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Annelie-M. Beer Datum:Monday, 19. November 2007
Von: Claudia Engelmann <cengelma AT googlemail.com>
An: redaktion@politik-digital.de
URL: http://www.dgvn.de/

Zweites Internet Governance Forum in Rio

(Artikel) Vom 12. -15. November 2007 fand das zweite Internet Governance Forum (IGF) in Rio de Janeiro statt. Im Mittelpunkt des Treffens standen neben der umstrittenen Verwaltung des Internets auch der Zugang zum Internet, die Öffentlichkeit und Sicherheit desselben sowie die Rolle des World Wide Web im Kampf gegen Armut.

In insgesamt 84 Veranstaltungen wurde über die Zukunft des Internets diskutiert. Wolfgang Kleinwächter, Netzordnungsexperte und Berater des IGF-Vorsitzenden Nitin Desai bezeichnete das diesjährige Forum als einen erheblichen Schritt vorwärts: „Es wurde sehr viel direkter zu Sachfragen diskutiert und auch die heiklen Themen wie die Aufsicht über die Verwaltung der kritischen Internetressourcen wurden nicht ausgeklammert.“

Die Einrichtung des IGF geht auf einen Streit über genau diese Fragen der Verwaltung und die Rolle der USA zurück, welche momentan die Oberaufsicht über das Netz innehaben. Bei dem Weltgipfel über die Informationsgesellschaft im Jahr 2002 hatten sich Regierungen damals auf dieses Format geeinigt, welches seitdem höchst umstritten ist.

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon unterstrich in seiner Auftakterklärung, dass die Vereinten Nationen nicht die Aufgabe hätten, das Internet zu verwalten. Das Forum biete allerdings die einzigartige Möglichkeit, das Internet global zugänglich zu machen. In diesem Sinne war es eine der zentralen Forderungen, den Internetzugang für die nächste Milliarde Menschen zu schaffen. Dies bekräftigte auch ICANN-Präsident Paul Twoomey: „Unsere Diskussionen sind völlig unbedeutend für jemanden, der das Internet nicht nutzen kann.“ Da sich ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) einer offenen und transparenten Arbeitsweise verschrieben habe, sei jeder – egal ob von der Regierung, aus der technischen Community, der Wirtschaft oder Zivilgesellschaft – eingeladen, sich persönlich oder virtuell an dem Treffen zu beteiligen. Die virtuelle Teilnahme wurde nicht nur durch den Webcast ermöglicht, sondern fand auch in Form zahlreicher Blogs, Emaildiskussionen und in Chatrooms statt. Vor Ort diskutierten rund 1700 Delegierte.

Der digitale Graben

Viele verschiedene Akteure am Diskussionsprozess zu beteiligen sei auch in Bezug auf den Zugang zum Internet ein wichtiges Thema. Zwar würden in dieser Frage Regierungen eine bedeutende Rolle spielen, aber eben nicht die Einzige: Sie müssten eng mit dem privaten Sektor, der Zivilgesellschaft und der Internetcommunity zusammenarbeiten. Der UN-Vizegeneralsekretär Sha Zukang betonte, dass Entwicklung stets eines der Hauptthemen während der Debatten zu Internet Governance gewesen ist. Das Internet sei in der Lage, wirtschaftliche Möglichkeiten für alle zu schaffen – auch wenn dieses Ziel noch lange nicht erreicht sei. Gleichzeitig würde das Internet eine essentielle Rolle in der Bildung spielen – ein weiterer Grund für die Notwendigkeit eines universellen Zugangs. Der digitale Graben ist einer der Faktoren für die stetig steigende globale Ungleichheit. Eine weltweite digitale Vernetzung hingegen würde zu einer Welt führen, die wesentlich fairer und gleicher ist. Sha Zukang ermutigte die Entwicklungsländer, ihre Bemühungen zu verstärken, den Menschen den Computer und das Internet nahezubringen. Die Teilnehmer tauschten sich über innovative Lösungen aus, zum Beispiel öffentlich-private Partnerschaften, die Zusammenarbeit mit Regierungen und Zivilgesellschaft, um den Zugang in ländlichen Regionen zu verbessern. Es wurde wiederholt betont, dass es für den Zugang zum Internet kein Allheilmittel gäbe; stattdessen müssten lokale Besonderheiten berücksichtigt und in den Prozess eingebunden werden.

