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Medien & Kompetenz
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Harald Gapski Datum:Wednesday, 03. November 2004
Von: Harald Gapski <gapski@ecmc.de>
An: redaktion@politik-digital.de
URL:  

Medienkompetente Netzwerke - zwischen Bildung, Wirtschaft, Politik, Recht und Technik

"Um zu nachhaltigen gesellschaftspolitischen Strategien der Förderung von Medienkompetenz zu gelangen, müssen heterogene Netzwerke aufgebaut werden", betont Dr. Harald Gapski, Leiter der Projektentwicklung bei der ecmc, Europäisches Zentrum für Medienkompetenz GmbH, und Secretary des European Experts' Network for Education and Technology e.V.

In unserer globalisierten Gesellschaft, die sich in hohem Maße in medial gestützten Kommunikationsprozessen beobachtet und organisiert, rufen viele gesellschaftliche Stimmen nach mehr Medienkompetenz. Zu diesen zählen längst nicht nur pädagogische Diskurse:

Der medienmündige Mensch
Der pädagogische Diskurs versteht Medienkompetenz als individuell verankerte Fähigkeit, die normativ begründet und alterspezifisch differenziert wird. Medienkompetenz wird häufig als Teil einer umfassenden Handlungskompetenz und kommunikativen Kompetenz verstanden. Immer dann, wenn dieser pädagogische Medienkompetenz-Begriff, etwa unter dem Diffusionsdruck der Neuen Medien zu instrumentell und zu technisch wird, gewinnt die normative Referenz Mensch oder das aufklärerische Menschenbild an Bedeutung: Hier geht es um Mündigkeit, Selbstbestimmung und Emanzipation.

Das medienkompetente Humankapital
Der wirtschaftliche Diskurs begreift Medienkompetenz als Produktions- und Standortfaktor. Gegenüber klassischen Qualifikationen bieten Kompetenzen die Möglichkeiten der flexiblen Selbstanpassung, der Selbstorganisation an den wirtschaftlichen Wandel. Kompetenzen sollten idealer Weise messbar sein, damit sie als betriebswirtschaftliche Größe der Human Resources behandelt und in das Wissensmanagement eines Unternehmens integriert werden können. Medienkompetenz gilt als Lösung gegen den IT-Skills-Gap der IT-Wirtschaft auf der Anbieterseite. Doch die Halbwertszeiten dieser instrumentellen Kompetenzen sind angesichts der dynamischen technischen Entwicklung nur kurz.

Der medienbegeisterte Konsument
Auf der Nachfrageseite der Medienwirtschaft und damit auch auf der Seite der Medienwirtschaftspolitik sind ablehnende Einstellungen und Vorurteile für die zukünftige Marktentwicklung in der Informationsgesellschaft nicht förderlich. Medienkompetenz gilt als Akzeptanzfaktor auf dem Weg zur Marktentwicklung in der Informationsgesellschaft. Entsprechende wirtschaftliche Imperative, die Druck auf gesellschafts- und bildungspolitische Entscheidungsprozesse haben und die Akzeptanz Neuer Medien erhöhen sollen, sind sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene aufzeigbar.

Der (de-)regulierende Mediennutzer
Im rechtlichen Diskurs bedeutet "Medienkompetenz" einerseits die Zuständigkeit in Fragen der Medienregulierung. Individuell gewendet, liefert dieser Begriff eine Option der Verlagerung von Regulierungsproblemen angesichts neuer Medienentwicklungen vom Rechtssystem auf das Bildungssystem. In Zeiten vernetzter globaler Medienkonzerne kann der Ruf nach mehr Selbstverantwortung und Medienkompetenz auf Seiten der Rezipienten auch als Effekt medienrechtlicher Steuerungsprobleme gesehen werden. Da Medienordnungen und nationale Steuerungsmechanismen keine ausreichenden Lösungskonzepte mehr vorschlagen können, wird nun das medienkompetente Individuum verstärkt in die Verantwortung genommen. Insofern verweist Medienkompetenz einerseits auf eine sinnvolle Ergänzung zur öffentlich-rechtlichen Medienregulierung und andererseits auf ein Krisensymptom der Medienrechtspolitik, die in Zeiten deregulierter globaler Medienentwicklungen nicht mehr steuernd einwirken kann.

