(K)eine neue Medienkompetenz für das Internet?
Obwohl Medienkompetenz inzwischen zum westlichen Bildungsstandard
gehört, driften die Meinungen darüber, was Medienkompetenz
zu sein hat, auf internationaler und globaler Ebene auseinander,
berichtet Peter
Filzmaier, Universität Innsbruck.
Einerseits ist unbestritten, dass Medienkompetenz laut Ulrich Sarcinelli eine "Basisqualifikation
in der demokratischen Schlüsselgesellschaft"
darstellt und integraler Bestandteil moderner Bildungsarbeit
ist. Andererseits ist es schwierig, einen nationalen und globalen
Konsens für spezifische Kriterien der Kompetenz für einen
politisch verantwortungsvollen Umgang mit auf dem Internet
basierenden Technologien zu finden.
Der Erwerb von technischen Grundkenntnissen - siehe Boris
Beckers "Ich bin drin! Hey, das ist ja einfach!" als Werbespruch
eines Internet-Anbieters - und die Verinnerlichung von Fachbegriffen
(oft in englischer Sprache) sind bereits eine Barriere, deren
Überwinden aber noch keine Medienkompetenz begründet. In vielen
Fällen sind Menschen durch die Informationsflut des Internets
überfordert. Allein aufgrund der technischen Möglichkeiten
eines Mediums entstehen weder das Fachwissen noch irgendwelche
Qualifikationen der Nutzer, um das Medium gesellschaftlich
bzw. gesellschaftspolitisch sinnvoll verwenden zu können.
Es ist sehr zweifelhaft, inwiefern trotz weltweit exponentieller
Wachstumsraten des Internets sich parallel dazu die Medienkompetenz
erhöht.
Die Begriffe einer digitalen Klassengesellschaft (digital
divide) und eines technischen Analphabetismus (techno-illiteracy)
veranschaulichen Gefahren der Internetisierung ohne begleitende
Medienerziehung. Als Schlussfolgerung von Statistiken über
die Internetnutzung nach soziodemographischen Kriterien ergibt
sich beispielsweise, dass global ältere Menschen unverändert
weitgehend von einer Internet-Nutzung ausgeschlossen und mittelfristig
potentielle information have nots - siehe unten - sind.
Die
Differenzierung nach dem Alter ist noch tiefgreifender als
Unterschiede nach dem formalen Bildungsgrad, obwohl auch dieser
mit der Internetnutzung und Medienkompetenz positiv korreliert.
Als These könnte folgen, dass Internet-Initiativen und (Aus-/Fort-)Bildungsprogramme
für Erwachsene und für geringer Gebildete sowohl seltener
als auch weniger erfolgreich sind.
Eine Verschärfung des Problems
ergibt sich infolge der steigenden Diversität von Informationsangeboten
- Internet, CD-ROM, Software usw. -, so dass trotz technischer
Vereinfachung elitäre Gruppen im Vorteil sind, und universal
services, d.h. staatliche Grundausstattungen für eine breite
Bevölkerungsschicht, nur geringe Teile des Informationsangebots
erfassen können. Konsequenz ist, dass sich die Wissenskluft
(knowledge gap) zwischen informierten Gruppen und vom Informationsfluss
Ausgeschlossenen verschärft.
Theoretisch kann via Internet
als Medium jeder jedwede Information erhalten. Wissen kann
unkompliziert und nahezu in Echtzeit bereitgestellt, verteilt
und aufgenommen werden. Die Inhalte sind ständig und sehr
schnell aktualisierbar. Das Informationsangebot des Internets
kann für Bildungszwecke Archive, Bibliotheken, Materialsammlungen
usw. vollständig aufnehmen, aber auch nach den Interessen
einzelner Bürger selektieren (tailor-made information). Die
Internet-Nutzer können sich in Eigeninitiative zielgerichtet
informieren und sind nicht als passive Fernsehzuseher oder
Zeitungsleser ohne Einfluss auf die Informationsauswahl.
