Interkulturelle Medienkompetenz und Krisenkommunikation
Reflexionen über einen arabisch-westlichen Fernsehdialog
zum UN-Weltinformationsgipfel von Dr Oliver Hahn, Gastprofessor
für Kommunikationswissenschaft an der TU
Dresden und Research Fellow des
Wissenschaftszentrums für Internationalen Journalismus
(Erich-Brost-Institut) an der Universität Dortmund.
"We are overnewsed, but underinformed." In der Informationsgesellschaft
teilen viele Menschen den Eindruck, mit Nachrichten übersättigt,
aber deshalb nicht unbedingt besser informiert zu sein. Diesen
Eindruck verschärft der Aktualitätsfetischismus der Massenmedien,
besonders des Fernsehens, in der Berichterstattung über Terrorismus
und internationale Konflikte. Neue und relativ unabhängige
Informationskanäle der arabischen Medienwelt verändern die
Qualität der Krisen- und Kriegskommunikation des Fernsehwestens.
Anhand dieses Spannungsverhältnisses wir deutlich, wie
wichtig interkulturelle Medienkompetenz der Medienschaffenden
und Medienkonsumenten ist.
Seit den Terroranschlägen islamischer Extremisten vom 11.
September 2001 in den USA und den anschließenden Feldzügen
der Washingtoner Regierung mit ihren Verbündeten gegen so
genannte Schurkenstaaten vollzieht sich ein Strukturwandel
in der Krisenkommunikation internationaler Massenmedien. Westlichen
TV-Leitmedien treten arabische Fernsehdissidenten als neue
Referenzmedien im ökonomischen Kampf um Informationen gegenüber.
Beide Seiten vermitteln ihre eigenen kontextobjektiven Perspektiven,
die zu interkulturellen Störfällen führen können. Im Irak-Krieg
2003 warb beispielsweise der arabische Nachrichtensender Al-Jazeera
Satellite Channel in Doha/Qatar um die Gunst der Zuschauer
mit dem Versprechen zu zeigen, wo die Bomben der USA einschlagen,
während das amerikanische Nachrichtenfernsehen Cable
News Network (CNN) aus Atlanta/Georgia lediglich darüber
berichtet habe, von wo die Bomben abgeworfen würden. Der Konkurrenzkampf
um Einschaltquoten kommerzialisiert die Opferperspektive und
dämonisiert Täter-Televisionen.
Politische Medienökonomie und "Glokalisierung"
Al-Jazeera und CNN haben als privat-kommerzielle Sender durchaus
vergleichbare wirtschaftliche Karrieren gemacht. CNN machte
sich im Golfkrieg 1991 dank seiner Exklusivberichterstattung
"in Echtzeit" (Paul Virilio) aus dem Irak weltweit einen Namen.
Zuvor war CNN weitgehend unbekannt, einige US-Zuschauer verspotteten
es gar als ‚Chicken Noodle Network'. Al-Jazeera wurde erst
wegen der Ausstrahlung von Videobotschaften des mutmaßlichen
Terroristenführers Usama bin Ladin und seines Netzwerks Al-Qaida
sowie wegen seiner scoops über den US-Militäreinsatz gegen
die Taliban in Afghanistan 2001 in Folge der Anschläge vom
11. September international bekannt. Vor diesen Ereignissen
kannte kaum jemand außerhalb der arabischen Welt den seit
1996 sendenden Satellitenkanal Al-Jazeera (arabisch: ‚Die
Insel') aus dem Zwergemirat Qatar.
Seine Gründung ging auf einen Vorschlag des qatarischen Machthabers
Shaikh Hamad bin Khalifa al-Thani zurück, der nach der Einstellung
des arabischen TV-Dienstes der British
Broadcasting Corporation (BBC) dessen nunmehr arbeitslose
Journalisten rekrutierte und sie mit einem millionenschweren
Staatskredit ausstattete, um das erste politisch relativ unabhängige
Nachrichtenfernsehen der arabischen Medienwelt aufzubauen.
