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Wolfgang Kleinwaechter Datume: Thursday, 14. June 2007
Von: Wolfgang Kleinwächter <wolfgang.kleinwaechter AT medienkomm.uni-halle.de>
An: wolfgang@imv.aau.dk
URL: http://imv.au.dk/~wolfgang/

Das Internet und die Auswärtige Kulturpolitik

Statement von Prof. Wolfgang Kleinwächter zur Rolle der neuen Medien und des Internet im Rahmen der Auswärtigen Kulturpolitik.
Anhörung des Unterausschusses Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages.

Die Rolle der neuen Medien und des Internet im Rahmen der Auswärtigen Kulturpolitik wird weiter schnell wachsen. Insbesondere das sogenannte Web 2.0 bietet auch und gerade für die Auswärtige Kulturpolitik neue innovative Möglichkeiten der Außendarstellung der Bundesrepublik Deutschland sowie der Beförderung der Kommunikation mit Bürgern anderer Länder. Dem politischen und journalistischen Einfallsreichtum hat sich da ein weites Feld eröffnet. Gab es früher für diese Kommunikation die Grenzen von Zeit und Raum, so hat das Internet diese Grenzen beseitigt.

Zugang zu Internet-Kernressourcen

All diese möglichen neuen Kommunikationen basieren auf einem einfachen Zugang zu den Kernressourcen des Internet und einem reibungslosen Management dieser Ressourcen, das die Sicherheit, Stabilität und Entwicklung des Internet garantiert.

Unter den Kernressourcen des Internet versteht man primär die Root Server, die IP Nummern und die Domainnamen. Die Root Server werden benötigt um zwischen verschiedenen Top Level Domains (TLD) wie .de und .com kommunizieren zu können. Die IP Nummern werden benötigt um die Computer zu adressieren. Und der Domainname gibt Ihrer e-Mail Adresse oder Ihrer Website einen verständlichen Namen.

Das Management dieser globalen Ressourcen hat sich seit den 80er Jahre schrittweise entwickelt. Im Unterschied zum Management von Telekommunikation und Rundfunk, das durch Fernmelde- und Rundfunkgesetze zunächst national und später international geregelt wurde, entwickelte sich das Internet-Management nicht innerhalb eines von oben gesetzten Rechtsrahmens, sondern hat sich schrittweise von unten entwickelt, getrieben durch Innovationen der technischen Community sowie betroffenen und beteiligten Anbietern und Nutzern von Internet Diensten aller Art.

Im wesentlichen wurden die benötigten formellen Protokolle die die universelle von Zeit und Raum unabhängige Kommunikation via Text, Audio und Video ermöglichte, von nicht-staatlichen Organisationen wie der Internet Engineering Task Force (IETF) oder dem World Wide Web Consortium (W3C) entwickelt und erhielten de facto den Charakter einer Rechtsnorm. Von nicht unerheblicher Bedeutung für diese Entwicklung war auch der Fakt, dass es sich bei den Internet Ressourcen im Unterschied zu anderen Ressourcen um im Grunde genommen „unbegrenzte Ressourcen“ handelt. Während das Frequenzspektrum natürlich begrenzt ist, gibt es de facto keine Grenzen für IP Adressen oder Domainnamen.

Auch das institutionelle Gefüge für das Management der Internet Ressourcen hat sich von unten entwickelt, allerdings unter der besonderen Situation der spezifischen Rolle der US-Regierung, die die Forschung zur Internet-Entwicklung finanzierte, zunächst bis Ende der 80er Jahre aus dem Haushalt des Verteidigungsministeriums, später, unter Aufsicht des US Handelsministeriums, durch die National Science Foundation (NSF). Die Rolle der US Regierung besteht im wesentlichen darin, dass sie die Publikation von Zone Files von Top Level Domains wie .com oder .de im Internet Root autorisiert. Dabei handelt es sich um einen primär technischen Vorgang der jedoch eine nicht unerhebliche politische Symbolkraft besitzt, wenngleich hinzugefügt werden muss dass diese Funktion nicht – wie gelegentlich fälschlicherweise behauptet – dazu missbraucht werden kann, um ganze Länder vom Internet abzuklemmen.

