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Frank Bsirske
Annette Mühlberg
Update: Wednesday, 03. November 2004
Von: Frank Bsirske und Annette Mühlberg
Kontakt über annette.muehlberg@verdi.de
An: redaktion@politik-digital.de
URL: http://www.verdi.de


Für eine demokratische Welt-Informationsgesellschaft

Die Informationstechnologie mit dem World Wide Web ist nicht weniger gestaltungs- und diskussionsbedürftig als Atomenergie und Gentechnik. Das Internet revolutioniert unsere öffentliche Infrastruktur, weltweit. Frank Bsirske und Annette Mühlberg geben eine Einschätzung.

Der Weltgipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS) bietet eine einzigartige Plattform, um die wichtigen Fragen für Demokratie und Gesellschaft zu erörtern und Rahmenbedingungen für die neuen Kommunikationsstrukturen zu entwerfen.

Zugänglichkeit ("access") statt digitaler Spaltung ("digital divide") lautet der weltweite Leitspruch. Doch was sind die Bedingungen der Möglichkeit allgemeiner und freiheitlicher Nutzung des digitalen Netzes? Mit einer Mischung von Unternehmenssponsoring und staatlichen Investitionsfonds reicher Länder für Kauf und Verteilung technischer Geräte für die (technisch) gering entwickelten Regionen unserer Erde ist es hier nicht getan.

Wir brauchen eine Debatte über die gegenwärtigen großen Gesetzesvorhaben, die der Informationsgesellschaft ihre Verfassung geben werden: vom Urheber- und Softwarepatentrecht über Sicherheits-, Überwachungs- und Datenschutzgesetze bis hin zu internationalen Vereinbarungen wie sie in der WTO/GATS-Runde gefällt werden, in denen es vor allem um Fragen der Preisgabe öffentlicher Infrastruktur und öffentlicher Dienstleistungen geht.

Unser Leben und unsere Arbeit werden durch die neuen elektronischen Kommunikationsformen entscheidend mitbestimmt - ihre Ausgestaltung dürfen wir nicht dem Kommerz überlassen. Die öffentliche Hand muss die Möglichkeiten des Internets offensiv erschließen und dabei von vornherein auf die Demokratietauglichkeit der neu zu schaffenden Strukturen achten. Hier sind wir alle als (Welt-)Bürgerinnen und Bürger gefordert, Ideen einzubringen und Anforderungen an eine demokratische Informationsgesellschaft zu formulieren.

7 Punkte zu den Rahmenbedingungen einer demokratischen Welt-Informationsgesellschaft, die ver.di auf dem World Summit on the Information Society vertritt:

1. Zugang zu Wissen ermöglichen
Wissen ist der gemeinsame Schatz der Menschheit. Die Auslieferung des öffentlichen Reichtums an kommerzielle Interessen würde die Gesellschaft von ihrer wichtigsten Ressource abschneiden und Kreativität in Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur behindern. Die demokratische Teilhabe am öffentlichen Geschehen setzt voraus, dass der Zugang zu Wissen für alle zu fairen Bedingungen möglich ist. Dazu gehört auch ein Urheberrecht, das die Balance zwischen Rechten der Urheber und Nutzer wahrt. Zugänglichkeit und selbstbestimmte private Nutzung digitaler Werke dürfen nicht mit Hilfe des "Digital Rights Management" zum Spielball der Verkaufsstrategien von Medienunternehmen werden.

2. eDemokratie verwirklichen
eDemokratie ist mehr als Wahlen online abzuhalten. Politische Entscheidungsprozesse und Verwaltungsvorgänge können mit dem Internet transparenter und die Partizipation von Bürgerinnen und Bürgern kann erleichtert werden. Der Zugang zu Akten, Dokumenten und Datensammlungen öffentlicher Verwaltungen sollte auch transnational ermöglicht werden, wenn dem keine grundlegenden öffentlichen oder privaten Interessen entgegenstehen.

Alle Maßnahmen und Gesetzgebungen, die die neuen Rahmenbedingungen der Informationsgesellschaft ausmachen, müssen darauf geprüft werden, dass sie keine Basis für monopolistische oder gar totalitäre Strukturen liefern. Sie müssen demokratieverträglich, besser aber demokratieförderlich sein (bspw. Gesetze zu: Sicherheit, Überwachung, Datenschutz, Urheberrecht, Softwarepatenten).

