Medienkompetente Netzwerke - zwischen Bildung,
Wirtschaft, Politik, Recht und Technik
"Um zu nachhaltigen gesellschaftspolitischen Strategien
der Förderung von Medienkompetenz zu gelangen, müssen heterogene
Netzwerke aufgebaut werden", betont Dr. Harald Gapski,
Leiter der Projektentwicklung bei der ecmc, Europäisches
Zentrum für Medienkompetenz GmbH, und Secretary
des European Experts' Network for Education and Technology
e.V.
In unserer globalisierten Gesellschaft, die sich in hohem
Maße in medial gestützten Kommunikationsprozessen beobachtet
und organisiert, rufen viele gesellschaftliche Stimmen nach
mehr Medienkompetenz. Zu diesen zählen längst nicht nur pädagogische
Diskurse:
Der medienmündige Mensch
Der pädagogische Diskurs versteht Medienkompetenz als individuell
verankerte Fähigkeit, die normativ begründet und alterspezifisch
differenziert wird. Medienkompetenz wird häufig als Teil einer
umfassenden Handlungskompetenz und kommunikativen Kompetenz
verstanden. Immer dann, wenn dieser pädagogische Medienkompetenz-Begriff,
etwa unter dem Diffusionsdruck der Neuen Medien zu instrumentell
und zu technisch wird, gewinnt die normative Referenz Mensch
oder das aufklärerische Menschenbild an Bedeutung: Hier geht
es um Mündigkeit, Selbstbestimmung und Emanzipation.
Das medienkompetente Humankapital
Der wirtschaftliche Diskurs begreift Medienkompetenz als Produktions-
und Standortfaktor. Gegenüber klassischen Qualifikationen
bieten Kompetenzen die Möglichkeiten der flexiblen Selbstanpassung,
der Selbstorganisation an den wirtschaftlichen Wandel. Kompetenzen
sollten idealer Weise messbar sein, damit sie als betriebswirtschaftliche
Größe der Human Resources behandelt und in das Wissensmanagement
eines Unternehmens integriert werden können. Medienkompetenz
gilt als Lösung gegen den IT-Skills-Gap der IT-Wirtschaft
auf der Anbieterseite. Doch die Halbwertszeiten dieser instrumentellen
Kompetenzen sind angesichts der dynamischen technischen Entwicklung
nur kurz.
Der medienbegeisterte Konsument
Auf der Nachfrageseite der Medienwirtschaft und damit auch
auf der Seite der Medienwirtschaftspolitik sind ablehnende
Einstellungen und Vorurteile für die zukünftige Marktentwicklung
in der Informationsgesellschaft nicht förderlich. Medienkompetenz
gilt als Akzeptanzfaktor auf dem Weg zur Marktentwicklung
in der Informationsgesellschaft. Entsprechende wirtschaftliche
Imperative, die Druck auf gesellschafts- und bildungspolitische
Entscheidungsprozesse haben und die Akzeptanz Neuer Medien
erhöhen sollen, sind sowohl auf nationaler als auch internationaler
Ebene aufzeigbar.
Der (de-)regulierende Mediennutzer
Im rechtlichen Diskurs bedeutet "Medienkompetenz" einerseits
die Zuständigkeit in Fragen der Medienregulierung. Individuell
gewendet, liefert dieser Begriff eine Option der Verlagerung
von Regulierungsproblemen angesichts neuer Medienentwicklungen
vom Rechtssystem auf das Bildungssystem. In Zeiten vernetzter
globaler Medienkonzerne kann der Ruf nach mehr Selbstverantwortung
und Medienkompetenz auf Seiten der Rezipienten auch als Effekt
medienrechtlicher Steuerungsprobleme gesehen werden. Da Medienordnungen
und nationale Steuerungsmechanismen keine ausreichenden Lösungskonzepte
mehr vorschlagen können, wird nun das medienkompetente Individuum
verstärkt in die Verantwortung genommen. Insofern verweist
Medienkompetenz einerseits auf eine sinnvolle Ergänzung zur
öffentlich-rechtlichen Medienregulierung und andererseits
auf ein Krisensymptom der Medienrechtspolitik, die in Zeiten
deregulierter globaler Medienentwicklungen nicht mehr steuernd
einwirken kann.