Bis zur Übernahme eines privaten Financiers oder bis zum geplanten
Börsengang unterhält zwar der Staat Qatar weiterhin die Infrastruktur
des auch werbetreibenden Senders. Allerdings untersteht Al-Jazeera
keiner Regierungsbehörde. Dies ist in weiten Teilen der arabischen
Welt ungewöhnlich, weil dort Informationsministerien die Medien
in der Regel direkt kontrollieren. Dennoch muss sich Al-Jazeera
die Frage nach seiner tatsächlichen Unabhängigkeit stellen
lassen: Viele arabische Zuschauer kritisieren, warum der Sender
Missstände in der gesamten arabischen und islamischen Welt
anprangert und somit Medien-Tabus bricht, aber kaum über die
Innenpolitik seiner Heimat Qatar berichtet.
Wegen seiner relativen politischen Unabhängigkeit ist Al-Jazeera
an Kritik von allen Seiten gewöhnt: von arabischen Nachbarregierungen,
Israel, den USA und ihren Verbündeten genauso wie von westlichen
Medien. Dennoch kooperieren viele von ihnen - darunter auch
das Zweite Deutsche
Fernsehen (ZDF) - mit Al-Jazeera und übernehmen Teile
seines Programms. Der Erfolg von Al-Jazeera hat bereits zur
Gründung vergleichbarer, konkurrierender Fernsehstationen
in den Vereinigten Arabischen Emiraten geführt: Nunmehr senden
Al-Arabiya und CNBC
Arabiya der US-Senderkette Cable National Broadcasting
Company aus der Wirtschaftsmetropole Dubai sowie Abu Dhabi
TV der Emirates
Media aus der Hauptstadt der V.A.E.
Im Rahmen einer "Glokalisierung" (Roland Robertson), also
einer Anpassungsstrategie global operierender (Medien-) Unternehmen
an regionale und lokale Absatzmärkte, versuchen neue arabische
wie westliche TV-Nachrichtensender gleichermaßen, zusätzliche
Zielpublika außerhalb des eigenen Kultur- und Sprachraums
zu gewinnen. Um dieses Ziel einer Gewinnmaximierung zu erreichen,
wollen sie zusätzlich zu ihren global verbreiteten arabischen
oder englischen Sprachraum- bzw. Lingua franca-Fernsehprogrammen
Medieninhalte in der jeweils anderen Sprache auf den Markt
bringen. So bietet Al-Jazeera seit Frühjahr 2003 auch englische
Internetseiten, die während des Irak-Kriegs für kurze
Zeit einem Angriff von kriegsbefürwortenden US-Hackern zum
Opfer fielen. Mittelfristig will Al-Jazeera nach eigenen Angaben
ein englisches Fernsehprogramm senden. Im Gegenzug hat CNN
Medienberichten zufolge bereits ein Konzept für eine arabische
Programmversion in der Schublade.
Freilich weicht die neue Generation des arabischen Nachrichtenfernsehens
das weltweite Monopol westlicher Konkurrenz in der Berichterstattung
über Konflikte im Nahen und Mittleren Osten auf. Allein in
der Berichterstattung des deutschen Fernsehens über den Irak-Krieg
2003 waren die meist genutzten externen Informationsquellen
arabische Sender wie Al-Jazeera, Abu Dhabi TV und Al-Arabiya,
wie eine unlängst in der Fachzeitschrift Media
Perspektiven veröffentlichte Studie des Kölner
Instituts für empirische Medienforschung (IFEM) belegt.
Kulturkontext und Kontextobjektivität
Die Nutzung und Weiterverbreitung, Einordnung und Bewertung
von Informationen besonders aus Massenmedien fremder Kultur-
und Sprachräume setzt genaue Kenntnisse über eben jene voraus.
