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Christine Wenzel Datum:Tuesday, 18. July 2006
Von:Christine Wenzel <christine.wenzel@web.de>
An: gipfelthemen@politik-digital.de
URL: keine Homepage

"Code is law" - Über die geplante Software-Patentierung in Europa

Über die technische Infrastruktur erschließt sich die Informationsgesellschaft. Wer die Technik steuert, hält den Schlüssel zur Zukunft des virtuellen Raumes und seiner Bewohner in Händen. Christine Wenzel liefert einen Überblick über die Debatte.

"Code is law" - das berühmte Zitat Lawrence Lessigs, Professor an der Stanford Law School, beschreibt diese Abhängigkeit. Derzeit findet auf dem europäischen Parkett ein wichtiger zukunftsweisender Entscheidungsprozess über EDV-Software - Kernelement des "Code" - bzw. deren Patentierung statt. Die EU-Kommission reichte einen Richtlinien-Vorschlag nach Vorbild des amerikanischen Trivialpatentes ein.

Amerikanische Trivialpatente am Bsp. Eolas
Der "Fortschrittsbalken" (eine Animation beim Laden vieler Programme), elektronische Warenkörbe oder digitale Karteikarten, Plug-Ins, Real-Filme oder Java - sind inzwischen selbstverständliche Instrumente für jeden Computer-Nutzer. Diese Anwendungen - ja sogar schon der Grundgedanke, die Idee - sind in den Vereinigten Staaten patentierbar. Vor allem amerikanische und japanische Firmen wie IBM, Microsoft oder Mathushita haben zahlreiche der so genannten "Trivialpatente" bereits für den europäischen Markt registrieren lassen. Derzeit schlummern mehr als 30.000 Anmeldungen im Europäischen Patentamt in Brüssel. Sollte die geplante EU-Richtlinie in Kraft treten, drohen vor allem europäischen Unternehmen Lizenzklagen für vorgemerkte Patente, die eigentlich von der EU-Richtlinie ausgeschlossen sein sollten. Die heimische Software-Branche fühlt sich bedroht, Entwicklerkreise sind verunsichert: Werden weltweit übliche Anwendungen, wie ein Videofenster in einer Webseite, oder eine Flash-Animationen künftig gebührenpflichtig und droht eine Erosion der gemeinsamen Standards - damit Lizenzforderungen umgangen werden können? Verdeutlicht wird die Problematik durch das "Eolas-Patent" aus dem Jahr 1994: Microsoft wurde am 11. August diesen Jahres von einem US-Bundesgericht zur Zahlung von 520,6 Millionen an die Software-Firma Eolas verurteilt. Das kleine Unternehmen ließ vor neun Jahren die Idee patentieren, multimediale Inhalte und Programme automatisch aus einem Web-Browser heraus ausführen zu lassen - laut Gerichtsurteil verletzte Microsoft dieses Patent mit seiner ActiveX-Technologie. Das Eolas-Patent betrifft jedoch längst nicht nur Microsoft: auch Sun, Apple, Realmedia und vielen anderen Unternehmen drohen Lizenzforderungen. Microsoft plant bereits "Vermeidungshandlungen", um künftige Lizenzzahlungen zu umgehen. Das Ergebnis ist, dass das Surferlebnis im virtuellen Raum sich demnächst wohl erheblich holpriger und umständlicher gestalten wird - dann hat der Code das Leben der Internetgesellschaft negativ verändert.

Die Europäische Richtlinie zum Patentschutz
Nach zahlreichen Änderungen stimmten 346 Europaparlamentarier am 24. September in Strassburg dem Vorschlag der EU-Kommission zur "Richtlinie über den Patentschutz computerimplementierter Erfindungen" zu, 153 Abgeordnete waren dagegen. Der für Binnenmarktpolitik zuständige niederländische Kommissar Frits Bolkestein verfolgt mit der Richtlinie das Ziel, geistiges Eigentum durch Urheber- und Patentrechtregulierungen zu schützen, gleichzeitig den Wettbewerb zu fördern und Kleinunternehmen zu unterstützen. Beispielsweise sollen die unerlaubte Vervielfältigung von Originalcomputerprogrammen verhindert werden (Urheberrecht) und technische Ideen und Grundsätze geschützt werden (Patentschutz). Außerdem möchte Bolkestein sicherstellen, dass softwaregestützte Erfindungen europaweit einheitlich behandelt werden. Bislang wird der Handel mit patentierten Erzeugnissen im Binnenmarkt durch abweichende Regelungen in den Mitgliedsstaaten behindert.

