UN-Studie: Die Entwicklungsländer kommen
Das Wort „e-Commerce“ löste noch vor wenigen
Jahren Verzückung bei vielen Leuten aus. Der Handel –
jetzt elektronisch abgewickelt – sollte sich grundlegend
ändern, die Wirtschaft stärker wachsen als bisher.
Die erste Welle der Begeisterung ist inzwischen abgeebbt,
Ernüchterung hat eingesetzt. Peter Bihr über eine
Studie der UNCTAD, die im Internet eine grosse Chance sieht,
vor allem für Entwicklungsländer.
Noch brachte das Internet nicht die wirtschaftlichen Veränderungen,
die Einzelne sich erhofft hatten. Gleichzeitig bietet das
Netz neue Möglichkeiten. Der gerade von der
UNCTAD veröffentlichte „E-Commerce
and Development Report 2003“ geht der Frage nach,
wie gerade Entwicklungslänger durch den Einsatz von Informations-
und Kommunikationstechnologie profitieren können.
Wachsende Produktivität
Es seien nicht unbedingt drastische Effekte zu erwarten, nur
weil ein Land sich dem Einsatz des Internets öffnet.
Verbessert es jedoch die Rahmenbedingungen für e-Business,
so sollte die Produktivität ansteigen. Bei allen Unterschieden
zwischen den einzelnen Ländern sei doch ein Trend erkennbar:
E-Business ist in den Entwicklungsländern weiterhin ein
stark wachsender Bereich, viele Regierungen und Firmen fangen
an, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die bisher der
Nutzung moderner Kommunikationsmittel im Weg standen.
Ein Blick auf die Nutzerzahlen zeigt, dass die Entwicklungsländer
hier stark aufholen. Mehr als ein Drittel der Web-User stammen
schon heute aus den armen Regionen der Welt, 2008 könnten
es gut die Hälfte sein. Auf der Angebotsseite sieht es
jedoch anders aus: 89 Prozent aller Server stehen in Nordamerika
und Europa. Dementsprechend wenige Inhalte werden in Entwicklungsländern
hergestellt und angeboten. Sprachprobleme sind die Folge.
Dabei sieht die UNCTAD gerade im Bereitstellen von Informationen
eine mögliche Gelegenheit für lokale Firmen vor
Ort. Informationsangebote für Touristen beispielsweise
ließen sich besser dort erstellen, wo die Urlauber sich
auch aufhalten werden: In den Gebieten der Entwicklungsländer,
die sich dem Tourismus öffnen wollen.
Auf höchster politischer Ebene
Doch das Wachstum kommt nicht von selbst. Ohne grundlegende
Anstrengungen der Regierungen lässt sich der elektronische
Handel kaum etablieren. Es gilt, so die Studie, die richtige
Balance zwischen der Rolle des öffentlichen und des privaten
Sektors zu finden. Jene Regierungen, die die Entwicklung der
Informationsgesellschaft aktiv vorangetrieben haben, profitierten
von den neuen Technologieen auch als erste. Das sieht man
nicht nur am Beispiel von Japan, Malaysia und Singapur. Besonders
deutlich wird es in den USA, wo heute ein großer Teil
des e-Business abgewickelt wird. Werden die Kommunikationsmittel
sinnvoll und konsequent eingesetzt, so werde die Produktivität
in allen wirtschaftlichen Bereichen steigen, schlussfolgert
der UNCTAD-Report, und das Wirtschaftswachstum nachhaltig
fördern.
Wo sind die Knackpunkte, an denen die Regierungen ansetzen
könnten? Das Wissen um neue Technologien soll gefördert
werden, damit sie eine breite Akzeptanz finden können.
Besonders Best-Practice-Beispiele aus anderen Ländern
sollen herangezogen werden, empfiehlt die Studie. Aus- und
Fortbildungsprogramme sollen helfen, Wissensdefizite auszugleichen.
Außerdem fehlen weitgehend schnelle Breitband-Internetzugänge
zu erschwinglichen Preisen. Um diesen Problemen auf breiter
Front zu begegnen empfehlt die UNCTAD, dass alle gesellschaftlichen
Akteure am gleichen Strang ziehen: Private-Public-Partnerships,
Allianzen und Konsortien sollen Wirtschaft, NGOs und die Regierung
zusammenbringen.
Es liegt nicht nur am Geld
Die Internetnutzung hängt nicht nur mit dem Einkommensniveau
der Länder zusammen – darin gibt es deutliche Unterschiede.
Vielmehr scheinen andere Faktoren eine mindestens ebenso große
Rolle zu spielen. Eine vitale Zivilgesellschaft und die Priorität,
die Regierung, Wirtschaft und soziale Gruppen den neuen Herausforderungen
einräumen, können entscheidend sein.
Ganz außer Acht lassen kann man das Geld jedoch nicht:
Hohe Preise für Internet-Verbindungen sind oft eine Hürde.
Breitband-Verbindungen zwischen verschiedenen Staaten machen
einen großen Teil des Internet-Verkehrs aus. Die internationalen
Verbindungen bestehen in der Regel aber nicht direkt zwischen
Entwicklungsländern. In Afrika haben nur wenige Staaten
direkte Leitungen zu ihren Nachbarstaaten. Im Vergleich dazu
sind die Verbindungen in die USA und nach Europa gut ausgebaut.
Inner-Afrikanischer Verkehr führt dadurch in der Regel
über interkontinentale Verbindungen – zu Preisen,
die weit höher sind als es inner-afrikanische Leitungen
wären. Hier könnte engere regionale Vernetzung abhelfen.
So wundert es wenig, dass schnelle Internetverbindungen vor
allem den Bürgern von Staaten mit hohem Einkommensniveau
offen stehen. Auch in diesem Bereich kann staatliches Engagement
vieles Bewirken: So hat Süd-Korea durch konsequentes
Fördern von Breitband inzwischen mit 21 Prozent die weltweit
höchste Dichte von Breitbandanschlüssen pro Kopf.
Sicherheit wird immer wichtiger
Je mehr Staaten sich beim Wachstum auf das Internet verlassen,
desto wichtiger wird die Sicherheit der Netze. Angriffe auf
Regierungs-Rechner stellen eine große Gefahr dar. Gerade
in Entwicklungsländern sind laut UNCTAD Angriffe auf
die Computernetze der Regierungen weltweit am häufigsten.
Daneben sind Spam, Viren und Urheberrechtsverletzungen nicht
nur gefährlich, sondern auch teuer: Allein der finanzielle
Schaden durch Spam wird weltweit auf über 20 Milliarden
Dollar geschätzt.
Um diesen Gefahren zu begegnen, sollte vor allem das Bewusstsein
für die Sicherheitsrisiken geschärft werden. Eine
Kombination von sicherer Soft- und Hardware und Risikomanagement
tun ein Übriges. Die Studie empfiehlt, Risiken und Schwachpunkte
zu identifizieren. Vor allem aber liege eine Chance in der
internationalen Zusammenarbeit: Bei der Umsetzung der Rechtsvorschriften,
beim Austausch von Best-Practice-Methoden und bei der Weiterbildung
der Nutzer.
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