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Manuel Fröhlich Update: Wednesday, 03. November 2004
Von: Dr. Manuel Fröhlich <Manuel.Froehlich@uni-jena.de>
An: redaktion@politik-digital.de
URL: www.manuel-froehlich.de

Kommunikation und Kompatibilität
Das Politikmodell des Gipfelprozesses

"All relevant stakeholders" - mit diesen Worten umschreibt die Resolution 56/183 der UN-Generalversammlung den Kreis der Beteiligten, die die Entwicklung und Verteilung von und den Zugriff auf Informationstechnologie ermöglichen. In der Resolution geht es um die Unterstützung der Initiative der ITU zur Einberufung des Weltgipfels zur Informationsgesellschaft. "All relevant stakeholders" werden damit zu potentiellen Teilnehmern des Gipfels. Doch wer ist damit gemeint? Der englische Begriff "stakeholder" kann unterschiedlich verwendet werden: Im ökonomischen Sinne kann er die Anteilseigner meinen, im gesellschaftspolitischen eine Interessenvereinigung und im juristischen Sinne Anspruchsberechtigte. Ein einheitliches Bestimmungsmerkmal für die unter "stakeholder" zusammengefassten Akteure lässt sich nicht ableiten. Die Resolution gibt allenfalls das Adjektiv "relevant" vor: Beteiligt sein sollen jene, die für Einsatz, Nutzung, Steuerung und Reglementierung der Informationstechnologie bedeutsam sind: Staaten, Regierungen, Wirtschaftsunternehmen, private Vereinigungen, internationale Organisationen - und alle "Bürger" der Informationsgesellschaft, die den Umgang mit der Informationstechnologie mitgestalten wollen.

Einladeliste und Tischordnung
Vor diesem Hintergrund ist der Streit um die Gästeliste beim Weltgipfel vorprogrammiert. Unterschiedliche Akteure mit eigenem Anspruch, Legitimation und gegensätzlichen Interessen sollen an einem Tisch zusammenkommen. Die absehbaren Auseinandersetzungen wären nur um den Preis zu umgehen, dass jemand "fehlt". Wer dennoch im Sachgebiet der Informationstechnologie effektive Steuerung betreiben will, wird sich diesen Spannungen aussetzen müssen. Das heißt konkret: Wie steuert man einen Gipfel mit wahrscheinlich über 2000 Teilnehmern unterschiedlicher Herkunft?

Bereits die Liste der Delegationen der zweiten Vorbereitungskonferenz beeindruckt. Sie unterscheidet in drei Rubriken zwischen zehn Gruppierungen: Die Delegationen von Staaten, eine Reihe internationaler Organisationen und Delegationen der Zivilgesellschaft, die sich wieder in Nicht-Regierungs-Organisationen und Vertreter der Privatwirtschaft unterteilen. Innerhalb der Gruppierungen finden sich "Stakeholder" aller Schattierungen, die der Begriff zulässt.

Die Konstellation verleiht der Organisationsstruktur eine Doppelstruktur: Der Gipfel zur Informationsgesellschaft konstituiert über seine Verfahrensabläufe die Informationsgesellschaft, um die es gehen soll. Vor der Frage nach der digitalen Teilung steht die der digitalen Teilhabe, der Inklusion in ein Politiknetzwerk. Teilhabe (Beobachterstatus mit Möglichkeit zur Formulierung eigener Entwürfe) verlangt dabei zweierlei: Zum einen Aktivität eines sich betroffen fühlenden Akteurs, der einen Antrag auf Akkreditierung stellt, zum zweiten die Annahme des Antrages durch die Regierungen innerhalb des Preparatory Committee. Nachdem auf der ersten Vorbereitungskonferenz, Juli 2002, die Möglichkeit der Teilnahme von Vertretern der Zivilgesellschaft eröffnet wurde, kam es bei der zweiten Vorbereitungskonferenz, Februar 2003, zum "Ausschluss-Skandal" (Rainer Kuhlen) um die Zulassung anderer Akteure abseits nationalstaatlicher Regierungen. Ein genereller Ausschluss der anderen Gruppierungen konnte jedoch verhindert werden. Gleichwohl stellt sich die Frage nach den Zulassungskriterien im Einzelfall: Was ist die Grundlage für Inklusion als berechtigter "stakeholder"?

