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Uwe Afemann
Peter Wolf
Update: Wednesday, 03. November 2004
Von: Uwe Afemann und Peter Wolf
Uwe.Afemann@rz.uni-osnabrueck.de
An: redaktion@politik-digital.de
URL:  


Radiobrowsing: Neue Wege ins Internet

Die Verschmelzung der alten und neuen Kommunikationsmedien als Chance Internet auch in ländliche Regionen der Entwicklungsländer zu bringen. Uwe Afemann, Universität Osnabrück, und Peter Wolf, Mitarbeiter im Programm Nachhaltige Ländliche Entwicklung der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) GmbH, Lima/Peru, berichten über ein Projekt aus der Praxis.

Mit der Einführung der ersten Internetbrowser Anfang der 90-er Jahre hat das Internet seinen Siegeszug um die Welt angetreten. Auf dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro 1992 beschlossen die UN-Mitglieder auch die Entwicklungsländer an der Informationsrevolution teilhaben zu lassen. Es entstanden zahlreiche Initiativen zur Versorgung der Dritten Welt mit neuen Kommunikations- und Informationstechniken. Eine Voraussetzung war die Privatisierung und Deregulierung des Telekommunikationsmarktes und die Chance für die großen Telekommunikationsfirmen aus Europa, Nordamerika und Japan neue Märkte zu erobern.


Infrastrukturmaßnahmen sollten die Digitale Spaltung verkleinern
Man versprach sich durch Einsatz des Internets die Lösung fast aller entwicklungspolitischer Probleme einschließlich der Armut. Bis heute konnten diese Erwartungen nicht erfüllt werden. Trotzdem kann das Internet ein Werkzeug zur Entwicklung sein, wenn auch nicht das wichtigste.

Um das Internet nutzen zu können braucht man eine entsprechende Infrastruktur: Telefon, Computer und Modem sowie elektrischen Strom. Das ist vor allem in ländlichen Gebieten Afrikas nur rudimentär vorhanden. Hier wohnen aber die meisten Afrikaner. Daneben muss man - möglichst auf Englisch - Lesen und Schreiben können; noch immer sind mehr als 56 Prozent der Informationen im Netz in dieser Sprache. Doch Menschen aus Entwicklungsländer sind häufig Analphabeten.

Alternative Lösungen sind gefragt
Eine Möglichkeit ist die Einrichtung von Telezentren zur gemeinsamen Nutzung des Internets. So entstanden zahlreiche Internetcafes vor allem in Großstädten der Dritten Welt. Doch bisher sind die User überwiegend jung, männlich, gut ausgebildet und einkommensstark. Die breite Masse kann die Gebühr von ca. einem Dollar pro Stunde Internetnutzung kaum bezahlen. Versuche Telezentren ohne finanzielle Unterstützung langfristig auch in ländlichen Bereichen zu errichten sind oft gescheitert, denn Menschen aus ländlichen Bereichen verdienen wesentlich weniger als ihre Landsleute in den Städten.

Da liegt es nahe, Zugriff auf das Internet indirekt über das Radio zu ermöglichen. Radio ist weiter verbreitet als Telefon und kann mit Batterien oder als Kurbelradio betrieben werden. Von 1000 Einwohnern in Staaten mit niedrigem Einkommen haben 158 ein Radio. Daneben besitzt das Radio den Vorteil in einheimischer Sprache senden zu können. Man kann zuhören und braucht keine Lese- und Schreibkenntnisse, auch wenn dies weiterhin ein wichtiges entwicklungspolitisches Ziel bleiben muss.

Radiobrowsing
Der Zuhörer wendet sich an die Radiostation und stellt seine Fragen. Dann surft für ihn ein Radioredakteur im Internet und verbreitet die gefundenen Erkenntnisse über das Radio an die Hörer. Eine solche Radiostation braucht elektrischen Strom und einen Internetanschluss. Beides ist durch alternative Techniken möglich: Durch Wind- oder Solarenergie, oder durch Dieselgeneratoren kann Strom selbst an entferntesten Stellen erzeugt werden. Der Internetanschluss ist durch eine Satellitenverbindung zu erreichen.

Erste Projekte zum Radiobrowsing wurden durch die United Nations Educational, Scientific and Cultural Organisation (UNESCO) finanziert, z. B. in Kothmale in Sri Lanka, in Timbuktu/Mali, Quagadougou/Burkina Faso, Niger und Uganda. Andere Projekte bestehen auch in Lateinamerika, z. B. die Radiostation Yungas in Bolivien oder Radio Marañón in Nordperu.

