"Medienkompetenz"
als Standortfaktor?
Beherrschen
wir das Internet, oder beherrscht das Netz uns? Wie wichtig
die Disziplin Medienkompetenz wird, berichtet Frau
Prof. Dr. Miriam Meckel, Staatssekretärin für
Europa, Internationales und Medien in NRW.
I.
Medienkompetenz brauchen heute auch die Menschen, die über
Medienentwicklung reden wollen. Denn in diesem Themenfeld
haben wir es mit wilden Begriffskonstruktionen zu tun. Die
„Informationsgesellschaft“ ist beispielsweise
seit mittlerweile vierzig Jahren Gegenstand wissenschaftlicher
Diskurse und öffentlicher Diskussionen. Auf dem UNO-Weltgipfel
zur Informationsgesellschaft im Dezember diesen Jahres wird
es also keineswegs um ein neues Thema gehen. Es gibt weitere
„Bindestrich-Gesellschaften“, Schlagworte, hinter
denen sich unterschiedliche soziologische Kategorisierungen
verbergen, die aber Ähnliches meinen. Ein Kern all dieser
Schlagwörter ist die Erkenntnis, dass die Gesellschaft
immer differenzierter, spezialisierter und komplexer wird
– wesentlich bedingt durch den massiven Zuwachs und
die Verbreitung von Information. In der Wirtschaft stellen
wir einen Wandel von der reinen Verarbeitung von Rohstoffen
zur postindustriellen Produktion von Wissen fest. Dabei spielen
die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien
(IuK) eine zentrale Rolle.
Im Mittelpunkt
der Technologiediskussion steht das Internet, das Netz –
inzwischen ein Begriff, der in „unübersehbarer
Konkurrenz zu Gesellschaft, Institutionen, Territorien, zu
gedrucktem Wort, zum Buch als Speicher und Imaginationsmaschine,
zum Nationalen Fernsehsender oder zu nationaler Kultur“
steht (M. Faßler). Die Querschnittstechnologie des Internet
rangiert stellvertretend für eine zunehmende Kommunikation,
Digitalisierung und Globalisierung.
IuK-Technologien
wecken zugleich Hoffnungen wie Zweifel: Sie gelten einerseits
als Motor für globales Wirtschaftswachstum, als Potenzial
für mehr Demokratie und als schier grenzenloses Verbreitungs-,
Archivierungs- und Speichermedium. Auf der anderen Seite aber
vermehrt sich die Skepsis mit Blick auf die tatsächliche
Partizipationsstruktur (Digital Divide), die Datensicherheit/Netzkriminalität
und die unüberschaubare Informationsfülle.
II.
„Sturmwarnung
im Datenozean“, titelte vor einiger Zeit die Süddeutsche
Zeitung und zitierte eine Studie der University of California,
nach der heute nur noch 0,3 Prozent der Informationen in Papierform
dokumentiert werden. Der Rest fließt über die weltweiten
digitalen Übertragungswege. Eine weitere Studie der australischen
Queensland University basiert auf einer Befragung von Managern
nach ihrem Empfinden bei der täglichen Bewältigung
von Informationen. Jeder Zweite gab an, nicht im Stande zu
sein, alle Fakten zu verarbeiten, ein Drittel betrachtete
sich gar als „Opfer von Informations-Ohnmacht“.
Vor diesem Hintergrund rückt der individuelle Umgang
mit den Neuen Medien zunehmend in den Fokus: Wie viele Menschen
verfügen überhaupt über entsprechende technische
Zugangsmöglichkeiten? Und – mindestens genauso
wichtig: Wie können Menschen befähigt werden, optimalen
Nutzen aus den Technologien zu ziehen, um nicht in der Datenflut
zu "ertrinken"? Diese Aspekte führen zu den
Schlagwörtern „Digital Divide“ und „Medienkompetenz“,
die – genau wie der Begriff „Informationsgesellschaft“
– in ihren Dimensionen häufig verkürzt und
variantenreich dargestellt werden.
Medienkompetenz
berührt alle gesellschaftlichen Bereiche wie z. B. Bildung,
Wirtschaft oder Recht. Und – ein Allgemeinplatz: Die
Erlangung von Medienkompetenz wird in der komplexen Welt der
Informationsgesellschaft ebenfalls komplizierter. Jedes zusätzliche,
technisch hochspezialisierte Medium verlangt dem Nutzer auch
erweiterte Fähigkeiten ab. „21st
Century Literacy“ umfasst also technologische (Nutzung
Neuer Medien), kreative (eigene Produktion und Angebot von
Inhalten für Neue Medien), soziale (Einschätzung
der gesellschaftlichen Folgen Neuer Medien) und Informations-Kompetenz
(Fähigkeit, Informationen zu sammeln, zu selektieren,
aufzubereiten).
