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Rainer Kuhlen Datum:Wednesday, 03. November 2004, 19:29:21 +0100
Von:Rainer Kuhlen <Rainer.Kuhlen@uni-konstanz.de>
An:redaktion@politik-digital.de
URL:/politikdigital/rkuhlen.shtml

Konfliktherd WSIS?

Wie partizipativ kann der World Summit on the Information Society (WSIS) sein?
Ein UN-Weltgipfel ist eine zwischenstaatliche Veranstaltung, bei der die Delegationen der UN-Länder vollständige Rechte haben: Teilnahme-, Eingabe-, Rede-, Antrags-, Entscheidungs-und Abstimmungsrechte.
Eine exklusive staatliche Zuständigkeit ist heute kaum mehr vertretbar, vor allem wegen Kompetenz- und Akzeptanzdefiziten staatlicher Akteure bei einer so komplexen Aufgabe , wie dieser, die Informationsgesellschaft im 21. Jahrhundert so auszugestalten, dass

a) niemand von den Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologien ausgeschlossen bleibt (Prinzip der Inklusivität und Gerechtigkeit)
b) der Zugriff auf Information für jedermann zu fairen Bedingungen offen und gesichert ist (Prinzip des universalen Zugriffs und der Nachhaltigkeit).

Entsprechend wird auf UN-Gipfeln seit einiger Zeit die staatliche Präsenz und Zuständigkeit erweitert
a) um internationale Organisationen aus dem Umfeld der UN, aber auch anderer Organisationen
b) um Interessenvertretungen aus Wirtschaft und
c) um zivilgesellschaftliche Institutionen

Die Gruppierungen nehmen an den Vorbereitungen zum WSIS teil
Diese Gruppen sind auch bei Vorbereitungen für WSIS beteiligt, können im Vorfeld Vorschläge einbringen und beobachtend an den Vorkonferenzen teilnehmen. Ihre Beteiligung bedeutet weder eine Einschränkung der Entscheidungs-Souveränität staatlicher Organisationen noch ist sie als entgegenkommende Geste der Regierungen zu verstehen. Vielmehr ist dies eine Verpflichtung gegenüber der Öffentlichkeit, wenn die Informationsgesellschaft nach den vier oben erwähnten Prinzipen realisiert werden soll.

Entsprechend geht es darum, in einem wechselseitigen Prozess zu beraten und Hilfestellung zu geben. Genauso wie heute ersichtlich (wenn auch nicht unumstritten) ist, dass die Wirtschaft die Probleme des Digital divide nicht alleine lösen kann, liegt es auf der Hand, dass allein staatliche Maßnahmen nicht den Herausforderungen der Informationsgesellschaft gerecht werden können. Ob dies über Private-Public-Partnerschaften, Auslagerungen z.B. an zivilgesellschaftliche oder privatwirtschaftliche Institutionen oder Projekte internationaler Organisationen geschieht, muss bei konkreten Anlässen entschieden werden. Dass verteilte, nicht exklusiv staatliche Organisationsformen gefunden werden müssen, ist klar.

Die besondere Rolle der Zivilgesellschaft
Eine besondere Rolle kommt der Zivilgesellschaft zu. Denn wenn man sich darüber einig ist, dass weder staatliche Organisationen noch die (Informations-) Wirtschaft Probleme der Informations- und Wissensgesellschaften lösen können, ist das Einbeziehen von zivilgesellschaftlichen Gruppierungen unverzichtbar, sowohl aus Kompetenz- als auch aus Akzeptanzgründen.
Insofern ist der Fortschritt der Beteiligung, wie er auf PrepCom2 tentativ erreicht wurde, keineswegs befriedigend. Es wurde zugesichert, dass die Beobachtergruppen begrenzte Rederechte bekommen von ihnen eingebrachte „Papiere“ bei der weiteren Planung Berücksichtigung finden sollten. Letzteres ist ansatzweise geschehen, ohne dass dies in den Regierungspapieren deutlich wurde.
Der weitere Prozess muss klären, inwieweit die Nicht-Regierungsorganisationen ihren Beobachter-Status in eine aktivere Rolle im Sinne des oben angesprochenen Rechtskontinuums verwandeln können. Inhaltlich – das zeigen vor allem die zahlreichen Beiträge aus den internationalen Organisationen - sind die nicht-staatlichen Organisationen äußerst aktiv und kreativ.