3. Die "digitale Spaltung" verhindern
Die Einführung der Informations- und Kommunikationstechnologien soll die Teilhabe Aller stärken und nicht die schwächsten Gruppen der Weltgemeinschaft noch weiter ausgrenzen. Kulturelle Vielfalt muss gewährleistet, soziale, geschlechts- oder altersbedingte Hindernisse müssen berücksichtigt werden: Alle Menschen müssen Zugang zum Internet erhalten.

4. Offenheit und Verlässlichkeit der Infrastruktur sicherstellen
Der Austausch mit öffentlichen und privaten Einrichtungen muss technisch so gestaltet werden, dass weder Individuen noch ganze Regionen ihre Computer-Ausstattung den Vorgaben bestimmter Computer- oder Software-Produkte unterwerfen müssen, um an der Informationsgesellschaft teilhaben zu können.

Die elektronische Weltgesellschaft benötigt offene Standards (bspw. bei Dokumentformaten, Signaturen, Softwareanwendungen). Nur sie ermöglichen den problemlosen technischen Austausch und den fairen Wettbewerb der kommerziellen Ausstatter. Beides hilft Kosten sparen.

5. Demokratische Kontrolle elektronischer Infrastrukturleistungen
Information und Kommunikation bedürfen einer verlässlichen, öffentlichen und demokratisch kontrollierten technischen Infrastruktur. Die Gefahr der Abhängigkeit von privaten Unternehmen muss ausgeschlossen werden. Die festgelegten Standards dürfen nicht zur Einschränkung nationaler Autonomie, föderaler Strukturen und regionaler Selbstverwaltung führen.

Die Rahmenbedingungen für öffentliche elektronische Dienstleistungen müssen definiert und gewährleistet werden. Dies ist auch auf internationaler Ebene zu leisten, bspw. bei den GATS-Verhandlungen, in denen die Rolle des Staates als Dienstleister weitgehend zur Disposition steht: Kulturelle und informationelle Produkte und Leistungen dürfen nicht wie andere materielle Produkte als Waren behandelt werden, sondern wesentlich als öffentliche Güter.

6. Datenschutz gewährleisten
In der (Welt-)Informationsgesellschaft muss Datensparsamkeit Grundsatz für den Umgang mit personenbezogenen Daten sein. Die Sicherstellung der Privatheit der Kommunikation ist eine Grundvoraussetzung der demokratischen Teilhabe und des Wettbewerbs. Der Schutz von Persönlichkeitsrechten muss auch und gerade in der vernetzten Welt gelten. Neue Möglichkeiten der Überwachung von Bürgerinnen und Bürgern, wie auch in der Arbeitswelt von Beschäftigten, müssen wirksam verhindert, das Erstellen von Nutzerprofilen ausgeschlossen werden.

7. Rechte in der elektronisch vernetzten Arbeitswelt
Der Schutz der Würde des Menschen, die freie Entfaltung der Persönlichkeit und das Gleichheitsgebot sind als individuelle Freiheitsrechte von großer Bedeutung auch in der Arbeitswelt.

Die Koalitionsfreiheit, das Grundrecht, sich in Gewerkschaften zu vereinigen, muss auch in einer elektronisch vernetzten Welt und unter veränderten, insbesondere dezentralisierten, Verhältnissen der Arbeitsorganisation gewährleistet sein. Zu ihrer Umsetzung bedarf es des Zugangs von Beschäftigten, Personal- und Betriebsräten sowie von Gewerkschaften zum Intranet und E-Mail-System der Verwaltungen und Betriebe sowie des freien und unzensierten Zugangs aller Beschäftigten zum Internet.

Demokratie darf nicht vor den Toren der Betriebe Halt machen. Die Welt-Informationsgesellschaft braucht die Mitbestimmung der Beschäftigten und ihrer betrieblichen Interessensvertretungen bei der Gestaltung ihrer Arbeitswelt.

Medienkompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ihr Erfahrungsschatz sind die wichtigste Ressource des Informationszeitalters.

Frank Bsirske ist Vorsitzender derVereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di.
Annette Mühlberg ist Leiterin des Referats eGovernment, Neue Medien, Verwaltungsmodernisierung beim ver.di Bundesvorstand und Vertreterin von ver.di auf dem World Summit on the Information Society (WSIS)

Erschienen bei gipfelthemen.de am 15.08.2003
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