Der Informationsgipfel als Experimentierfeld
Hier wird deutlich, dass das Politikmodell der Vorbereitungskonferenzen und des Gipfels auf weiterreichende Umstellungen im Selbstverständnis der Vereinten Nationen zielen, die Kofi Annan im Millenniumsbericht als "Koalitionen für den Wandel" beschrieben hat. Diese bilden globale Politiknetzwerke und gleichen sich in ihrer Struktur: "Sie kennen keine Hierarchie und sorgen dafür, dass die Zivilgesellschaft ein Mitspracherecht hat. Sie helfen bei der Festlegung globaler politischer Ziele, gestalten die Debatten und sorgen für die Aufklärung der Öffentlichkeit. Sie erleichtern die Konsensbildung und die Aushandlung von Übereinkommen über neue weltweite Normen sowie die Schaffung neuer Arten von Mechanismen für deren Durchsetzung und Überwachung."
Struktur und Gegenstand des WSIS machen den Gipfelprozess zum logischen Experimentierfeld für die Relevanz und Effektivität eines neuen Politikmodells. Nicht zufällig hat Annan bereits im Millenniumsbericht Beispiele aus der Informations- und Telekommunikationstechnologie gewählt: Das Telekommunikationsunternehmen Ericsson hat sich bei Katastropheneinsätzen zusammen mit internationalen Hilfsorganisationen verpflichtet, über seine Niederlassungen in 140 Ländern bei Katastrophenfällen Helfer vor Ort mit Mobil- und Satellitenfunktelefonen auszustatten und so eine Voraussetzung zur effektiven Kommunikation zu schaffen. Die Kommunikationssysteme werden von Ericsson instand gehalten und untereinander kompatibel gemacht.

Kompatibilität als Voraussetzung für politischen Wandel
Die Erfordernis der Kompatibilität zwischen Kommunikationsnetzen, scheint auch eine politische Voraussetzung der Koalitionen für den Wandel zu sein. Die Partner in einer Koalition müssen untereinander kompatibel sein. Die Kompatibilität kann nur durch eine gemeinsame Wertebasis und Verfahrensordnung als Arbeitsgrundlage hergestellt werden. Diese Struktur steht hinter dem vom ITU Generalsekretär Yoshio Utsumi geforderten "policy frameworkforcyberspace". Aufgrund der völkerrechtlich unterschiedlichen Akteursqualität der Gruppierungen geht es dabei auch um genuin politische Selbstverpflichtungen der beteiligten Einheiten.

Ein solcher Ansatz ist am weitesten in der Global Compact Initiative der Vereinten Nationen entwickelt worden; und er scheint zum Leitmotiv des WSIS zu werden. Im Abschlussbericht der zweiten Vorbereitungskommission findet sich der Hinweis auf einen zu schaffenden "Global Digital Compact": "A "Global Digital Compact" should be launched to create a new pattern for partnership and interaction between governments and non-governmental actors, based on division of labour, specialized responsibilities and, the identification of specific and common interests. It would aim at achieving shared ICT development goals. Governments would create a stimulating regulatory environment and fiscal incentives while business would bring in technology and simple applications. Non-governmental organizations would undertake awareness campaigns and work at community level etc. This model could start from the institutional relationships already existing in ITU, with ITU as coordinator."

Der "Global Digital Compact" ist jedoch der Struktur nach mit jedem weiteren Vorbereitungstreffen bereits im Entstehen. Die Güte eines neuen Politikmodells, das weltweite Teilhabe der "stakeholder" organisieren will, kann also "live" beobachtet und beurteilt werden.


Erschienen bei gipfelthemen.de am 07.07.2003
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