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Miriam Meckel Datum:Wednesday, 03. November 2004
Von: Miriam Meckel <miriam.meckel@stk.nrw.de>
An: redaktion@politik-digital.de
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"Medienkompetenz" als Standortfaktor?

Beherrschen wir das Internet, oder beherrscht das Netz uns? Wie wichtig die Disziplin Medienkompetenz wird, berichtet Frau Prof. Dr. Miriam Meckel, Staatssekretärin für Europa, Internationales und Medien in NRW.

I.
Medienkompetenz brauchen heute auch die Menschen, die über Medienentwicklung reden wollen. Denn in diesem Themenfeld haben wir es mit wilden Begriffskonstruktionen zu tun. Die „Informationsgesellschaft“ ist beispielsweise seit mittlerweile vierzig Jahren Gegenstand wissenschaftlicher Diskurse und öffentlicher Diskussionen. Auf dem UNO-Weltgipfel zur Informationsgesellschaft im Dezember diesen Jahres wird es also keineswegs um ein neues Thema gehen. Es gibt weitere „Bindestrich-Gesellschaften“, Schlagworte, hinter denen sich unterschiedliche soziologische Kategorisierungen verbergen, die aber Ähnliches meinen. Ein Kern all dieser Schlagwörter ist die Erkenntnis, dass die Gesellschaft immer differenzierter, spezialisierter und komplexer wird – wesentlich bedingt durch den massiven Zuwachs und die Verbreitung von Information. In der Wirtschaft stellen wir einen Wandel von der reinen Verarbeitung von Rohstoffen zur postindustriellen Produktion von Wissen fest. Dabei spielen die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien (IuK) eine zentrale Rolle.

Im Mittelpunkt der Technologiediskussion steht das Internet, das Netz – inzwischen ein Begriff, der in „unübersehbarer Konkurrenz zu Gesellschaft, Institutionen, Territorien, zu gedrucktem Wort, zum Buch als Speicher und Imaginationsmaschine, zum Nationalen Fernsehsender oder zu nationaler Kultur“ steht (M. Faßler). Die Querschnittstechnologie des Internet rangiert stellvertretend für eine zunehmende Kommunikation, Digitalisierung und Globalisierung.

IuK-Technologien wecken zugleich Hoffnungen wie Zweifel: Sie gelten einerseits als Motor für globales Wirtschaftswachstum, als Potenzial für mehr Demokratie und als schier grenzenloses Verbreitungs-, Archivierungs- und Speichermedium. Auf der anderen Seite aber vermehrt sich die Skepsis mit Blick auf die tatsächliche Partizipationsstruktur (Digital Divide), die Datensicherheit/Netzkriminalität und die unüberschaubare Informationsfülle.

II.
„Sturmwarnung im Datenozean“, titelte vor einiger Zeit die Süddeutsche Zeitung und zitierte eine Studie der University of California, nach der heute nur noch 0,3 Prozent der Informationen in Papierform dokumentiert werden. Der Rest fließt über die weltweiten digitalen Übertragungswege. Eine weitere Studie der australischen Queensland University basiert auf einer Befragung von Managern nach ihrem Empfinden bei der täglichen Bewältigung von Informationen. Jeder Zweite gab an, nicht im Stande zu sein, alle Fakten zu verarbeiten, ein Drittel betrachtete sich gar als „Opfer von Informations-Ohnmacht“.

Vor diesem Hintergrund rückt der individuelle Umgang mit den Neuen Medien zunehmend in den Fokus: Wie viele Menschen verfügen überhaupt über entsprechende technische Zugangsmöglichkeiten? Und – mindestens genauso wichtig: Wie können Menschen befähigt werden, optimalen Nutzen aus den Technologien zu ziehen, um nicht in der Datenflut zu "ertrinken"? Diese Aspekte führen zu den Schlagwörtern „Digital Divide“ und „Medienkompetenz“, die – genau wie der Begriff „Informationsgesellschaft“ – in ihren Dimensionen häufig verkürzt und variantenreich dargestellt werden.

Medienkompetenz berührt alle gesellschaftlichen Bereiche wie z. B. Bildung, Wirtschaft oder Recht. Und – ein Allgemeinplatz: Die Erlangung von Medienkompetenz wird in der komplexen Welt der Informationsgesellschaft ebenfalls komplizierter. Jedes zusätzliche, technisch hochspezialisierte Medium verlangt dem Nutzer auch erweiterte Fähigkeiten ab. „21st Century Literacy“ umfasst also technologische (Nutzung Neuer Medien), kreative (eigene Produktion und Angebot von Inhalten für Neue Medien), soziale (Einschätzung der gesellschaftlichen Folgen Neuer Medien) und Informations-Kompetenz (Fähigkeit, Informationen zu sammeln, zu selektieren, aufzubereiten).