Zugleich
steigt ebenso theoretisch die Informationsvielfalt, weil vielfältige
Quellen (etwa web sites von Zeitungen, Fernsehanstalten, Nachrichtenagenturen)
mit geringem Aufwand und minimaler Zeitverzögerung abrufbar
sind. Im Kostenvergleich mit Fernsehgeräten und dem Anschluss
von Kabel- und/oder Satellitenanlagen sowie sogar mit mehreren
Tageszeitungsabonnements und Büchern soll es in Zukunft günstiger
sein, sich über das Internet zu informieren und zu bilden.
Die idealtypische Beschreibung solcher Positiveffekte verschleiert,
dass insbesondere im Zusammenhang mit der globalen Verbreitung
des Internets - aber auch in führenden Internetländern - die
Mediennutzungskompetenz lediglich punktuell Thema der politischen
Tagesordnung ist. Diesbezügliche Initiativen der Bildungsinstitutionen
beschränken sich mehrheitlich auf die Vermittlung des technischen
know how. Weder Wissenstand noch Kompetenzen für die Internet-Nutzung
sind im internationalen Vergleich empirisch und theoretisch
ausreichend analysiert. Technische Parameter- der Verbreitungsgrad
des Internets usw. - lassen aber keine Aussagen über die Qualität
der Anwendung zu.
Mögliche Negativfolgen sind u.a. die Verteilung
von Scheinwissen, d.h. anstatt systematischer Bildungsangebote
im Netz gibt es beispielsweise web sites politischer Institutionen
im Broschürestil. Auf der offiziellen Seite des Weißen Hauses
war jahrelang das Miauen der Katze von US-Präsident Clinton
zu hören. Der deutsche Bundestag ist eine rühmliche Ausnahme,
doch auf den Seiten vieler Volksvertretungen fallen zunächst
Hochglanzbilder der Räumlichkeiten auf. Hier bieten auch umfangreiche
Gesetzestexte keine wertvolle Ergänzung, denn quantitative
Maßstäbe drängen die Frage nach der Qualität des Wissens in
den Hintergrund.
Allgemein gibt es eine Grenze der Informations-
und Wissensflut, die verträglich ist, ohne dass es zur Verweigerung
kommt (How much information can a citizen bear?). Es ist kommunikationswissenschaftlich
erwiesen, dass vergrößerte Informationsangebote nicht zu vermehrtem
(politischen) Wissen und Verstehen führen. Orientierungs-
und Entscheidungsfähigkeit steigen nicht linear zur Wissensquantität,
sondern beruhen auf Bewertungskompetenz, so dass durch einen
Informationsüberfluss im Internet die Meinungen und Entscheidungen
seiner Nutzer keineswegs "richtiger" werden.
Internet-Nutzer
sind nach dem bisherigen Erkenntnisstand folgerichtig überfordert,
relevante Informationen, die für das soziale Urteilsvermögen
benötigt werden, von unwichtigen Dingen zu trennen. Auch können
durchschnittliche Nutzer mangels Medienkompetenz nicht die
Seriosität von Quellen im Internet bewerten. Durch technische
Abläufe wird eine Scheinobjektivität suggeriert, welche die
Kritikfähigkeit reduziert. Zudem gibt es Thesen über eine
gleichsam natürliche (sozialpsychologische) Passivität des
Publikums, welche eine Nutzung der Interaktivität des Internets
in der politischen Kommunikation reduziert.
Langfristige Konsequenz
ist, dass das Internet zum Intranet wird, für welches vor
allem in hochentwickelten Ländern Bürger mit formal höherem
Bildungsgrad und insbesondere höherem Einkommen und höherer
beruflicher Stellung die notwendige Medienkompetenz besitzen.
Es kommt zur Spaltung in eine Klassengesellschaft von "usern"
und "losern" oder "information haves/information rich" und
"information have-nots/information poor".
Peter Filzmaier
ist Professor für Politikwissenschaft und Abteilungsleiter
für Politische Bildung am Institut für Interdisziplinäre Forschung
und Fortbildung (IFF) der Universität Klagenfurt.
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