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Peter Filzmaier Datum: Wednesday, 03. November 2004
Von: Prof. Dr. Peter Filzmaier<peter.filzmaier@uibk.ac.at>
An: redaktion@politik-digital.de
URL: http://ulgpolbil.uibk.ac.at/per/fipe.htm

Soziomediale Inkompetenz durch das Internet?

Das Internet droht eine soziomediale Inkompetenz hervorzurufen, d.h. Bildung und soziale Beziehungen finden ohne unmittelbar persönliche Kontakte statt und durch nicht-personelle Kommunikation entsteht soziale Unfähigkeit. Im Internet als Bildungsmedium verfügbares Faktenwissen muss im gesellschaftlichen Alltag umgesetzt werden, obwohl im Gegensatz zum personellen Prozess des sozialen Lernens die Fähigkeiten dafür nicht vermittelt bzw. gefördert werden.

Aktuelle Initiativen der EU orientieren sich erstens am Aufbau einer technischen Infrastruktur und nur zweitens an der Vermittlung von Internet-Kompetenzen und Nutzungsqualifikationen in Bildungseinrichtungen, wobei das Hauptaugenmerk auf jugendliche Schüler gelegt wird. Ein Folgeeffekt der Fokussierung auf den Schulbereich und einer relativen Vernachlässigung der Erwachsenenbildung ist die Verschärfung der Altersunterschiede in der Internetnutzung und -kompetenz, weil gegenwärtig ungefähr 81 von 117 Millionen EU-Bürgern unter 25 Jahren schulische oder schulähnliche Einrichtungen besuchen und aufgrund ihres Status von "Arbeitnehmern der Zukunft" als net-generation gefördert werden. Die EU betont nachdrücklich eine Verknüpfung der Bildungsförderung im Internet-Bereich mit den Zielsetzungen der Europäischen Beschäftigungsstrategie, so daß ältere Bürger weniger von Förderungsmaßnahmen profitieren.

Das Internet ermöglicht informelles und selbstgesteuertes Lernen. Seine Nutzer lernen dadurch erstens, aktiv nach Wissen zu suchen. Zweitens wird gelernt, das Wissen auch im gesellschaftlichen Alltag anzuwenden. Drittens lernen Internet-Nutzer, selbstproduzierte Informationen als Anliegen über das mitzuteilen. Diese Fertigkeiten entsprechen Schlüsselqualifikationen für eine moderne Gesellschaft, welche sich durch eine starke Zivilgesellschaft auszeichnet.

Dir virtuelle Medienkompetenz ist jedoch abhängig von

· Technischen Voraussetzungen, sowie von
· der einfachen und kostengünstigen Verfügbarkeit bzw. Handhabbarkeit der Technikressourcen,
· der Motivation von Nutzern und dem subjektiv wahrgenommenen Nutzwert, und
· der fachlichen Kompetenz für die Mediennutzung.

Zu den technischen Voraussetzungen zählen die Infrastruktur für den Informationsaustausch (Leitungsnetz usw.). Für die Bevölkerung aller Länder müsste es auf breiter Basis möglich sein, privat und/oder beruflich Computer zu nutzen und mit Internet-Zugängen auszustatten. Gleichzeitig ist ein kollektives Bildungssystem auf Basis der Chancengleichheit Grundbedingung, um Fähigkeiten zu vermitteln, die eine Ausschöpfung des technischen und inhaltlichen Potentials des Internets für den Bildungsbereich ermöglichen. Individuelle Motivation und Nutzwert sowie eine umfassende Fachkompetenz (technology literacy) stehen in engem Zusammenhang, beinhalten aber auch folgende Komponenten, die in Deutschland bzw. Europa kaum und schon gar nicht weltweit allgemein vorhanden sind:

· Das Verständnis der Struktur und Funktionsformen des Internets, sowie ein kritisches Bewusstsein gegenüber Internet-Einflüssen auf Gesellschaft und Individuum.
· Fähigkeiten zur kritischen Analyse von durch Internet vermittelte Informationen (Quellenrecherche, Prüfung von Aktualität und Stellenwert, Kontrollmöglichkeiten für Richtigkeit usw.), um Gesetzmäßigkeiten des Internets und deren Einfluß auf Inhalte zu entschlüsseln.
· Fähigkeiten für eine effiziente Informationssuche und -auswahl.
· Fähigkeiten für eine Internet-Nutzung als Ausdruck persönlicher Meinungen, um anstatt passiven Konsums Politik aktiv zu gestalten.
· Soziale Beteiligung und Realbegegnungen, um Internet-Entwicklungen zu beeinflussen. Eine handlungsorientierte politische Bildungsarbeit in Österreich wird Internet-Nutzer motivieren müssen, Medien auch zu "machen".
· Entwicklung eines ethischen Grundkonsens für politische Internet-Einsätze.

Die technische Basis und das bloße Handhabungskönnen werden mittelfristig gegeben sein. Doch weist die Mehrheit der Internet-Nutzer aktuelle Defizite in den Bereichen Hintergrundwissen, Analyse- und Kritikfähigkeit und Selektionskompetenz auf. Aufgrund der technologischen Orientierung von Bildungsprogrammen werden solche Defizite nicht grundsätzlich beseitigt. Es drohen eine Klassenteilung informationsreicher und informationsarmer Gesellschaftsgruppen (social divide) und eine Trennung der Mehrheit von weitgehend "inkompetenten" und "unqualifizierten" Internet-Konsumenten und der Minderheit von hochgradig kompetenten Nutzern, die das Internet aktiv für politische Bildung, politisches Engagement und politische Partizipation nutzen (democratic divide).

Am Ende steht ein Paradoxon: Das Internet verfügt als technisches Werkzeug für die Vermittlung von Medieninhalten über das Potential für tiefgreifende Veränderungen der Medienerziehung/-pädagogik. Die politische Mündigkeit als Zugangsvoraussetzung, das Werkzeug sinnvoll anzuwenden, fehlt jedoch. Gleichzeitig soll eine solche Mündigkeit durch das Internet entstehen. Mit anderen Worten: Wir träumen von der Medienkompetenz für das Internet, die ein idealtypisches Modell der medialen Vermittlung sowohl entstehen lassen soll als auch durch das Modell hervorzubringen wäre. Das erhoffte Ergebnis wird auch vorausgesetzt. Peter Filzmaier ist Professor für Politikwissenschaft und Abteilungsleiter für Politische Bildung am Institut für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) der Universität Klagenfurt.

Peter Filzmaier ist Professor für Politikwissenschaft und Abteilungsleiter für Politische Bildung am Institut für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) der Universität Klagenfurt.

Erschienen bei gipfelthemen.de am 13.11.2003

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