III.
Für die Politik respektive den Staat muss die Medienkompetenz der BürgerInnen daher ein zentrales Anliegen sein: Medienkompetenz ist in der Informationsgesellschaft ein Wirtschafts- und Standortfaktor. Im Sinne des Umgangs mit modernen IuK-Technologien wird sie zunehmend den Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben gleichgesetzt. Wenn Staaten und Regionen hier ein „gap“ aufweisen, sind ihre Möglichkeiten, von der Knowledge Economy zu profitieren, stark eingeschränkt.

Somit steht die Politik vor zwei Aufgaben: erstens auf möglichst breiter Ebene technische Zugänge zu schaffen, zweitens Wege anzubieten, den Umgang mit den neuen Technologien auf allen Ebenen zu schulen. Mit diesem Anspruch sind sehr vielschichtige Handlungsnotwendigkeiten verbunden. Sie reichen von Regulierungsfragen über den gesamten Bildungs- und Forschungsbereich hin zu Strategien, wie die heterogenen Bevölkerungsgruppen möglichst optimal an den Angeboten teilhaben können.

IV.
Der Digital Divide – die Teilung in „Onliner“ und „Offliner“ – zeigt sich dabei besonders dramatisch in der globalen Perspektive: Der weltweite digitale Graben mag sich an manchen Stellen schließen, an anderen reißt er weiter auf. Die Probleme betreffen einerseits den technischen Zugang, andererseits die für den Umgang mit Computer und World Wide Web entscheidenden Fähigkeiten wie zuallererst die Lese- und Schreibkompetenz. Laut Human Development Report können allein in den Entwicklungsländern etwa 854 Mio. Menschen – davon ein großer Teil Frauen – nicht lesen und schreiben. Dabei sind solche Grundkenntnisse unumgängliche Voraussetzung, um die Potenziale des Internet tatsächlich ausschöpfen und auf die Ressource Wissen in der digitalen Welt zugreifen zu können. Auch die PISA-Studie hat gezeigt: Lesen ist die Basis-Kompetenz und Voraussetzung für alles andere.

Seit einigen Jahren versuchen unterschiedlichste Akteure, Entwicklungs- und Schwellenländer im Bereich Medienkompetenz zu unterstützen. Individuell zugeschnittene Best-Practice-Modelle zeigen, dass mancherorts geringer Aufwand zu großem Erfolg führen kann.

Im Vergleich mit anderen Industrienationen gehört Deutschland zu den Ländern, in denen rund 50 Prozent der Bevölkerung offline sind – im Gegensatz etwa zu den weit niedrigeren Zahlen in Skandinavien und den USA. Die Gründe für die Nichtnutzung haben mit Bildung und Geschlecht, Alter und Einkommen, genauso aber mit persönlicher Motivation zu tun.

V.
Auch in Nordrhein-Westfalen liegt der Anteil der Offliner bei ca. 50 Prozent. Um ihnen den Einstieg zu erleichtern oder auch erst zu ermöglichen, unterstützt die nordrhein-westfälische Landesregierung eine Vielzahl von Initiativen, die ganz unterschiedliche Zielgruppen haben und speziell auf deren Bedürfnisse abgestimmt sind. Als Leitprojekt verknüpft dabei das Medienkompetenz-Netzwerk NRW mekonet Projekte, Initiativen und Einrichtungen, die über Medienkompetenz informieren, Qualifizierungen anbieten, einzelne Zielgruppen fördern oder zum Zugang zu Neuen Medien verhelfen.

Medienkompetenz ist ein Standortfaktor, der nicht nur von Relevanz für die IT-Wirtschaft ist. Die moderne Arbeitswelt des Knowledge Worker (Peter F. Drucker) setzt den sicheren Umgang mit IuK-Technologien voraus. Aus der Sicht von politischen Verantwortungsträgern gehört eine möglichst breit angelegte Medienkompetenz-Strategie daher zu den wichtigsten Aufgaben, um BürgerInnen und Unternehmen im Wettbewerb zu unterstützen.

Erschienen bei gipfelthemen.de am 28.08.2003

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