Einige Staaten sperren sich, die Zivilgesellschaft einzubeziehen
Bei der zivilgesellschaftlichen Beteiligung gibt es weltweit erhebliche Differenzen. Westliche Staaten, explizit die EU-Staaten, und unter den UN-Organisationen vor allem die UNESCO, haben kaum Berührungsängste mit zivilgesellschaftlichen Gruppen. Die Widerstände auf PrepCom2 gegen die Einbeziehung der Zivilgesellschaft kamen vor allem aus Staaten mittlerer Entwicklung (im Jargon der WTO Adopter-Staaten genannt, die noch nicht zu den Leader-Staaten gehören, aber den Zustand der Late-Comers, also der wenig entwickelten Länder, verlassen haben, z.B. China, Syrien, Pakistan etc), weniger von Seiten der Late-Comers, die andere, gravierendere Probleme haben.

Versucht man das zu interpretieren, so liegt man vermutlich nicht fehl in der Annahme, dass sich in eher staatsautoritären (Adopter-) Ländern, die im Gegensatz zu den meisten Leader-Staaten keine offenen demokratischen Strukturen besitzen, die Zivilgesellschaft entweder institutionell noch nicht entwickelt hat oder die entsprechenden Initiativen als „staatsbedrohend“ empfunden werden.
Auch ist das Problem nicht zu verkennen, dass zivilgesellschaftliche Gruppierungen aus weiter entwickelten Ländern zwar häufig von ihrem Anspruch her eine globale Perspektive einnehmen, die programmatischen Äußerungen aber trotz allem auf einer subjektiven Sicht der Probleme basieren, in der Erwartung, dass zumindest die Prinzipien auch auf Länder anderer Entwicklungsstufen übertragen werden können.
Daher kommt den internationalen Organisationen bzw. den global organisierten Gruppierungen der Zivilgesellschaft eine wichtige Rolle zu, die manche (z.B. attac, Greenpeace) bislang allerdings nur unzulänglich wahrnehmen.

In Paris werden Intressenskonflikte der Regierungen weiter verhandelt
Vom 15. - 18.07.2003 findet in Paris in den Räumen der UNESCO ein „Intersessional Meeting“ statt, bei dem , vorbereitend zur PrepCom3, an den vorliegenden Papieren (Deklaration und Aktionsplan) weitergearbeitet werden soll. Die bis Ende Mai eingegangenen Stellungnahmen der Regierungen und verschiedener Beobachtergruppen lassen, mehr als den WSIS-Organisatoren lieb sein kann, deutliche Interessengegensätze erkennen. In dieser Konfliktsituation wäre es sehr kontraproduktiv, wenn sich die drei Beobachtergruppen erneut nur restriktiv in den Prozess einbringen könnten. Die Papiere aus der Zivilgesellschaft – die Privatwirtschaft hält sich weiter zurück – zeigen doch, dass von dort innovative Ideen eingebracht werden.

In Deutschland wurde zumindest erreicht, dass je ein Vertreter der Zivilgesellschaft und der Privatwirtschaft beratend bei den Vorkonferenzen teilnehmen. Unklar ist nun die Rolle der Deutschen UNESCO Kommission, da sie, ausgestattet mit dem Auftrag der Politikberatung, weder zur Zivilgesellschaft noch zur Privatwirtschaft gerechnet werden kann, aber, wie zahlreiche Papiere der UNESCO-Paris und der Deutschen UNESCO Kommission zeigen, stark in den bisherigen WSIS-Prozess integriert ist.

WSIS dringt in Deutschland ins politische Bewusstsein
WSIS wird in Deutschland allmählich zu einem politischen Thema. Die Parlamentarier des Bundestags wollen WSIS auf die Agenda setzen. Die Koordination zwischen den Ministerien unter der Federführung des BMWA läuft offenbar an. Ziel vom WSIS sollte sein, auf höchstem politischen Niveau auf der Genfer Konferenz präsent zu sein. Was kann für die Politik mittelfristig wichtiger sein als die Ausgestaltung der Informationsgesellschaft und -wirtschaft? Dies ist aber nicht allein durch die Politik möglich. Die breite öffentliche Debatte und Mitgestaltung auf WSIS sind erforderlich.

Erschienen bei gipfelthemen.de am 28.08.2003
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