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Datum:Wednesday, 16. March 2005
Von: Jens Steiner
An: team@politik-digital.de
URL: keine

Softwarepatente: Prüfstein der Demokratie


Der Europäische Rat hat am Montag, den 07. März einen gemeinsamen Standpunkt für eine neue Software-Patentrichtlinie verabschiedet. Damit werden Türen zu Bereichen aufgestoßen, die bislang von der Patentierbarkeit ausgeschlossen waren und die Weichen gestellt für eine grenzenlose Patentdurchsetzbarkeit von nicht selbst entwickelten Ideen. Dabei wurden die üblichen EU-Verfahrensvorschriften missachtet. In Politik und Zivilgesellschaft wurde dieser Akt als undemokratisch kritisiert. Bereits am 24. September 2003 hatte das EU-Parlament eine klare Entscheidung gegen Softwarepatente getroffen

Die Verabschiedung verlief ohne weitere Diskussionen. Die EU-Kommission plante zuerst die Einführung einer totalen Patentierbarkeit für Software. Die Richtlinie wurde vor mehr als zwei Jahren auf den Weg gebracht. Damit sollte die Patentpraxis für computerbezogene Erfindungen vereinheitlicht werden. Ein einheitliches Patentrecht gibt es in der EU jedoch bereits seit 1973.
Die Richtlinie ist bisher schwammig formuliert. Viele Begriffe sind noch nicht eindeutig formuliert.

Bisher sind Softwarepatente nicht legal. Software ist ein rein geistiges, logisches Werk. Logikpatente gehen jedoch weit über das herkömmliche Urheberrecht hinaus. Dieses schützt die Implementierung, nicht aber das Verfahren. Die Patentierung von Ideen kommt der Patentierung des Plots einer Geschichte gleich. Das Europäische Patentamt hat jedoch bereits 30.000 Softwarepatente von IT-Großunternehmen registriert.

Proteste und Petitionen gegen Softwarepatente

Proteste und Petitionen von NGO's , Zivilbevölkerung und mittelständischer Unternehmen erregten jedoch die Aufmerksamkeit des EU-Parlaments und der nationalen Parlamente.
Im Vorfeld der Entscheidung des höchsten Gremiums der Europäischen Union hatte das EU-Parlament mehrmals auf die Probleme hingewiesen, die Softwarepatente mit sich bringen.

Portugal, Polen und Dänemark forderten eine erneute Diskussion. Zypern brachte sogar eine schriftliche Erklärung gegen den Beschluss ein. Nun muss sich das Europäische Parlament in zweiter Lesung mit der Richtlinie befassen. Der Deutsche Bundestag stimmte im Februar 2005 klar gegen Softwarepatente . Eine grundsätzliche Neugestaltung des Entwurfes ist nicht mehr möglich. Nur in der ersten Lesung vorgebrachte Änderungsanträge können erneut gestellt werden. Gegner von Softwarepatenten kritisieren, die Struktur der EU ermögliche, dass Berater und Lobbyvertreter größeren Einfluss auf den Rat haben als das Parlament. Lobbyisten würden jedoch nicht demokratisch gewählt und unterstehen keinem Kontrollgremium. So berichtete der Förderverein für eine Freie Informationelle Infrastruktur (ffii) von einem gemeinsamen privaten Abendessen des EU-Kommissionspräsidenten Barroso mit Microsoft-Gründer Bill Gates am 31. Januar 2005.

EU-Parlament fühlt seine Kontrollfunktion untergraben

Die Österreicherin Eva Lichtenberger von den Europäischen Grünen sagte im Gespräch mit politk-digital.de: „Wer mit wem Abendessen geht, ist für mich kein Problem. Wie man sich danach verhält, das ist das Problem.“ Der österreichische Europaparlamentarier und Fraktionspräsident der Europäischen Volkspartei (EVP-ED) Othmar Karas sagte dazu gegenüber politik-digital.de: „Ich kann diese Gerüchte nicht teilen. Ich kann es nicht bestätigen, dass solche Rituale die Ratsentscheidungen beeinflussen würden. Das Lobbying in dieser Frage ist sehr groß. Es geht aber nicht nur von Großunternehmen aus. Ich erhalte wesentlich mehr eMails von kleinen Initiativen und Kritikern von Softwarepatenten.“ Karas sagte, dass der Ratsbeschluss im Rahmen der Regeln erfolgte. Jedoch kritisierte er, dass der EU-Rat zu wenig auf die Bedenken des EU-Parlaments einging. „Nur weil der Rat einen gemeinsamen Standpunkt beschlossen hat, gibt es aber noch keine gemeinsame Richtlinie und noch kein EU-Gesetz.“ sagte Karas weiter. Man müsse erst einmal klare Definitionen schaffen, was patentiert werden kann und was nicht.“, sagte Karas weiter.

Lobbyismus und Machtkampf bei EU-Gremien

Ein Machtkampf zwischen Parlament, Rat und Kommission sei ausgebrochen. Dabei stehe das Parlament mehrheitlich auf der Seite der Patentgegner und mittelständischen IT-Unternehmen, bemerkte Lichtenberger von den Grünen. Früher habe man den EU-Rat nicht ernst genommen. „Jetzt will der Rat um jeden Preis seine Macht zeigen, auch wenn er damit einen ganzen Wirtschaftszweig beschädigt. Das hat auch viele EU-Abgeordnete nachdenklich gestimmt, die sich sonst nicht für die Thematik interessieren.“, sagte Lichtenberger weiter.
Julian Finn wirkt bei der Attac-Arbeitsgruppe Wissensallmende mit. Die Gruppe befasst sich mit informationsgesellschaftlichen Problemen. Im Interview mit politik-digital.de sagte er: „Das Ganze ist alles andere als demokratisch abgelaufen. Gegen den erklärten Willen mehrerer Parlamente hat die Kommission ihre Position durchgesetzt und sich dabei über Einwände in sehr fragwürdiger Weise hinweggesetzt.“

Weiter zu Teil II des Artikels Softwarepatente: Prüfstein der Demokratie

 
Erschienen bei gipfelthemen.de am 16.03.2005

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