das Internet reagierte aufgrund seiner heterogenen Struktur zwar durchaus sensibel auf die Anschläge, im Großen und Ganzen jedoch blieb es stabil. Allerdings erwiesen sich die Folgen für die mit dem Internet verbundenen Systeme wie etwa das Krankenhausinformationssystem als gravierend.

Experten sind davon überzeugt, dass gezielte Angriffe das Internet sehr wohl lahm legen können. Ursprünglich wurde das so genannte TCP/IP-Protokoll vom US-Militär für die zuverlässige Kommunikation seiner Truppen im Falle eines Atomkrieges gebaut. Es sollte einen atomaren Erstschlag der Sowjetunion so weit überstehen, dass die USA zum Gegenschlag ausholen konnten. Falls einzelne Netzbereiche beschädigt werden sollten, sollten die Daten automatisch über noch intakte Bereiche geleitet werden. Einzelne verloren gegangene Datenpakete forderte das Protokoll vom Absender erneut an.

In der Praxis ist das Internet aber kein Netz aus homogen verteilten, gleich großen Knotenpunkten. Es verfügt über eine Anzahl wichtiger Knotenpunkte, deren Zusammenbruch gravierende Folgen für angeschlossene Dienste haben kann.

Mehr IT-Sicherheit<
Obgleich die Terroranschläge am 11. September nicht gezielt gegen das Internet gerichtet waren, sensibilisierten sie für das Thema IT-Sicherheit. Sie führten Unternehmen und Behörden die Verwundbarkeit der industriellen Infrastruktur vor Augen.

Bereits vor dem 11. September warnten Konservative in Washington davor, dass zehn Superhacker binnen 48 Stunden mit einem Budget von zehn Millionen Dollar die USA in die Knie zwingen könnten. In den USA nahmen Behörden jedoch erst nach dem 11. September mögliche kritische Informationen von ihren Websites. Potenziellen Terroristen sollte so wenig Information wie möglich an die Hand gegeben werden. Der amerikanische Präsident gab auch ein eigenes, vom Internet getrenntes Computernetz der Regierung und Behörden in Auftrag. Das "Govnet" soll so auch vor Hacker- oder terroristischen Angriffen schützen. In Deutschland ist das Regierungsnetz IVBB ebenfalls ein rein internes Netz, das Daten nur verschlüsselt kommuniziert.

Hoffnungen der Industrie, das neue US-Ministerium für Heimatschutz würde zur Sicherung des Cyberspace Internet-Service-Provider zur Anwendung von Firewalls und Anti-Viren-Software verpflichten, wurden allerdings enttäuscht. Die Technik wurde allein empfohlen. Gleichwohl sorgten die Anschläge in den ersten Monaten für eine starke Nachfrage bei den Anbietern von IT-Sicherheitsprodukten. Allerdings investierten viele Unternehmen eher ziellos in verschiedene Projekte.

Im Zuge der sich verstärkenden Weltwirtschaftskrise brach die Nachfrage 2002 teilweise wieder ein. Die Unternehmen begannen Sicherheitsprodukte an ihrer Wirksamkeit und Kapitalrendite zu messen. Während Anbieter von Firewalls und Public-Key-Infrastrukturen kräftige Einbußen einstecken mussten, verzeichneten die Anbieter von Anti-Viren-Produkten und Intruder-Detection-Systemen einen kräftigen Aufwind. Dafür sorgten Wurmattacken wie Nimda, die nachweislich zu ähnlich hohen Netzwerkausfällen wie die Terroranschläge führten.

Mehr Kontrolle
Nachhaltiges Interesse erfahren vor allem biometrische Verfahren, die früher ein Mauerblümchendasein fristeten. Nicht nur in den USA, auch in Europa forderten neue Passgesetze den Einsatz biometrischer Merkmale in Visa und Pässen, um Personen anhand von Merkmalen wie Fingerabdrücken oder Gesicht zu identifizieren. Bislang liegen jedoch keine fundierten Informationen darüber vor, wie leistungsfähig biometrische Identifikationssysteme tatsächlich sind. Die deutsche Bundesregierung und der Bundestag haben deshalb Machbarkeitsstudien für den digitalen Personalausweis in Auftrag gegeben. Für die Verwendung von Gesichtsmerkmalen im Personalausweis spricht vor allem das Votum der zivilen Luftfahrtbehörde der Vereinten Nationen ICAO.

Die USA wollen Terroristen zudem bereits dingfest machen, bevor sie zur Tat schreiten. Die US-Regierung investiert deshalb in die Entwicklung umfangreicher Datenbanken, die mittels Data-Mining ausgewertet werden sollen. Das prominenteste Beispiel ist das Flugpassagier-Kontrollsystem CAPPS II. Die Daten sollen innerhalb von fünf Sekunden aufgrund einer Analyse und Risikoabschätzung Terroristen identifizieren können. Auch Europäer werden in dem System gespeichert sein: Seit März 2003 können die US-Zollbehörden auf die Flugpassagier-Datenbanken europäischer Luftfahrtgesellschaften zugreifen. Das Modell scheint auch international Schule zu machen. Nicht nur Großbritannien, auch Mexiko, Südkorea, Botswana und Singapur sollen bei den Luftfahrbehörden bereits Interesse an einem Datenbank-Zugriff angemeldet haben.

Rechtsraum Internet
Die These vom Internet als freien Rechtsraum lebte nach den Anschlägen schnell wieder auf. So wurde vermutet, die Attentäter hätten sich per Internet verabredet und mit steganografischen Mitteln Botschaften in Bildern versteckt. Inzwischen ist bekannt, dass das Netz bei der Ausführung der Terroranschläge keine besondere Rolle gespielt hat. Dennoch wurde in den USA das Cybercrime-Gesetz verschärft. Bei schweren Verstößen droht Hackern nun lebenslange Haft. Damit Strafverfolger verdächtigen Telefon- und E-Mail-Verkehr schnell analysieren können, müssen Internet-Diensteanbieter ihre Daten zur Verfügung stellen.

In der Europäischen Union diskutierten die Mitgliedstaaten auf Bitten des amerikanischen Präsidenten über eine Vorratsspeicherung von Verbindungsdaten durch die Internet-Provider. Doch eine entsprechende Verordnung kam bislang aufgrund des Widerstands aus Deutschland noch nicht zustande, obgleich sich die meisten Länder dafür aussprachen.

Sinn hat eine solche Speicherung übrigens nur dann, wenn möglichst viele Länder dieselben Regeln befolgen. Denn Kriminelle können Verbindungen über mehrere Länder hinweg aufbauen. Strafverfolger können sie aber dann nur ausmachen, wenn sie die Provider-Daten aus jedem einzelnen, betroffenen Land bekommen. Dieses Thema wird deshalb wohl eines Anliegen der USA auf dem UN-Gipfel im Dezember sein, die auf eine möglichst breite Unterzeichnung des Europarat-Abkommens zur Cyberkriminalität drängen..

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    Erschienen bei gipfelthemen.de am 10.09.2003

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