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Peter Filzmaier Datum: Wednesday, 03. November 2004
Von: Prof. Dr. Peter Filzmaier<peter.filzmaier@uibk.ac.at>
An: redaktion@politik-digital.de
URL: http://ulgpolbil.uibk.ac.at/per/fipe.htm

(K)eine neue Medienkompetenz für das Internet?


Obwohl Medienkompetenz inzwischen zum westlichen Bildungsstandard gehört, driften die Meinungen darüber, was Medienkompetenz zu sein hat, auf internationaler und globaler Ebene auseinander, berichtet Peter Filzmaier, Universität Innsbruck.

Einerseits ist unbestritten, dass Medienkompetenz laut Ulrich Sarcinelli eine "Basisqualifikation in der demokratischen Schlüsselgesellschaft" darstellt und integraler Bestandteil moderner Bildungsarbeit ist. Andererseits ist es schwierig, einen nationalen und globalen Konsens für spezifische Kriterien der Kompetenz für einen politisch verantwortungsvollen Umgang mit auf dem Internet basierenden Technologien zu finden.

Der Erwerb von technischen Grundkenntnissen - siehe Boris Beckers "Ich bin drin! Hey, das ist ja einfach!" als Werbespruch eines Internet-Anbieters - und die Verinnerlichung von Fachbegriffen (oft in englischer Sprache) sind bereits eine Barriere, deren Überwinden aber noch keine Medienkompetenz begründet. In vielen Fällen sind Menschen durch die Informationsflut des Internets überfordert. Allein aufgrund der technischen Möglichkeiten eines Mediums entstehen weder das Fachwissen noch irgendwelche Qualifikationen der Nutzer, um das Medium gesellschaftlich bzw. gesellschaftspolitisch sinnvoll verwenden zu können. Es ist sehr zweifelhaft, inwiefern trotz weltweit exponentieller Wachstumsraten des Internets sich parallel dazu die Medienkompetenz erhöht.

Die Begriffe einer digitalen Klassengesellschaft (digital divide) und eines technischen Analphabetismus (techno-illiteracy) veranschaulichen Gefahren der Internetisierung ohne begleitende Medienerziehung. Als Schlussfolgerung von Statistiken über die Internetnutzung nach soziodemographischen Kriterien ergibt sich beispielsweise, dass global ältere Menschen unverändert weitgehend von einer Internet-Nutzung ausgeschlossen und mittelfristig potentielle information have nots - siehe unten - sind.

Die Differenzierung nach dem Alter ist noch tiefgreifender als Unterschiede nach dem formalen Bildungsgrad, obwohl auch dieser mit der Internetnutzung und Medienkompetenz positiv korreliert. Als These könnte folgen, dass Internet-Initiativen und (Aus-/Fort-)Bildungsprogramme für Erwachsene und für geringer Gebildete sowohl seltener als auch weniger erfolgreich sind.

Eine Verschärfung des Problems ergibt sich infolge der steigenden Diversität von Informationsangeboten - Internet, CD-ROM, Software usw. -, so dass trotz technischer Vereinfachung elitäre Gruppen im Vorteil sind, und universal services, d.h. staatliche Grundausstattungen für eine breite Bevölkerungsschicht, nur geringe Teile des Informationsangebots erfassen können. Konsequenz ist, dass sich die Wissenskluft (knowledge gap) zwischen informierten Gruppen und vom Informationsfluss Ausgeschlossenen verschärft.

Theoretisch kann via Internet als Medium jeder jedwede Information erhalten. Wissen kann unkompliziert und nahezu in Echtzeit bereitgestellt, verteilt und aufgenommen werden. Die Inhalte sind ständig und sehr schnell aktualisierbar. Das Informationsangebot des Internets kann für Bildungszwecke Archive, Bibliotheken, Materialsammlungen usw. vollständig aufnehmen, aber auch nach den Interessen einzelner Bürger selektieren (tailor-made information). Die Internet-Nutzer können sich in Eigeninitiative zielgerichtet informieren und sind nicht als passive Fernsehzuseher oder Zeitungsleser ohne Einfluss auf die Informationsauswahl.

