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Heidemarie Wiezcorek-Zeul Datum:Thursday, 10. November 2005
Von: Heidemarie Wiezcorek-Zeul Heidemarie Wiezcorek-Zeul
An: redaktion@politik-digital.de
URL: http://www.heidi-wieczorek-zeul.de/

Entwicklungspotenzial von der Leine lassen

Die Informationsgesellschaft ist in aller Munde. Ein Leben ohne Telefon, Computer und Internet können wir uns kaum noch vorstellen. Dennoch sind viele Menschen, gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern, immer noch vom Zugang zu solchen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) ausgeschlossen. Dabei bieten diese Technologien ein riesiges Potenzial für Entwicklung, das nur von der Leine gelassen werden muss, sagt Heidemarie Wieczorek-Zeul, Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Dieses Potenzial haben auch Vertreterinnen und Vertreter von Regierungen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft im Blick, wenn sie vom 16.-18. November 2005 zur zweiten Phase des Weltgipfels zur Informationsgesellschaft „World Summit on the Information Society“ (WSIS) in Tunis zusammenkommen. Wichtige Fragen sollen hier beantwortet werden, zum Beispiel wie die Überwindung der digitalen Kluft finanziert werden kann. Das Bundesentwicklungs-ministerium nimmt am Gipfel teil und wirbt mit einem Stand auf der Begleitausstellung „ICT4all“ für weitere gemeinsame Anstrengungen der Weltgemeinschaft.

Die gute Nachricht ist, dass wir auf dem Weg sind, die Digitale Kluft zu schließen. Vieles hat sich in den letzten Jahren getan. Betrachtet man beispielsweise die Verbreitung von Handys, stellt man fest, dass sich die Zahl der Handynutzerinnen und -nutzer in den Industriestaaten verdoppelt hat - in Afrika hat sie sich im selben Zeitraum nahezu verzehnfacht. Auch in Asien gibt es heute dreimal so viele Mobiltelefone wie noch vor drei Jahren. Mittlerweile finden mehr als 20 Prozent des weltweiten Mobilfunkverkehrs in Entwicklungs- und Schwellenländern statt.
Ausländische Direktinvestitionen privater Unternehmen haben maßgeblich zu diesem Erfolg beigetragen. Diese Investitionen überstiegen in den späten 90er Jahren die Summe aller öffentlich gewährten Entwicklungshilfe. Und hier spreche ich wohlgemerkt nur von Investitionen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien!

Jedoch wissen wir auch, dass dieser globalen Verringerung der digitalen Kluft deren Vergrößerung innerhalb vieler Entwicklungsländer entgegensteht. Dabei werden ohnehin bestehende Entwicklungsunterschiede zwischen arm und reich und zwischen Stadt und Land noch verstärkt. In ländlichen Gegenden ist der Zugang zu Telefonen, zu Elektrizität und damit auch zu wertvollen Informationsquellen häufig stark eingeschränkt. Einrichtungen, die sowohl Zugang als auch Training im Bereich der Computernutzung anbieten, sind selten. Sie können wegen der hohen Investitions- und Unterhaltskosten nur in Ausnahmefällen nachhaltig betrieben werden.

Warum ist es überhaupt von entwicklungspolitischer Bedeutung, ob Menschen in Entwicklungsländern diese modernen Technologien benutzen können? Die Antwort hierauf ist einfach und vielschichtig zugleich.

Informations- und Kommunikationstechnologien beinhalten ein enormes Potenzial für Menschen in Entwicklungsländern. Auf der Hand liegt dies für das Telefonieren. Mobiltelefone haben es vielen Menschen überhaupt erst ermöglicht, zeitraubende und manchmal gefährliche Fahrten, etwa zu ihren Verwandten in die Hauptstadt, durch ein Telefonat zu ersetzen oder besser zu planen. Dadurch sparen Sie nicht nur das Geld für den Transport, sondern können außerdem die gewonnene Zeit produktiv nutzen. Telefonieren können bedeutet für viele Bäuerinnen und Bauern zum Beispiel, zu wissen auf welchem Markt sie für ihre Produkte die besten Preise bekommen. Wenn Sie nicht selbst zum Markt fahren, können sie sie über das Telefon erfragen, für welchen Preis ein Zwischenhändler ihre Waren auf dem entfernten Großmarkt verkaufen kann. So stärken sie ihre Verhandlungsposition und können einen besseren Preis verhandeln.