Dank des Vetos der Europaparlamentarier konnte Bolkestein jedoch nicht seinen Vorschlag der Ideen-Patentierung - nach amerikanischem Vorbild - durchsetzen. Stattdessen sollen künftig Computerprogramme als solche gemäß dem Richtlinien-Vorschlag nicht patentierbar sein, es sei denn sie leisten einen so genannten "technischen Beitrag" innerhalb einer neuen Erfindung. Derzeit liegt der Richtlinienvorschlag den Mitliedsstaaten vor, wird wahrscheinlich im November im Europäischen Rat besprochen und kann frühestens zum Jahresende endgültig vom EP (Mitentscheidungsverfahren) verabschiedet werden. Berichterstatterin für das EP ist Arlene McCarthy (Labour), Mitglied des Rechtausschusses. Kommissar Bolkestein hat bereits angekündigt, den Beschlüssen des EP Steine in den Weg werfen zu wollen.

Kritik aus allen Parteien, der Open-Source- und lokalen Wirtschaftslobby
Die Fraktion der Grünen stimmte im Parlament gegen den Vorschlag. Trotz der Änderungen "bleiben die Grünen dabei, dass diese Richtlinie nicht gebraucht wird und in die falsche Richtung geht", kommentierte der stellv. Fraktionsvorsitzende Daniel Cohn-Bendit das Ergebnis. Die österreichische Grünen-Abgeordnete Mercedes Echerer pflichtete Cohn-Bendit bei: Die EU-Kommission habe die Richtlinie als "Trojanisches Pferd" benutzen wollen, um Software-Patente in die EU einzuschleusen. Sollte das amerikanische Patentrecht auch in Europa eingeführt werden, "würde die Innovation in der Softwarebranche zum Stillstand kommen", kommentierte Echerer weiter. Joachim Würmeling (CDU), Sprecher der europäischen Volkspartei, warf der Linux- und Open-Source-Szene eine "irrationale Dramatisierung" vor. Er kritisierte, dass das Parlament in einigen Bereichen zu weit gegangen sei, beispielsweise könnte künftig lediglich der Bezug auf Software-Elemente die Patentierbarkeit von Erfindungen verhindern.

Evelyne Gebhardt von den Sozialdemokraten war zufrieden: "Wir haben unseren Grundauftrag, die mittelständische Wirtschaft vor einer zu weit gehenden Patentoffensive zu schützen, erfüllt." Man habe sich auf eine gute und enge Definition des "technischen Beitrags" geeinigt, allerdings habe sich Gebhardt noch stärkere Änderungen erhofft: "Wer Software patentiert, spielt dem großen Kapital in die Hand, nicht der großen Intelligenz." Die Fraktion der Europäischen Linken ist gegen den Vorschlag der EU-Kommission. Wirtschaftsvertreter und Open-Source-Interessengruppen kritisierten das Abstimmungsergebnis. Beispielsweise lehnen die Linux-Entwickler Linus Torvalds (Finnland) und Alan Cox (Großbritannien) den Richtlinienvorschlag der Europäischen Kommission mit der Begründung ab, neue Entwicklungen würden nicht gefördert, sondern für Patente und Rechtsstreitigkeiten müsse nur mehr Geld ausgegeben werden. Eben Moglen, Mitglied des Vorstandes der Free Software Foundation, betonte die Bedeutung der Freien Software: "Freie Software bedeutet, ein Netzwerk zu haben, das in Freiheit von den Menschen und für sie gestaltet wird."
Auch klassische IT-Unternehmen haben erkannt, dass die Patentrichtlinie vor allem große Gefahren für die einheimische Industrie birgt. Es wird befürchtet, dass große Computerfirmen wie Microsoft und Internetanbieter wie Amazon ihre marktbeherrschende Stellung durch ein generelles Software-Patent ausbauen können.

Erschienen am 07.10.2003 bei gipfelthemen.de

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