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Peter Bihr Datum:Wednesday, 03. November 2004
Von: Peter Bihr pbihr@gmx.net
An: redaktion@politik-digital.de
URL: keine

UN-Studie: Die Entwicklungsländer kommen

Das Wort „e-Commerce“ löste noch vor wenigen Jahren Verzückung bei vielen Leuten aus. Der Handel – jetzt elektronisch abgewickelt – sollte sich grundlegend ändern, die Wirtschaft stärker wachsen als bisher. Die erste Welle der Begeisterung ist inzwischen abgeebbt, Ernüchterung hat eingesetzt. Peter Bihr über eine Studie der UNCTAD, die im Internet eine grosse Chance sieht, vor allem für Entwicklungsländer.

Noch brachte das Internet nicht die wirtschaftlichen Veränderungen, die Einzelne sich erhofft hatten. Gleichzeitig bietet das Netz neue Möglichkeiten. Der gerade von der UNCTAD veröffentlichte „E-Commerce and Development Report 2003“ geht der Frage nach, wie gerade Entwicklungslänger durch den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologie profitieren können.

Wachsende Produktivität
Es seien nicht unbedingt drastische Effekte zu erwarten, nur weil ein Land sich dem Einsatz des Internets öffnet. Verbessert es jedoch die Rahmenbedingungen für e-Business, so sollte die Produktivität ansteigen. Bei allen Unterschieden zwischen den einzelnen Ländern sei doch ein Trend erkennbar: E-Business ist in den Entwicklungsländern weiterhin ein stark wachsender Bereich, viele Regierungen und Firmen fangen an, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die bisher der Nutzung moderner Kommunikationsmittel im Weg standen.

Ein Blick auf die Nutzerzahlen zeigt, dass die Entwicklungsländer hier stark aufholen. Mehr als ein Drittel der Web-User stammen schon heute aus den armen Regionen der Welt, 2008 könnten es gut die Hälfte sein. Auf der Angebotsseite sieht es jedoch anders aus: 89 Prozent aller Server stehen in Nordamerika und Europa. Dementsprechend wenige Inhalte werden in Entwicklungsländern hergestellt und angeboten. Sprachprobleme sind die Folge. Dabei sieht die UNCTAD gerade im Bereitstellen von Informationen eine mögliche Gelegenheit für lokale Firmen vor Ort. Informationsangebote für Touristen beispielsweise ließen sich besser dort erstellen, wo die Urlauber sich auch aufhalten werden: In den Gebieten der Entwicklungsländer, die sich dem Tourismus öffnen wollen.

Auf höchster politischer Ebene
Doch das Wachstum kommt nicht von selbst. Ohne grundlegende Anstrengungen der Regierungen lässt sich der elektronische Handel kaum etablieren. Es gilt, so die Studie, die richtige Balance zwischen der Rolle des öffentlichen und des privaten Sektors zu finden. Jene Regierungen, die die Entwicklung der Informationsgesellschaft aktiv vorangetrieben haben, profitierten von den neuen Technologieen auch als erste. Das sieht man nicht nur am Beispiel von Japan, Malaysia und Singapur. Besonders deutlich wird es in den USA, wo heute ein großer Teil des e-Business abgewickelt wird. Werden die Kommunikationsmittel sinnvoll und konsequent eingesetzt, so werde die Produktivität in allen wirtschaftlichen Bereichen steigen, schlussfolgert der UNCTAD-Report, und das Wirtschaftswachstum nachhaltig fördern.

Wo sind die Knackpunkte, an denen die Regierungen ansetzen könnten? Das Wissen um neue Technologien soll gefördert werden, damit sie eine breite Akzeptanz finden können. Besonders Best-Practice-Beispiele aus anderen Ländern sollen herangezogen werden, empfiehlt die Studie. Aus- und Fortbildungsprogramme sollen helfen, Wissensdefizite auszugleichen. Außerdem fehlen weitgehend schnelle Breitband-Internetzugänge zu erschwinglichen Preisen. Um diesen Problemen auf breiter Front zu begegnen empfehlt die UNCTAD, dass alle gesellschaftlichen Akteure am gleichen Strang ziehen: Private-Public-Partnerships, Allianzen und Konsortien sollen Wirtschaft, NGOs und die Regierung zusammenbringen.

Es liegt nicht nur am Geld
Die Internetnutzung hängt nicht nur mit dem Einkommensniveau der Länder zusammen – darin gibt es deutliche Unterschiede. Vielmehr scheinen andere Faktoren eine mindestens ebenso große Rolle zu spielen. Eine vitale Zivilgesellschaft und die Priorität, die Regierung, Wirtschaft und soziale Gruppen den neuen Herausforderungen einräumen, können entscheidend sein.

Ganz außer Acht lassen kann man das Geld jedoch nicht: Hohe Preise für Internet-Verbindungen sind oft eine Hürde. Breitband-Verbindungen zwischen verschiedenen Staaten machen einen großen Teil des Internet-Verkehrs aus. Die internationalen Verbindungen bestehen in der Regel aber nicht direkt zwischen Entwicklungsländern. In Afrika haben nur wenige Staaten direkte Leitungen zu ihren Nachbarstaaten. Im Vergleich dazu sind die Verbindungen in die USA und nach Europa gut ausgebaut. Inner-Afrikanischer Verkehr führt dadurch in der Regel über interkontinentale Verbindungen – zu Preisen, die weit höher sind als es inner-afrikanische Leitungen wären. Hier könnte engere regionale Vernetzung abhelfen.

So wundert es wenig, dass schnelle Internetverbindungen vor allem den Bürgern von Staaten mit hohem Einkommensniveau offen stehen. Auch in diesem Bereich kann staatliches Engagement vieles Bewirken: So hat Süd-Korea durch konsequentes Fördern von Breitband inzwischen mit 21 Prozent die weltweit höchste Dichte von Breitbandanschlüssen pro Kopf.

Sicherheit wird immer wichtiger
Je mehr Staaten sich beim Wachstum auf das Internet verlassen, desto wichtiger wird die Sicherheit der Netze. Angriffe auf Regierungs-Rechner stellen eine große Gefahr dar. Gerade in Entwicklungsländern sind laut UNCTAD Angriffe auf die Computernetze der Regierungen weltweit am häufigsten. Daneben sind Spam, Viren und Urheberrechtsverletzungen nicht nur gefährlich, sondern auch teuer: Allein der finanzielle Schaden durch Spam wird weltweit auf über 20 Milliarden Dollar geschätzt.

Um diesen Gefahren zu begegnen, sollte vor allem das Bewusstsein für die Sicherheitsrisiken geschärft werden. Eine Kombination von sicherer Soft- und Hardware und Risikomanagement tun ein Übriges. Die Studie empfiehlt, Risiken und Schwachpunkte zu identifizieren. Vor allem aber liege eine Chance in der internationalen Zusammenarbeit: Bei der Umsetzung der Rechtsvorschriften, beim Austausch von Best-Practice-Methoden und bei der Weiterbildung der Nutzer.

 

Erschienen bei gipfelthemen.de am 14.01.2004
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