Vielfalt

Während des Panels über Vielfalt wurde deutlich, dass der digitale Graben auch ein Bildungsgraben ist. Diskutiert wurde zum Beispiel die wichtige Rolle der kostenlosen und Open Source Software als ein Element, das Internet für viele Gruppen zugänglich zu machen.
Da eine Vielzahl von Sprachen und Kulturen im Internet präsent sei, müssten Mechanismen geschaffen werden, diese Diversität zu erhalten und zu fördern. Insbesondere die kleinen Sprachen sind durch das Internet bedroht. Konkrete Vorschläge drehten sich beispielsweise um die Einrichtung einer Arbeitsgruppe zu einem Global Compact on Languages – mit dem Ziel, an einer Lockerung der Copyright-Bestimmungen für lokale Sprachennutzung zu arbeiten. Vielfalt gibt es allerdings nicht nur hinsichtlich der Sprache, der Kultur oder der Medien, sondern auch bezüglich der Menschen – so müsse sichergestellt werden, dass alle Menschen Zugang zum Internet hätten und bestimmte Gruppen, wie Menschen mit Behinderung oder Immigranten, nicht davon ausgeschlossen sind.

Verwaltung des Internets

Die Verwaltung des Internets – konkret die Verwaltung der kritischen Internetressourcen wie Root Server, IP-Adressen und Domainnamen, ohne deren Verfügbarkeit das ganze Internet nicht funktionieren würde – war einer der wichtigsten und wahrscheinlich auch der umstrittenste Punkt auf der Tagesordnung. Portugals Minister für Wissenschaft, Technologie und Bildung sprach im Namen der EU davon, dass jene Organisationen, die das Internet unter Anleitung der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) verwalten würden, eine sehr große Akzeptanz innehätten. Dieses flexible und dynamische Modell wäre zwar verbesserungswürdig, sollte grundsätzlich aber beibehalten werden. Damit reagierte er auf die Kritik vieler Regierungsvertreter, unter anderem mehrerer Minister der brasilianischen Regierung, die wiederholt eine Alternative zur US-kontrollierten Internet-Verwaltung durch die ICANN gefordert hatten. Während einige Teilnehmer eine grundsätzliche Unabhängigkeit der ICANN von Regierungen forderten, unterstrichen andere die Notwendigkeit, Regierungen am Verwaltungsprozess zu beteiligen. Grundsätzlich begrüßten alle Teilnehmer die offene Diskussion dieses sensiblen Themas. Die Kooperation sei gewachsen und werde in Zukunft dazu beitragen, dass die Unstimmigkeiten beim Thema der kritischen Internetressourcen gemeinsam gelöst werden können.

Netzneutralität

Auch die Idee einer sogenannten Netzneutralität – die nichtdiskriminierte Datenübermittlung im Internet – wurde wiederholt angesprochen. Die italienischen Regierungsvertreter bekräftigten, dass die Zeit für eine Internet Bill of Rights, ein Art Bürgerrechtscharta, gekommen sei, die den unterschiedslosen Transport aller Daten – unabhängig von Quelle, Ziel, Dienst oder Inhalt – gewährleiste. Kiyoshi Mori, japanischer Vizeminister für Politikkoordination, nannte die fairen Nutzungsbedingungen als eine der wichtigsten Herausforderungen der kommenden Jahre.