III.
Für die Politik respektive den Staat muss die Medienkompetenz
der BürgerInnen daher ein zentrales Anliegen sein: Medienkompetenz
ist in der Informationsgesellschaft ein Wirtschafts- und Standortfaktor.
Im Sinne des Umgangs mit modernen IuK-Technologien wird sie
zunehmend den Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben gleichgesetzt.
Wenn Staaten und Regionen hier ein „gap“ aufweisen,
sind ihre Möglichkeiten, von der Knowledge Economy zu
profitieren, stark eingeschränkt.
Somit
steht die Politik vor zwei Aufgaben: erstens auf möglichst
breiter Ebene technische Zugänge zu schaffen, zweitens
Wege anzubieten, den Umgang mit den neuen Technologien auf
allen Ebenen zu schulen. Mit diesem Anspruch sind sehr vielschichtige
Handlungsnotwendigkeiten verbunden. Sie reichen von Regulierungsfragen
über den gesamten Bildungs- und Forschungsbereich hin
zu Strategien, wie die heterogenen Bevölkerungsgruppen
möglichst optimal an den Angeboten teilhaben können.
IV.
Der Digital Divide – die Teilung in „Onliner“
und „Offliner“ – zeigt sich dabei besonders
dramatisch in der globalen Perspektive: Der weltweite digitale
Graben mag sich an manchen Stellen schließen, an anderen
reißt er weiter auf. Die Probleme betreffen einerseits
den technischen Zugang, andererseits die für den Umgang
mit Computer und World Wide Web entscheidenden Fähigkeiten
wie zuallererst die Lese- und Schreibkompetenz. Laut
Human Development Report können allein in den Entwicklungsländern
etwa 854 Mio. Menschen – davon ein großer Teil
Frauen – nicht lesen und schreiben. Dabei sind solche
Grundkenntnisse unumgängliche Voraussetzung, um die Potenziale
des Internet tatsächlich ausschöpfen und auf die
Ressource Wissen in der digitalen Welt zugreifen zu können.
Auch die
PISA-Studie hat gezeigt: Lesen ist die Basis-Kompetenz
und Voraussetzung für alles andere.
Seit einigen
Jahren versuchen unterschiedlichste Akteure, Entwicklungs-
und Schwellenländer im Bereich Medienkompetenz zu unterstützen.
Individuell zugeschnittene Best-Practice-Modelle zeigen, dass
mancherorts geringer Aufwand zu großem Erfolg führen
kann.
Im Vergleich
mit anderen Industrienationen gehört Deutschland zu den
Ländern, in denen rund 50 Prozent der Bevölkerung
offline sind – im Gegensatz etwa zu den weit niedrigeren
Zahlen in Skandinavien und den USA. Die Gründe für
die Nichtnutzung haben mit Bildung und Geschlecht, Alter und
Einkommen, genauso aber mit persönlicher Motivation zu
tun.
V.
Auch in Nordrhein-Westfalen liegt der Anteil der Offliner
bei ca. 50
Prozent. Um ihnen den Einstieg zu erleichtern oder auch
erst zu ermöglichen, unterstützt die nordrhein-westfälische
Landesregierung eine Vielzahl von Initiativen, die ganz unterschiedliche
Zielgruppen haben und speziell auf deren Bedürfnisse
abgestimmt sind. Als Leitprojekt verknüpft dabei das
Medienkompetenz-Netzwerk NRW mekonet
Projekte, Initiativen und Einrichtungen, die über Medienkompetenz
informieren, Qualifizierungen anbieten, einzelne Zielgruppen
fördern oder zum Zugang zu Neuen Medien verhelfen.
Medienkompetenz
ist ein Standortfaktor, der nicht nur von Relevanz für
die IT-Wirtschaft ist. Die moderne Arbeitswelt des Knowledge
Worker (Peter F. Drucker) setzt den sicheren Umgang mit
IuK-Technologien voraus. Aus der Sicht von politischen Verantwortungsträgern
gehört eine möglichst breit angelegte Medienkompetenz-Strategie
daher zu den wichtigsten Aufgaben, um BürgerInnen und
Unternehmen im Wettbewerb zu unterstützen.
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