|
Radiobrowsing: Neue Wege ins Internet
Die Verschmelzung der alten und neuen Kommunikationsmedien
als Chance Internet auch in ländliche Regionen der Entwicklungsländer
zu bringen. Uwe Afemann, Universität
Osnabrück, und Peter Wolf, Mitarbeiter im Programm Nachhaltige
Ländliche Entwicklung der Deutschen
Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) GmbH,
Lima/Peru, berichten über ein Projekt aus der Praxis.
Mit der Einführung der ersten Internetbrowser Anfang der
90-er Jahre hat das Internet seinen Siegeszug um die Welt
angetreten. Auf dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro 1992 beschlossen
die UN-Mitglieder auch die Entwicklungsländer an der Informationsrevolution
teilhaben zu lassen. Es entstanden zahlreiche Initiativen
zur Versorgung der Dritten Welt mit neuen Kommunikations-
und Informationstechniken. Eine Voraussetzung war die Privatisierung
und Deregulierung des Telekommunikationsmarktes und die Chance
für die großen Telekommunikationsfirmen aus Europa, Nordamerika
und Japan neue Märkte zu erobern.
Infrastrukturmaßnahmen sollten die Digitale Spaltung verkleinern
Man versprach sich durch Einsatz des Internets die Lösung
fast aller entwicklungspolitischer Probleme einschließlich
der Armut. Bis heute konnten diese Erwartungen nicht erfüllt
werden. Trotzdem kann das Internet ein Werkzeug zur Entwicklung
sein, wenn auch nicht das wichtigste.
Um das Internet nutzen zu können braucht man eine entsprechende
Infrastruktur: Telefon, Computer und Modem sowie elektrischen
Strom. Das ist vor allem in ländlichen Gebieten Afrikas nur
rudimentär vorhanden. Hier wohnen aber die meisten Afrikaner.
Daneben muss man - möglichst auf Englisch - Lesen und Schreiben
können; noch immer sind mehr als 56 Prozent der Informationen
im Netz in dieser Sprache. Doch Menschen aus Entwicklungsländer
sind häufig Analphabeten.
Alternative Lösungen sind gefragt
Eine Möglichkeit ist die Einrichtung von Telezentren zur gemeinsamen
Nutzung des Internets. So entstanden zahlreiche Internetcafes
vor allem in Großstädten der Dritten Welt. Doch bisher
sind die User überwiegend jung, männlich, gut ausgebildet
und einkommensstark. Die breite Masse kann die Gebühr von
ca. einem Dollar pro Stunde Internetnutzung kaum bezahlen.
Versuche Telezentren ohne finanzielle Unterstützung langfristig
auch in ländlichen Bereichen zu errichten sind oft gescheitert,
denn Menschen aus ländlichen Bereichen verdienen wesentlich
weniger als ihre Landsleute in den Städten.
Da liegt es nahe, Zugriff auf das Internet indirekt über das
Radio zu ermöglichen. Radio ist weiter verbreitet als Telefon
und kann mit Batterien oder als Kurbelradio betrieben werden.
Von 1000 Einwohnern in Staaten mit niedrigem Einkommen haben
158 ein Radio. Daneben besitzt das Radio den Vorteil in einheimischer
Sprache senden zu können. Man kann zuhören und braucht keine
Lese- und Schreibkenntnisse, auch wenn dies weiterhin ein
wichtiges entwicklungspolitisches Ziel bleiben muss.
Radiobrowsing
Der Zuhörer wendet sich an die Radiostation und stellt seine
Fragen. Dann surft für ihn ein Radioredakteur im Internet
und verbreitet die gefundenen Erkenntnisse über das Radio
an die Hörer. Eine solche Radiostation braucht elektrischen
Strom und einen Internetanschluss. Beides ist durch alternative
Techniken möglich: Durch Wind- oder Solarenergie, oder durch
Dieselgeneratoren kann Strom selbst an entferntesten Stellen
erzeugt werden. Der Internetanschluss ist durch eine Satellitenverbindung
zu erreichen.
Erste Projekte zum Radiobrowsing wurden durch die
United Nations Educational, Scientific and Cultural Organisation
(UNESCO) finanziert, z. B. in Kothmale in Sri Lanka, in Timbuktu/Mali,
Quagadougou/Burkina Faso, Niger und Uganda. Andere Projekte
bestehen auch in Lateinamerika, z. B. die Radiostation Yungas
in Bolivien oder Radio
Marañón in Nordperu.