Offenheit des Internets

Bei der Frage nach der Offenheit des Internets warfen mehrere Themen die Frage nach dem Gleichgewicht auf: Die Gegensätzlichkeit der beiden IPs – Intellektuelles Eigentum (Intelectuel Property) und Internetprotokol – sei kein wirklicher Zwiespalt, sondern vielmehr eine Chance und Herausforderung für zukünftige Kooperation.
Die Meinungsfreiheit einerseits und der Schutz der Privatsphäre andererseits war eines der zentralen Themen bei der Diskussion um die Offenheit es Internets. Die Diskussionsteilnehmer unterstrichen die Bedeutung der fundamentalen Freiheiten wie Meinungsfreiheit, Informationsfreiheit, festgehalten in Art. 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, ebenso wie in der Genfer Prinzipienerklärung und der Tunis Agenda für die Informationsgesellschaft. Das Bekenntnis zum Menschenrechtsschutz sollte kein Lippenbekenntnis bleiben, sondern in die tägliche Arbeit der Teilnehmer Eingang finden. Der Schutz der Menschenrechte sei nicht nur eine Verpflichtung der Regierungen, sondern auch der Privatwirtschaft und aller anderen Betroffenen.
Diskutiert wurden außerdem Fragen bezüglich der offenen Standards und der Open Source Software. Auf der Agenda stand außerdem die Frage des Einflusses von Monopolstellungen auf die Offenheit des Internets und die Meinungsfreiheit.

Sicherheit

Auch die Frage der Sicherheit des Internets war umstritten und multidimensional. Es gab keine grundsätzliche Übereinstimmung, was Sicherheit überhaupt bedeute – sei es nationale Sicherheit, Sicherheit für Firmen, Benutzer oder Netzwerksicherheit. Auch wenn die juristische Dimension in dieser Frage eine bedeutende ist, wiesen viele Teilnehmer darauf hin, dass nationale Gesetzgebung kein Allheilmittel sein kann. Zwar sei insbesondere die Harmonisierung der Internetgesetzgebung ein wichtiger und notwendiger Schritt, der Geist des Forums könne aber auch im Bereich Sicherheit durch Kooperation vor einer Überregulierung schützen.

Fazit

Über den Erfolg des zweiten Internet Governance Forums waren sich die Teilnehmer einig. Es sei insbesondere die Vielfalt der diskutierten Themen, die Fülle der Workshops und die Zahl und Vielfalt der Teilnehmer gewesen, die dieses Treffen zu einem Erfolg gemacht hat.
Im Vergleich zum ersten Treffen des Forums im letzten Jahr in Athen hat insbesondere bezüglich der kritischen Internetressourcen ein sehr offener und lösungsorientierter Dialog stattgefunden.
Das IGF kann keine verbindlichen Entscheidungen treffen und hat somit am letzten Plenumstag auch kein Verhandlungspapier präsentiert. Wolfgang Kleinwächter bezeichnete dies als eine der entscheidenden Stärken des Formats. Es sei sehr hilfreich, dass das Forum nicht unter dem Druck stehe, am Ende einen Konsens erzielen zu müssen. Das befreie und beflügele die Diskussion zu kontroversen Fragen. Laut Wolfgang Kleinwächter lägen die Schwerpunkte der zukünftigen Arbeit des Forums auf drei Themen:
1. Die nächste Milliarde Menschen online zu bringen,
2. Freiheit und Sicherheit für die Nutzer des Internet zu garantieren
und 3. die Verwaltung der Kernbereich des Internet weiter zu internationalisieren und zu demokratisieren

Das nächste Internet Governance Forum wird vom 8. bis 11. Dezember in Neu Delhi stattfinden.


Quellen: UN News http://www.un.org/News/; Heise Online http://www.heise.de/

Claudia Engelmann ist M.A. Absolventin in Konstanz. Zur Zeit macht sie einen Master in Rechtswissenschaft an der Universität Oxford und ist momentan Praktikantin bei der Deutschen Gesellschaft für Vereinte Nationen e.V. (DGVN).

Zuerst erschienen bei gipfelthemen.de am 07.11.2007
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