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Markus Beckedahl Datum:Wednesday, 03. November 2004
Von: Markus Beckedahl <markus@nnm-ev.de>
An: redaktion@politik-digital.de
URL: http://www.nnm-ev.de

Wie sich die deutsche Zivilgesellschaft beim World Summit on the Informationsociety (WSIS) in Genf einmischt

Deutsche NGO´s bereiten den Gipfel vor. Markus Beckedahl, Mitglied im zivilgesellschaftlicher WSIS-Koordinierungskreis, berichtet.

Im Juli vergangenen Jahres begann sich eine kleine Arbeitsgruppe, ausgehend vom Netzwerk Neue Medien und dem Medienreferat der Heinrich Böll Stiftung zu entwickeln - den UN-Weltgipfel zur Informationsgesellschaft in weiter Ferne blickend.

Im Januar diesen Jahres wurde im Rahmen eines offenen Treffens dieser Arbeitsgruppe mit VertreterInnen von Nichtregierungsorganisationen und wissenschaftlichen Institutionen der Umfang der Gruppe erweitert und offiziell der Zivilgesellschaftliche WSIS-Koordinierungskreis (WKK) ins Leben gerufen. Dieser ist seitdem kontinuierlich offline und online grösser geworden und besteht mittlerweile aus mehr als 20 Nichtregierungsorganisationen und vielen Einzelpersonen.

Der WKK hat die Regierung herausgefordert, sich zum Gipfel deutlicher zu verhalten - früher, als den Entscheidungsträgern auf oberer Ebene klar war, dass dieser Gipfel auf sie zu kommen würde.

Durch die „Charta der Bürgerrechte für eine nachhaltige Wissensgesellschaft“ hat der WKK gezeigt, dass er als Zivilgesellschaftliche Gruppe über eine Vision verfügt, was auch international zur Kenntnis genommen wurde. Ob die Regierung und die Privatwirtschaft eine Vision der Informationsgesellschaft hat, ist derzeit nicht festzustellen.

Mittlerweile arbeitet die Internationale Zivilgesellschaft an einer alternativen Gipfelerklärung mit einer eigenen Vision, hervorgegangen aus einem zweijährigen, transparenten, online und offline bottom-up Diskussion-Prozess. Diese wird auf dem WSIS der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Damit will die Zivilgesellschaft den Gipfelprozess auf den Kopf stellen und die Führung übernehmen. Resultat soll ein gleichberechtigter, globaler und lokaler Mulitstakeholder-Prozess sein.

Im Mai wählte der WKK bei einem bundesweiten Treffen sechs Vertreter Zivilgesellschaftlicher Gruppen, die der Bundesregierung als Mitglieder der Regierungsdelegation für Vorbereitungsprozess und Gipfel vorgeschlagen wurden. Jeanette Hofmann und Georg Greve wurden bestimmt, den WKK und seine Positionen während der Vorbereitungskonferenzen gegenüber der Bundesregierung zu vertreten. Für den Gipfel selber werden erstmals fünf Vertreter von Nichtregierungsorganisationen in die Regierungsdelegation entsand.

Mitglieder des WSIS-Koordinationskreis sind an den globalen zivilgesellschaftlichen Arbeitsgruppen zu Patente/Copyright/Trademarks, Datenschutz/Sicherheit, Gender und Arbeitnehmerrechte beteiligt. Der WKK hat die Kooperation der europäischen zivilgesellschaftlichen Gruppen mit auf die Beine gestellt. Daraus ist der European Caucus entstanden, der von Georg Greve, Präsident der Free Software Foundation Europe, koordiniert wird.

Was passiert vor, auf und für den Gipfel?
Für den Gipfel selber laufen die Arbeiten an der Webseite des WKK www.wsis-koordinierungskreis.de auf Hochtouren. Auf Freier Software aufsetzend, werden während des Gipfels neue Kommunikationsformen ausprobiert: Einerseits wird die Pressearbeit über die Webseite laufen. Täglichen Pressemitteilungen sollen die Positionen des WKK darstellen. Andererseits soll inhaltlich vom Gipfel berichte werden – mit Hilfe von Weblogs, Kurzberichten von den Veranstaltungen, Interviews im Audioformat und Live-Ticker zu den Veranstaltungen. Seit dem Sommer wird ein ausführlichen Pressespiegel auf Deutsch und Englisch zusammengestellt. Dieser wird während des Gipfels erweitert.

Der WKK beteiligt sich an dem deutschen Stand auf dem Gipfel und hat dafür eine Pressemappe und einen Flyer produziert, der in englischer Sprache den WKK und seine Positionen dem internationalen Publikum vorstellen soll. Das World Forum on Communication Rights ist eine vom WKK zusammen mit der internationalen Zivilgesellschaft vorbereitete Veranstaltung.

Die interne Kommunikation wird vollständig über die Neuen Medien laufen, um zu hohen Handy-Rechnungen vorzubeugen. Während des Vorbereitungsprozess hat der WKK auf ein Wiki zurück gegriffen, das eine niedrigschwellige und kooperative Arbeitsplattform zur Verfügung stellt, um beispielsweise an gemeinsamen Positionen und Pressemitteilungen zu arbeiten.

Die Mailingliste des Netzwerk Neue Medien wird von gut 190 Menschen gelesen. Auf dem Gipfel sollen gemeinsame Pressemitteilungen mit dem Wiki koordiniert werden, und Informationen zum Portal der öffentlichen Nahverkehrsunternehmen (ÖPNV), dem besten Kaffee auf dem Gelände, interessanten Ständen und Pavillions abgelegt werden, die mit Zugriff von aussen erweitert werden können. Die Kommunikation wird wir über Instant-Messanger-Programme laufen, konkret über ein „Jabber-Netzwerk“, das mit ICQ vergleichbar, jedoch auf Freier Software und Offenen Standards aufsetzt.

Was hat der Gipfelprozess der Zivilgesellschaft bisher gebracht?
...viele Diskussionen, neue weltweite Kontakte, Partnerschaften, Freunde und Einblicke in die bürokratischen und diplomatischen Mühen einer Internationalen Organisation und eines Gipfelprozesses. Die interdisziplinäre inhaltliche Diskussion und Zusammenarbeit wurde zwischen Hackern, Medienaktivisten, Menschenrechtlern, Gewerkschaftlern und Wissenschaftlern angestoßen.

Zu prüfen bleibt, ob die Welt durch die Aktivitäten des WKK nachhaltig verändert wurde. Deutlich wurde jedoch, dass seine Aktivitäten dem Gipfelprozess durch die erstmalige Teilnahme der zivilgesellschaftlichen Vertreter am Gipfelprozess eine neue Richtung gegeben hat.

Markus Beckedahl ist Vorsitzender des Netzwerk Neue Medien e.V. Er lebt und arbeitet in Berlin.

Erschienen bei gipfelthemen.de am 04.12.2003
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