Zugleich steigt ebenso theoretisch die Informationsvielfalt, weil vielfältige Quellen (etwa web sites von Zeitungen, Fernsehanstalten, Nachrichtenagenturen) mit geringem Aufwand und minimaler Zeitverzögerung abrufbar sind. Im Kostenvergleich mit Fernsehgeräten und dem Anschluss von Kabel- und/oder Satellitenanlagen sowie sogar mit mehreren Tageszeitungsabonnements und Büchern soll es in Zukunft günstiger sein, sich über das Internet zu informieren und zu bilden.

Die idealtypische Beschreibung solcher Positiveffekte verschleiert, dass insbesondere im Zusammenhang mit der globalen Verbreitung des Internets - aber auch in führenden Internetländern - die Mediennutzungskompetenz lediglich punktuell Thema der politischen Tagesordnung ist. Diesbezügliche Initiativen der Bildungsinstitutionen beschränken sich mehrheitlich auf die Vermittlung des technischen know how. Weder Wissenstand noch Kompetenzen für die Internet-Nutzung sind im internationalen Vergleich empirisch und theoretisch ausreichend analysiert. Technische Parameter- der Verbreitungsgrad des Internets usw. - lassen aber keine Aussagen über die Qualität der Anwendung zu.

Mögliche Negativfolgen sind u.a. die Verteilung von Scheinwissen, d.h. anstatt systematischer Bildungsangebote im Netz gibt es beispielsweise web sites politischer Institutionen im Broschürestil. Auf der offiziellen Seite des Weißen Hauses war jahrelang das Miauen der Katze von US-Präsident Clinton zu hören. Der deutsche Bundestag ist eine rühmliche Ausnahme, doch auf den Seiten vieler Volksvertretungen fallen zunächst Hochglanzbilder der Räumlichkeiten auf. Hier bieten auch umfangreiche Gesetzestexte keine wertvolle Ergänzung, denn quantitative Maßstäbe drängen die Frage nach der Qualität des Wissens in den Hintergrund.

Allgemein gibt es eine Grenze der Informations- und Wissensflut, die verträglich ist, ohne dass es zur Verweigerung kommt (How much information can a citizen bear?). Es ist kommunikationswissenschaftlich erwiesen, dass vergrößerte Informationsangebote nicht zu vermehrtem (politischen) Wissen und Verstehen führen. Orientierungs- und Entscheidungsfähigkeit steigen nicht linear zur Wissensquantität, sondern beruhen auf Bewertungskompetenz, so dass durch einen Informationsüberfluss im Internet die Meinungen und Entscheidungen seiner Nutzer keineswegs "richtiger" werden.

Internet-Nutzer sind nach dem bisherigen Erkenntnisstand folgerichtig überfordert, relevante Informationen, die für das soziale Urteilsvermögen benötigt werden, von unwichtigen Dingen zu trennen. Auch können durchschnittliche Nutzer mangels Medienkompetenz nicht die Seriosität von Quellen im Internet bewerten. Durch technische Abläufe wird eine Scheinobjektivität suggeriert, welche die Kritikfähigkeit reduziert. Zudem gibt es Thesen über eine gleichsam natürliche (sozialpsychologische) Passivität des Publikums, welche eine Nutzung der Interaktivität des Internets in der politischen Kommunikation reduziert.

Langfristige Konsequenz ist, dass das Internet zum Intranet wird, für welches vor allem in hochentwickelten Ländern Bürger mit formal höherem Bildungsgrad und insbesondere höherem Einkommen und höherer beruflicher Stellung die notwendige Medienkompetenz besitzen. Es kommt zur Spaltung in eine Klassengesellschaft von "usern" und "losern" oder "information haves/information rich" und "information have-nots/information poor".

Peter Filzmaier ist Professor für Politikwissenschaft und Abteilungsleiter für Politische Bildung am Institut für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) der Universität Klagenfurt.

Erschienen bei gipfelthemen.de am 13.11.2003

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