Der nach einem Zufluss zum Amazonas benannte kirchliche Radiosender
arbeitet seit mehr als 25 Jahren in der abgelegenen Grenzregion
zu Ecuador. Zu seinen Hauptaufgaben gehören u.a. die Vermittlung
von Bildungsinhalten und ökologischen Themen. Der Sender ist
das einzige weitreichende Informationsmedium für mehr als
800.000 Einwohner, die meist fern vom nächsten Internetcafe
oder einem öffentlichen Telefon leben. Auch wenn die Mehrheit
der Einwohner im Empfangsgebiet des Radios arm ist, ein Radiogerät
gibt es in beinahe jeder Familie und das Programm wird zu
jeder Tages- und Nachtzeit gehört. Der Sender verfügt neben
einer AM-Frequenz für die ländlichen Gebiete auch über eine
FM-Welle, die sich an Jugendliche im städtischen Raum richtet.
Seit der Einführung des Internets bei Radio Marañón im Februar
2002 gehört auch Radiobrowsing zum Bestandteil des Programmkonzepts.
Das Radio in dem kleinen Städtchen Jaén verfügt über eine
schnelle Satellitenstandleitung und nutzt lizenzfreie Software
wie Linux und OpenOffice. Die Satellitenverbindung kostet
den Sender 300 USDollar im Monat. Internet und E-mail werden
von Redakteuren in zweierlei Hinsicht benutzt: Außerhalb der
Region Lebende senden E-mails an das Radio, um Verwandten
über das Programm Informationen zukommen zu lassen. Zugleich
bekommen Redakteure E-mails von Jugendlichen aus den wenigen
Internetcafes in kleineren Städten der Region. Die ländlichen
Bewohner übermitteln ihre Anfragen auf dem traditionellen
Weg, also mündlich oder über Mittelsmänner. Reichen die im
Radio vorhandenen Informationen nicht aus, um alle Fragen
der Hörer zu beantworten, benutzen die Redakteure Internet
und E-Mail als zusätzliche Rechercheinstrumente.
Internetbasiertes Informationssystem für lokale Nachrichten
Bislang sind die Mitarbeiter des Radios bei ihrer Informationssuche
auf Websites angewiesen, die aus der fernen Hauptstadt Lima
stammen und keine Informationen über die Region bereitstellen.
Der Sender hat zwar eine eigene Website und ist Mitglied mehrerer
Radionetzwerke; aktuelle Inhalte aus dem Internet über die
eigene Region zu bekommen, um diese über den Äther an die
ländliche Bevölkerung weiterzugeben, ist jedoch noch nicht
möglich. Um das zu ändern, entwickelt das Radio gemeinsam
mit der in der Region arbeitenden Deutschen
Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) ein internetbasiertes
Informationssystem, an dem sich alle lokalen Akteure beteiligen:
u.a. Basisorganisationen liefern zusammen mit der deutschen
Entwicklungszusammenarbeit Marktpreise für Kaffee, Kakao und
andere Agrarprodukte. Den lokalen Behörden soll das System
als Plattform dienen, um über ihre Aktivitäten zu informieren.
Die im Informationssystem aufbereiteten Inhalte sollen nicht
nur im Internet zur Verfügung stehen, sondern auch über Radio
ausgestrahlt werden. So sollen auch abgelegene Regionen mit
tagesaktuellen Infos versorgt werden.
Neben der Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen planen
Radio Marañón und GTZ die aktive Mitarbeit der Bevölkerung
ein. Angedacht ist z.B., die wenigen vorhandenen Internetcafes
zu nutzen und dort mit Jugendlichen kulturelle oder touristisch
relevante Informationen zu aktualisieren. Die am Beispiel
von Radio Marañón geschilderte Integration neuer Informations-
und Kommunikationstechnologien und Radio soll aber nicht darüber
hinwegtäuschen, dass viele ländliche Radiostationen in Peru
und anderen Teilen der Welt noch nicht über nötige Infrastruktur
und ausgebildete Mitarbeiter verfügen. Dieses Problem hat
die Welternährungsorganisation
(FAO) erkannt und veranstaltet im April kommenden Jahres in
Quito einen internationalen Kongress zum Thema "Internet,
Radio und Ländliche Entwicklung". Dort wollen beteiligte
Experten gemeinsame Lösungen und Strategien diskutieren, um
den Zugang zum Internet für ländliche Radiosender günstiger
und attraktiver zu gestalten.
- Zurück zur Rubrik
"UNO & Info-Gesellschaft"
- Zum Forum "UNO & Info-Gesellschaft"
|