Der mediendemokratische Bürger
Im gesellschaftspolitischen Diskurs gilt Medienkompetenz als ein Parameter zur Minderung verschiedener "Gaps" und "Digital Divides": Chancengleichheit und Schließung von gesellschaftlichen Klüften sind wichtige gesellschaftspolitische Zielvorstellungen. Medienkompetenz kann in diesem Diskurs als Teil einer Demokratiekompetenz verstanden werden, die zum Erhalt einer kritischen Öffentlichkeit in der Mediengesellschaft von hoher Bedeutung ist.

Die medienkompetente Technik
Die technischen Innovationszyklen werden immer kürzer. Damit folgen auch gesellschaftliche Resonanzeffekte in immer kürzeren Abständen. Die zukünftigen Systeme der IT-Technik koppeln menschliche und technische Informationsverarbeitung noch enger zusammen als wir es ohnehin schon von den traditionellen Medien kennen. In Zukunft werden "künstliche Agenten" und "intelligente Medienassistenten" die Medienkompetenz des Nutzers weiter steigern, wodurch die Förderung von Medienkompetenz zu einer Herausforderung für das Systemdesign wird.

Konsequenz: Netzwerke aufbauen und Dialoge gestalten
Die individuellen Fassungen von Medienkompetenz, im Sinne der Fähig- und Fertigkeit des Individuums, effektiv, selbstbestimmt und kritisch mit Medien umgehen zu können, fügen sich in die jeweiligen Diskurse von Wirtschaft, Bildung, Politik und Recht. Sie verdecken dabei eine Vielzahl komplexer und verschiedenartiger Problembezüge: Das medienkritische Individuum und der im Medienumgang "fit gemachte" Einzelne ist insbesondere in den Massenmedien "griffiger" darzustellen als der Versuch, eine Beschreibungsebene zu finden, die sich auf parallele und vernetzte individuelle sowie soziale und technische Informations- bzw. Kommunikationsprozesse bezieht.

Daher sollten Strategien der Förderung von Medienkompetenz Verschiebungen wie die folgenden berücksichtigen:

1. Von der individuell gebundenen Medienkompetenz zu einem Konzept, das Individuen und soziale Systeme (z.B. Institutionen, Organisationen und Unternehmen) gleichermaßen als Träger von Medienkompetenz beschreibt.
2. Von der fremdgesteuerten "Vermittlung von Medienkompetenz" zu einer selbstorganisierten "Medienkompetenzentwicklung" als einem wechselseitigen Prozess, der Individuen und soziale Systeme gleichermaßen betrifft.
3. Von pädagogischen Theorien über Medienkompetenz zu interdisziplinären Konzepten, welche der wechselseitigen Beeinflussung von Mensch, Technik, Organisation und Gesellschaft verstärkt Rechnung tragen.
4. Von der Pendelbewegung zwischen Enthusiasmus und Enttäuschung über ein aktuell neues Medium zu einer ambivalenten, kritischen Auseinandersetzung über das jeweils sinnvollste Medium zur Zielerreichung.
5. Von einer bestimmten tradierten Wertebasis eines gesellschaftlichen Bereichs, wie z.B. pädagogische Werte der Mündigkeit und der Autonomie, zu einem wertepluralistischen Dialog unter Einbeziehung der relevanten Diskurse.
6. Von der in institutionalisierten Säulen verfestigten Förderung von Medienkompetenz zu offenen Netzwerken, die Medienkompetenz unter Einbeziehung unterschiedlicher Zielgruppen und Gesellschaftsbereiche entwickeln z.B. mekonet, das Medienkompetenz-Netzwerk in NRW.
7. Von isolierten kommunikativen Monokulturen der Medienkompetenz zu Aushandlungsverfahren, - etwa Runde Tische - unter Beteiligung unterschiedlicher öffentlicher und privater Akteure der unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereiche.

 

Erschienen bei gipfelthemen.de am 05.11.2003

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