Entwicklungspotenzial von der Leine lassen
Die Informationsgesellschaft ist in aller Munde.
Ein Leben ohne Telefon, Computer und Internet können
wir uns kaum noch vorstellen. Dennoch sind viele Menschen,
gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern, immer noch
vom Zugang zu solchen Informations- und Kommunikationstechnologien
(IKT) ausgeschlossen. Dabei bieten diese Technologien ein
riesiges Potenzial für Entwicklung, das nur von der Leine
gelassen werden muss, sagt Heidemarie
Wieczorek-Zeul, Bundesministerin für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung.
Dieses Potenzial haben auch Vertreterinnen und Vertreter
von Regierungen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft im Blick,
wenn sie vom 16.-18. November 2005 zur zweiten Phase des Weltgipfels
zur Informationsgesellschaft „World Summit on the Information
Society“ (WSIS) in Tunis zusammenkommen. Wichtige Fragen
sollen hier beantwortet werden, zum Beispiel wie die Überwindung
der digitalen Kluft finanziert werden kann. Das Bundesentwicklungs-ministerium
nimmt am Gipfel teil und wirbt mit einem Stand auf der Begleitausstellung
„ICT4all“ für weitere gemeinsame Anstrengungen
der Weltgemeinschaft.
Die gute Nachricht ist, dass wir auf dem Weg sind, die Digitale
Kluft zu schließen. Vieles hat sich in den letzten Jahren
getan. Betrachtet man beispielsweise die Verbreitung von Handys,
stellt man fest, dass sich die Zahl der Handynutzerinnen und
-nutzer in den Industriestaaten verdoppelt hat - in Afrika
hat sie sich im selben Zeitraum nahezu verzehnfacht. Auch
in Asien gibt es heute dreimal so viele Mobiltelefone wie
noch vor drei Jahren. Mittlerweile finden mehr als 20 Prozent
des weltweiten Mobilfunkverkehrs in Entwicklungs- und Schwellenländern
statt.
Ausländische Direktinvestitionen privater Unternehmen
haben maßgeblich zu diesem Erfolg beigetragen. Diese
Investitionen überstiegen in den späten 90er Jahren
die Summe aller öffentlich gewährten Entwicklungshilfe.
Und hier spreche ich wohlgemerkt nur von Investitionen im
Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien!
Jedoch wissen wir auch, dass dieser globalen Verringerung
der digitalen Kluft deren Vergrößerung innerhalb
vieler Entwicklungsländer entgegensteht. Dabei werden
ohnehin bestehende Entwicklungsunterschiede zwischen arm und
reich und zwischen Stadt und Land noch verstärkt. In
ländlichen Gegenden ist der Zugang zu Telefonen, zu Elektrizität
und damit auch zu wertvollen Informationsquellen häufig
stark eingeschränkt. Einrichtungen, die sowohl Zugang
als auch Training im Bereich der Computernutzung anbieten,
sind selten. Sie können wegen der hohen Investitions-
und Unterhaltskosten nur in Ausnahmefällen nachhaltig
betrieben werden.
Warum ist es überhaupt von entwicklungspolitischer Bedeutung,
ob Menschen in Entwicklungsländern diese modernen Technologien
benutzen können? Die Antwort hierauf ist einfach und
vielschichtig zugleich.
Informations- und Kommunikationstechnologien beinhalten ein
enormes Potenzial für Menschen in Entwicklungsländern.
Auf der Hand liegt dies für das Telefonieren. Mobiltelefone
haben es vielen Menschen überhaupt erst ermöglicht,
zeitraubende und manchmal gefährliche Fahrten, etwa zu
ihren Verwandten in die Hauptstadt, durch ein Telefonat zu
ersetzen oder besser zu planen. Dadurch sparen Sie nicht nur
das Geld für den Transport, sondern können außerdem
die gewonnene Zeit produktiv nutzen. Telefonieren können
bedeutet für viele Bäuerinnen und Bauern zum Beispiel,
zu wissen auf welchem Markt sie für ihre Produkte die
besten Preise bekommen. Wenn Sie nicht selbst zum Markt fahren,
können sie sie über das Telefon erfragen, für
welchen Preis ein Zwischenhändler ihre Waren auf dem
entfernten Großmarkt verkaufen kann. So stärken
sie ihre Verhandlungsposition und können einen besseren
Preis verhandeln.
