Soziomediale Inkompetenz durch das Internet?
Das Internet droht eine soziomediale Inkompetenz hervorzurufen,
d.h. Bildung und soziale Beziehungen finden ohne unmittelbar
persönliche Kontakte statt und durch nicht-personelle Kommunikation
entsteht soziale Unfähigkeit. Im Internet als Bildungsmedium
verfügbares Faktenwissen muss im gesellschaftlichen Alltag
umgesetzt werden, obwohl im Gegensatz zum personellen Prozess
des sozialen Lernens die Fähigkeiten dafür nicht vermittelt
bzw. gefördert werden.
Aktuelle Initiativen der EU orientieren sich erstens am Aufbau
einer technischen Infrastruktur und nur zweitens an der Vermittlung
von Internet-Kompetenzen und Nutzungsqualifikationen in Bildungseinrichtungen,
wobei das Hauptaugenmerk auf jugendliche Schüler gelegt wird.
Ein Folgeeffekt der Fokussierung auf den Schulbereich und
einer relativen Vernachlässigung der Erwachsenenbildung ist
die Verschärfung der Altersunterschiede in der Internetnutzung
und -kompetenz, weil gegenwärtig ungefähr 81 von 117 Millionen
EU-Bürgern unter 25 Jahren schulische oder schulähnliche Einrichtungen
besuchen und aufgrund ihres Status von "Arbeitnehmern der
Zukunft" als net-generation gefördert werden. Die EU betont
nachdrücklich eine Verknüpfung der Bildungsförderung im Internet-Bereich
mit den Zielsetzungen der Europäischen Beschäftigungsstrategie,
so daß ältere Bürger weniger von Förderungsmaßnahmen profitieren.
Das Internet ermöglicht informelles und selbstgesteuertes
Lernen. Seine Nutzer lernen dadurch erstens, aktiv nach Wissen
zu suchen. Zweitens wird gelernt, das Wissen auch im gesellschaftlichen
Alltag anzuwenden. Drittens lernen Internet-Nutzer, selbstproduzierte
Informationen als Anliegen über das mitzuteilen. Diese Fertigkeiten
entsprechen Schlüsselqualifikationen für eine moderne Gesellschaft,
welche sich durch eine starke Zivilgesellschaft auszeichnet.
Dir virtuelle Medienkompetenz ist jedoch abhängig von
· Technischen Voraussetzungen, sowie von
· der einfachen und kostengünstigen Verfügbarkeit bzw. Handhabbarkeit
der Technikressourcen,
· der Motivation von Nutzern und dem subjektiv wahrgenommenen
Nutzwert, und
· der fachlichen Kompetenz für die Mediennutzung.
Zu den technischen Voraussetzungen zählen die Infrastruktur
für den Informationsaustausch (Leitungsnetz usw.). Für die
Bevölkerung aller Länder müsste es auf breiter Basis möglich
sein, privat und/oder beruflich Computer zu nutzen und mit
Internet-Zugängen auszustatten. Gleichzeitig ist ein kollektives
Bildungssystem auf Basis der Chancengleichheit Grundbedingung,
um Fähigkeiten zu vermitteln, die eine Ausschöpfung des technischen
und inhaltlichen Potentials des Internets für den Bildungsbereich
ermöglichen. Individuelle Motivation und Nutzwert sowie eine
umfassende Fachkompetenz (technology literacy) stehen in engem
Zusammenhang, beinhalten aber auch folgende Komponenten, die
in Deutschland bzw. Europa kaum und schon gar nicht weltweit
allgemein vorhanden sind:
· Das Verständnis der Struktur und Funktionsformen des Internets,
sowie ein kritisches Bewusstsein gegenüber Internet-Einflüssen
auf Gesellschaft und Individuum.
· Fähigkeiten zur kritischen Analyse von durch Internet vermittelte
Informationen (Quellenrecherche, Prüfung von Aktualität und
Stellenwert, Kontrollmöglichkeiten für Richtigkeit usw.),
um Gesetzmäßigkeiten des Internets und deren Einfluß auf Inhalte
zu entschlüsseln.
· Fähigkeiten für eine effiziente Informationssuche und -auswahl.
· Fähigkeiten für eine Internet-Nutzung als Ausdruck persönlicher
Meinungen, um anstatt passiven Konsums Politik aktiv zu gestalten.
· Soziale Beteiligung und Realbegegnungen, um Internet-Entwicklungen
zu beeinflussen. Eine handlungsorientierte politische Bildungsarbeit
in Österreich wird Internet-Nutzer motivieren müssen, Medien
auch zu "machen".
· Entwicklung eines ethischen Grundkonsens für politische
Internet-Einsätze.
Die technische Basis und das bloße Handhabungskönnen werden
mittelfristig gegeben sein. Doch weist die Mehrheit der Internet-Nutzer
aktuelle Defizite in den Bereichen Hintergrundwissen, Analyse-
und Kritikfähigkeit und Selektionskompetenz auf. Aufgrund
der technologischen Orientierung von Bildungsprogrammen werden
solche Defizite nicht grundsätzlich beseitigt. Es drohen eine
Klassenteilung informationsreicher und informationsarmer Gesellschaftsgruppen
(social divide) und eine Trennung der Mehrheit von weitgehend
"inkompetenten" und "unqualifizierten" Internet-Konsumenten
und der Minderheit von hochgradig kompetenten Nutzern, die
das Internet aktiv für politische Bildung, politisches Engagement
und politische Partizipation nutzen (democratic divide).
Am Ende steht ein Paradoxon: Das Internet verfügt als technisches
Werkzeug für die Vermittlung von Medieninhalten über das Potential
für tiefgreifende Veränderungen der Medienerziehung/-pädagogik.
Die politische Mündigkeit als Zugangsvoraussetzung, das Werkzeug
sinnvoll anzuwenden, fehlt jedoch. Gleichzeitig soll eine
solche Mündigkeit durch das Internet entstehen. Mit anderen
Worten: Wir träumen von der Medienkompetenz für das Internet,
die ein idealtypisches Modell der medialen Vermittlung sowohl
entstehen lassen soll als auch durch das Modell hervorzubringen
wäre. Das erhoffte Ergebnis wird auch vorausgesetzt. Peter
Filzmaier ist Professor für Politikwissenschaft und Abteilungsleiter
für Politische Bildung am Institut für Interdisziplinäre Forschung
und Fortbildung (IFF) der Universität Klagenfurt.
Peter Filzmaier ist Professor für Politikwissenschaft und Abteilungsleiter
für Politische Bildung am Institut für Interdisziplinäre Forschung
und Fortbildung (IFF) der Universität Klagenfurt.
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