Der mediendemokratische Bürger
Im gesellschaftspolitischen Diskurs gilt Medienkompetenz als
ein Parameter zur Minderung verschiedener "Gaps" und "Digital
Divides": Chancengleichheit und Schließung von gesellschaftlichen
Klüften sind wichtige gesellschaftspolitische Zielvorstellungen.
Medienkompetenz kann in diesem Diskurs als Teil einer Demokratiekompetenz
verstanden werden, die zum Erhalt einer kritischen Öffentlichkeit
in der Mediengesellschaft von hoher Bedeutung ist.
Die medienkompetente Technik
Die technischen Innovationszyklen werden immer kürzer. Damit
folgen auch gesellschaftliche Resonanzeffekte in immer kürzeren
Abständen. Die zukünftigen Systeme der IT-Technik koppeln
menschliche und technische Informationsverarbeitung noch enger
zusammen als wir es ohnehin schon von den traditionellen Medien
kennen. In Zukunft werden "künstliche Agenten" und "intelligente
Medienassistenten" die Medienkompetenz des Nutzers weiter
steigern, wodurch die Förderung von Medienkompetenz zu einer
Herausforderung für das Systemdesign wird.
Konsequenz: Netzwerke aufbauen und Dialoge gestalten
Die individuellen Fassungen von Medienkompetenz, im Sinne
der Fähig- und Fertigkeit des Individuums, effektiv, selbstbestimmt
und kritisch mit Medien umgehen zu können, fügen sich in die
jeweiligen Diskurse von Wirtschaft, Bildung, Politik und Recht.
Sie verdecken dabei eine Vielzahl komplexer und verschiedenartiger
Problembezüge: Das medienkritische Individuum und der im Medienumgang
"fit gemachte" Einzelne ist insbesondere in den Massenmedien
"griffiger" darzustellen als der Versuch, eine Beschreibungsebene
zu finden, die sich auf parallele und vernetzte individuelle
sowie soziale und technische Informations- bzw. Kommunikationsprozesse
bezieht.
Daher sollten Strategien der Förderung von Medienkompetenz
Verschiebungen wie die folgenden berücksichtigen:
1. Von der individuell gebundenen Medienkompetenz zu einem
Konzept, das Individuen und soziale Systeme (z.B. Institutionen,
Organisationen und Unternehmen) gleichermaßen als Träger von
Medienkompetenz beschreibt.
2. Von der fremdgesteuerten "Vermittlung von Medienkompetenz"
zu einer selbstorganisierten "Medienkompetenzentwicklung"
als einem wechselseitigen Prozess, der Individuen und soziale
Systeme gleichermaßen betrifft.
3. Von pädagogischen Theorien über Medienkompetenz zu interdisziplinären
Konzepten, welche der wechselseitigen Beeinflussung von Mensch,
Technik, Organisation und Gesellschaft verstärkt Rechnung
tragen. 4. Von der Pendelbewegung zwischen Enthusiasmus und
Enttäuschung über ein aktuell neues Medium zu einer ambivalenten,
kritischen Auseinandersetzung über das jeweils sinnvollste
Medium zur Zielerreichung.
5. Von einer bestimmten tradierten Wertebasis eines gesellschaftlichen
Bereichs, wie z.B. pädagogische Werte der Mündigkeit und der
Autonomie, zu einem wertepluralistischen Dialog unter Einbeziehung
der relevanten Diskurse.
6. Von der in institutionalisierten Säulen verfestigten Förderung
von Medienkompetenz zu offenen Netzwerken, die Medienkompetenz
unter Einbeziehung unterschiedlicher Zielgruppen und Gesellschaftsbereiche
entwickeln z.B. mekonet,
das Medienkompetenz-Netzwerk in NRW.
7. Von isolierten kommunikativen Monokulturen der Medienkompetenz
zu Aushandlungsverfahren, - etwa Runde Tische - unter Beteiligung
unterschiedlicher öffentlicher und privater Akteure der unterschiedlichen
gesellschaftlichen Bereiche.
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