Wo Grenzen für eine weitergehende Anwendungen von Telefonen
und Informationstechnologien insgesamt liegen, lässt
sich noch kaum beantworten. Es ist ja gerade der Charme der
Informations- und Kommunikationstechnologien, dass sie so
vielseitig einsetzbar sind und viele Grenzen außer Kraft
setzen.
Eines zeigen aber die vergangenen Jahre: Wo immer Menschen
in Entwicklungsländern Zugang zu den neuen Technologien
bekommen haben, dort haben sie auch eine enorme Kreativität
in der Nutzung dieser Technologien entwickelt. So entfaltet
sich das Potenzial von Informations- und Kommunikationstechnologien
in Entwicklungsländern in ganz unterschiedlichen Bereichen.
Einige Beispiele stellen wir auf den Internetseiten
des deutschen Pavillons in Tunis vor.
Als ein Beispiel möchte ich hier nur den Bildungssektor
nennen. Hier sind moderne Informationstechnologien heute ein
anerkanntes Instrument dafür, die Qualität der Lehre
zu verbessern und gleichzeitig knappe Mittel effizienter zu
verwenden. Lehrer können durch Computerprogramme oder
Fernstudien aus- und weitergebildet werden. Universitäten
in Entwicklungsländern können an wissenschaftlichen
Diskursen in der ganzen Welt teilnehmen und Arbeitnehmerinnen
und -nehmer für spezielle Tätigkeiten geschult werden.
Damit die Potenziale der Informationstechnologien ausgeschöpft
werden können, unterstützt Deutschland seine Partnerländer
im Süden in ihren Bemühungen, ein vorteilhaftes
Klima für die Anbieter von entsprechenden Dienstleistungen
und Technik zu schaffen. Hierzu müssen gute Regierungsführung
und rechtliche Rahmenbedingung, die einen fairen Wettbewerb
zulassen, gefördert werden.
Denn, so die einhellige Meinung der Experten: die Möglichkeiten,
Informationsarmut zu bekämpfen, sind bei weitem nicht
ausgeschöpft. Mit kostengünstigen Technologien und
Partnerschaften zwischen privatem und öffentlichem Sektor
kann die Verbreitung neuer Technologien weiter gefördert
werden.
Wir stehen bei diesem Unterfangen nicht allein! Viele andere
Regierungen und internationale Organisationen haben ebenfalls
erkannt, welche Möglichkeiten IKT für die Entwicklungsländer
bieten. Damit wir nicht aneinander vorbei arbeiten, sondern
Entwicklungsgelder möglichst effektiv einsetzen, müssen
wir uns mit anderen Akteuren koordinieren. Aus diesem Grund
ist Deutschland Gründungsmitglied zweier multilateraler
Organisationen, die sich als komplementär agierende,
weltweite Kompetenzzentren für IKT in der Entwicklungspolitik
profiliert haben. Zum einen ist dies das „Information
for Development Programme“, zum anderen die „Development
Gateway Foundation“. Beide Organisationen unterstützen
wir auch weiterhin inhaltlich, finanziell und personell.
Der bevorstehende Weltinformationsgipfel in Tunis bietet nun
die Gelegenheit, unsere Ansätze zu diskutieren und kritisch
zu prüfen. Wir sollten, gemeinsam mit der Staatengemeinschaft,
diese Gelegenheit nutzen, um einen Weg zu einer demokratischen
und offenen Informationsgesellschaft aufzuzeigen. Die Informationsgesellschaft
wird nur dann gerecht sein, wenn von ihren Errungenschaften
auch die armen Bevölkerungsteile, auch in ländlichen
Gebieten profitieren.
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