Mit anderen Worten: Ohne interkulturelle Medienkompetenz der
Medienschaffenden und Medienkonsumenten sind interkulturelle
Missverständnisse, ja Störfälle vorprogrammiert. Denn dass
sich weltweit Kulturen/Zivilisationen in ihren Kommunikationssystemen
tendenziell voneinander unterscheiden, zugleich aber stets
miteinander in Kontakt treten, ist seit der frühen interkulturellen
Kommunikationsforschung von Edward T. Hall bekannt. Er schulte
künftige US-Diplomaten (und später auch Unternehmensmanager)
für ihr Auftreten im Ausland in einem Foreign
Service Institute, das im Rahmen des 1946 vom US-Kongress
verabschiedeten Gesetzes Foreign Service Act zur Reform des
auswärtigen Dienstes eingerichtet worden war.
In der Individual- wie in der Massenkommunikation ist jede
Information der anthropologischen Erkenntnis Halls zufolge
kulturell konditioniert. Die Bedeutung einer Information ist
nicht per se eindeutig; sie entsteht erst durch ihren kulturellen
Kontext. Deshalb kann die Bedeutung einer einzigen Information
von Kulturkontext zu Kulturkontext erheblich variieren. Verschiedene
Kulturkontexte und Kommunikationssysteme setzen den Massenmedien
unterschiedliche Rahmenbedingungen. Folglich operieren auch
das neue arabische und das westliche Nachrichtenfernsehen
nicht in hermetisch abgeriegelten Kulturräumen, sondern in
ihren jeweiligen Kulturkontexten und mit ihren eigenen Kommunikationssystemen
ihrer Zielpublika. Daher unterscheiden sich besonders in der
Krisenkommunikation auch ihre Perspektiven. Ihre unterschiedlichen
Sichtweisen können - auch vor dem Hintergrund des (wissenschaftlichen)
Diskurses über vermeintliche Objektivität im Journalismus
- immer nur bezogen auf den jeweiligen Kulturkontext der Zielpublika
objektiv genannt werden.
Diese so genannte Kontextobjektivität kann im öffentlichen
Krisendialog zwischen der arabischen und westlichen Medienwelt
interkulturelle Störfälle verursachen. Die meisten von ihnen
entstehen nach Befunden der Interkulturalitätsforschung durch
Kommunikationsstörungen in kulturellen und politischen Machtverhältnissen.
Ein solches kommunikatives Dilemma ist auch die kulturelle
Definitionsmacht über das Phänomen internationaler Terrorismus.
Was die eine Seite als Terrorismus bezeichnet, nennt die andere
womöglich Freiheitskampf. Was TV-Nachrichtensender des Westens,
sprich: der USA als ‚Krieg gegen den Terrorismus' bezeichnen,
heißt in der Berichterstattung neuer arabischer Informationskanäle
etwa ‚US-Krieg gegen den so genannten Terrorismus'.
Ferner entstehen interkulturelle Störfälle auf Grund fehlerhafter
Übersetzungsäquivalenzen in der Nachrichtensprache. In der
Nahost-Berichterstattung bezeichnet Al-Jazeera beispielsweise
palästinensische Selbstmordattentäter in Israel mit demselben
arabischen Wort für Todesopfer in gewaltsamen Konflikten als
‚shahid', ‚shuhada' (Pl.), was ‚hingeschieden', aber auch
‚Märtyrer' bedeutet. Dieser Begriff wird in der westlichen
Welt als parteiergreifend für die palästinensische Sache verstanden.
Dagegen übernimmt beispielsweise CNN häufig Euphemismen der
Streitkräfte und bezeichnet die Politik von Anschlägen der
israelischen Armee auf mutmaßliche palästinensische Terroristen
als ‚target killings' (‚gezielte Tötungen'), statt sie korrekter
‚assassination' (‚Mord') zu nennen.
Oft werfen sich neue arabische und westliche TV-Nachrichtensender
wegen dieser interkulturellen Störfälle in der Krisenkommunikation
gegenseitig Propaganda vor. Die Hintergründe derartiger Vorwürfe
besser zu verstehen und zu relativieren, ist ein wichtiges
Lernziel in der Ausbildung interkultureller Medienkompetenz
von Medienschaffenden und Medienkonsumenten.
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