Der nach einem Zufluss zum Amazonas benannte kirchliche Radiosender arbeitet seit mehr als 25 Jahren in der abgelegenen Grenzregion zu Ecuador. Zu seinen Hauptaufgaben gehören u.a. die Vermittlung von Bildungsinhalten und ökologischen Themen. Der Sender ist das einzige weitreichende Informationsmedium für mehr als 800.000 Einwohner, die meist fern vom nächsten Internetcafe oder einem öffentlichen Telefon leben. Auch wenn die Mehrheit der Einwohner im Empfangsgebiet des Radios arm ist, ein Radiogerät gibt es in beinahe jeder Familie und das Programm wird zu jeder Tages- und Nachtzeit gehört. Der Sender verfügt neben einer AM-Frequenz für die ländlichen Gebiete auch über eine FM-Welle, die sich an Jugendliche im städtischen Raum richtet.

Seit der Einführung des Internets bei Radio Marañón im Februar 2002 gehört auch Radiobrowsing zum Bestandteil des Programmkonzepts. Das Radio in dem kleinen Städtchen Jaén verfügt über eine schnelle Satellitenstandleitung und nutzt lizenzfreie Software wie Linux und OpenOffice. Die Satellitenverbindung kostet den Sender 300 USDollar im Monat. Internet und E-mail werden von Redakteuren in zweierlei Hinsicht benutzt: Außerhalb der Region Lebende senden E-mails an das Radio, um Verwandten über das Programm Informationen zukommen zu lassen. Zugleich bekommen Redakteure E-mails von Jugendlichen aus den wenigen Internetcafes in kleineren Städten der Region. Die ländlichen Bewohner übermitteln ihre Anfragen auf dem traditionellen Weg, also mündlich oder über Mittelsmänner. Reichen die im Radio vorhandenen Informationen nicht aus, um alle Fragen der Hörer zu beantworten, benutzen die Redakteure Internet und E-Mail als zusätzliche Rechercheinstrumente.

Internetbasiertes Informationssystem für lokale Nachrichten
Bislang sind die Mitarbeiter des Radios bei ihrer Informationssuche auf Websites angewiesen, die aus der fernen Hauptstadt Lima stammen und keine Informationen über die Region bereitstellen. Der Sender hat zwar eine eigene Website und ist Mitglied mehrerer Radionetzwerke; aktuelle Inhalte aus dem Internet über die eigene Region zu bekommen, um diese über den Äther an die ländliche Bevölkerung weiterzugeben, ist jedoch noch nicht möglich. Um das zu ändern, entwickelt das Radio gemeinsam mit der in der Region arbeitenden Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) ein internetbasiertes Informationssystem, an dem sich alle lokalen Akteure beteiligen: u.a. Basisorganisationen liefern zusammen mit der deutschen Entwicklungszusammenarbeit Marktpreise für Kaffee, Kakao und andere Agrarprodukte. Den lokalen Behörden soll das System als Plattform dienen, um über ihre Aktivitäten zu informieren. Die im Informationssystem aufbereiteten Inhalte sollen nicht nur im Internet zur Verfügung stehen, sondern auch über Radio ausgestrahlt werden. So sollen auch abgelegene Regionen mit tagesaktuellen Infos versorgt werden.

Neben der Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen planen Radio Marañón und GTZ die aktive Mitarbeit der Bevölkerung ein. Angedacht ist z.B., die wenigen vorhandenen Internetcafes zu nutzen und dort mit Jugendlichen kulturelle oder touristisch relevante Informationen zu aktualisieren. Die am Beispiel von Radio Marañón geschilderte Integration neuer Informations- und Kommunikationstechnologien und Radio soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele ländliche Radiostationen in Peru und anderen Teilen der Welt noch nicht über nötige Infrastruktur und ausgebildete Mitarbeiter verfügen. Dieses Problem hat die Welternährungsorganisation (FAO) erkannt und veranstaltet im April kommenden Jahres in Quito einen internationalen Kongress zum Thema "Internet, Radio und Ländliche Entwicklung". Dort wollen beteiligte Experten gemeinsame Lösungen und Strategien diskutieren, um den Zugang zum Internet für ländliche Radiosender günstiger und attraktiver zu gestalten.

Erschienen bei gipfelthemen.de am 27.11.2003

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