Wo Grenzen für eine weitergehende Anwendungen von Telefonen und Informationstechnologien insgesamt liegen, lässt sich noch kaum beantworten. Es ist ja gerade der Charme der Informations- und Kommunikationstechnologien, dass sie so vielseitig einsetzbar sind und viele Grenzen außer Kraft setzen.

Eines zeigen aber die vergangenen Jahre: Wo immer Menschen in Entwicklungsländern Zugang zu den neuen Technologien bekommen haben, dort haben sie auch eine enorme Kreativität in der Nutzung dieser Technologien entwickelt. So entfaltet sich das Potenzial von Informations- und Kommunikationstechnologien in Entwicklungsländern in ganz unterschiedlichen Bereichen. Einige Beispiele stellen wir auf den Internetseiten des deutschen Pavillons in Tunis vor.

Als ein Beispiel möchte ich hier nur den Bildungssektor nennen. Hier sind moderne Informationstechnologien heute ein anerkanntes Instrument dafür, die Qualität der Lehre zu verbessern und gleichzeitig knappe Mittel effizienter zu verwenden. Lehrer können durch Computerprogramme oder Fernstudien aus- und weitergebildet werden. Universitäten in Entwicklungsländern können an wissenschaftlichen Diskursen in der ganzen Welt teilnehmen und Arbeitnehmerinnen und -nehmer für spezielle Tätigkeiten geschult werden.

Damit die Potenziale der Informationstechnologien ausgeschöpft werden können, unterstützt Deutschland seine Partnerländer im Süden in ihren Bemühungen, ein vorteilhaftes Klima für die Anbieter von entsprechenden Dienstleistungen und Technik zu schaffen. Hierzu müssen gute Regierungsführung und rechtliche Rahmenbedingung, die einen fairen Wettbewerb zulassen, gefördert werden.

Denn, so die einhellige Meinung der Experten: die Möglichkeiten, Informationsarmut zu bekämpfen, sind bei weitem nicht ausgeschöpft. Mit kostengünstigen Technologien und Partnerschaften zwischen privatem und öffentlichem Sektor kann die Verbreitung neuer Technologien weiter gefördert werden.

Wir stehen bei diesem Unterfangen nicht allein! Viele andere Regierungen und internationale Organisationen haben ebenfalls erkannt, welche Möglichkeiten IKT für die Entwicklungsländer bieten. Damit wir nicht aneinander vorbei arbeiten, sondern Entwicklungsgelder möglichst effektiv einsetzen, müssen wir uns mit anderen Akteuren koordinieren. Aus diesem Grund ist Deutschland Gründungsmitglied zweier multilateraler Organisationen, die sich als komplementär agierende, weltweite Kompetenzzentren für IKT in der Entwicklungspolitik profiliert haben. Zum einen ist dies das „Information for Development Programme“, zum anderen die „Development Gateway Foundation“. Beide Organisationen unterstützen wir auch weiterhin inhaltlich, finanziell und personell.

Der bevorstehende Weltinformationsgipfel in Tunis bietet nun die Gelegenheit, unsere Ansätze zu diskutieren und kritisch zu prüfen. Wir sollten, gemeinsam mit der Staatengemeinschaft, diese Gelegenheit nutzen, um einen Weg zu einer demokratischen und offenen Informationsgesellschaft aufzuzeigen. Die Informationsgesellschaft wird nur dann gerecht sein, wenn von ihren Errungenschaften auch die armen Bevölkerungsteile, auch in ländlichen Gebieten profitieren.

Erschienen bei gipfelthemen.de am 10.11.2005
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