ICANN und WSIS

Als sich Mitte der 90er Jahre Pläne breit machten, das Internet-Management zu internationalisieren, war es der Plan der Clinton-Administration, die Verwaltung dieser Ressourcen einer nicht-kommerziellen privaten Corporation zu übertragen. Die 1998 gegründete Internet Corporation for Assigend Names and Numbers (ICANN) sollte nach einer Übergangsfrist von zwei Jahren allein für das Management der Internet-Kernressourcen verantwortlich sein. ICANN sollte ausschließlich von den Anbietern und Nutzern von Internet Diensten geleitet werden. Regierungen sollten innerhalb ICANNs lediglich in einer beratenden Rolle über das Governmental Advisory Committee (GAC) vertreten sein.

Zu der Entlassung ICANNs in die Unabhängigkeit ist es aber nicht gekommen. Die Bush Administration hat das Memorandum of Understanding (MoU) mit ICANN immer wieder verlängert und im vergangenen Jahr in ein Joint Project Agreement (JPA) umgewandelt, dass jetzt die Entlassung ICANNs aus der US Aufsicht für den Oktober 2009 vorsieht.

Die ungelöste Frage der Aufsicht über die Internet Ressourcen sowie die Rolle von ICANN führte im Rahmen des UN Weltgipfels zur Informationsgesellschaft (WSIS) seit 2002 zu einer globalpolitischen Kontroverse. Die chinesische Regierung forderte, das Management dieser Ressourcen einer UN-Organisation, eventuell der ITU, zu unterstellen. Die US-Regierung dagegen verteidigte das Prinzip der „private sector leadership“ und damit die Rolle von ICANN.

Die von UN-Generalsekretär Kofi Annan im Jahr 2004 einberufene WGIG kam zu dem Ergebnis, dass Internet Governance weit mehr ist als das Management der Internet Kernressourcen, sondern auch Themen wie Cybersecurity, eCommerce, Schutz geistigen Eigentums, Meinungsäußerungsfreiheit, Schutz der Privatsphäre, Infrastruktur, Verbindungskosten etc. umfasst. Es schließt auch weit mehr Institutionen ein als ICANN. Daraus ergab sich, dass die Idee, eine zentrale Internetorganisation auf globaler Ebene zu schaffen, unpraktisch ist.

Ein Governance System für das Internet besteht aus vielen Ebenen (Layern) und schließt viele Akteure (Player) ein. Für Internet Governance ist daher die Fortentwicklung des bereits existierenden „Multilayer Multiplayer Mechanismus“ sinnvoll. In einem solchen Mechanismus können für unterschiedliche Sachfragen unterschiedliche Governance Modelle zur Anwendung kommen, wobei alle diese Modelle auf dem Prinzip des Multistakholderismus basieren sollten, d.h. der gleichberechtigten Einbeziehung von Regierung, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft in ihren jeweiligen spezifischen Rollen und Verantwortlichkeiten. Ein solches flexibles Modell gestatte es z.B. beim Management der technischen Kernressourcen das Prinzip der „private sector leadership“ fortzuentwickeln, während in anderen Bereichen z.B. beim Kampf gegen Cyberkriminalität, das Prinzip der „governmental leadership“ adäquat ist. Wichtig ist allenfalls, dass es Kanäle geben sollte für eine angemessene Einbeziehung der anderen Stakeholder in die Entwicklung von den jeweiligen sachspezifischen Politiken. Im ICANN-Jargon heisst das „bottom up policy development“, oder kürzer PDP.

Kurz vor dem Tunis Gipfel hatte die Europäische Union im September 2005 vorgeschlagen, ein neues Kooperationsmodell (new cooperation model) zu entwickeln, das auf diesem Gedanken der Public-Privat-Partnership basierte.

Im Ergebnis der ziemlich kontroversen Debatte um diesen Vorschlag einigte man sich schließlich auf einen auf zwei Komponenten bestehenden Kompromi: Einerseits wurde ein „Internet Governance Forum“ (IGF) geschaffen, andererseits ein „Prozeß der erweiterten Kooperation“ (enhanced cooperation) lanciert.

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Erschienen bei gipfelthemen.de am 14.06.2007
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