"Digitale
Spaltung. Informationsgesellschaft im neuen Jahrtausend –
Trends und Entwicklungen"
Buchrezension von
Benjamin Burkhardt
Wird
die Digitalisierung unsere Gesellschaftsstruktur komplett
verändern? Ist das Internet ein demokratisches oder ein
totalitäres Medium? Wer profitiert vom globalen Datennetz?
„Solche technischen Fragen sind gegenwärtig die
politisch interessanten“, meinte der Philosoph Vilém
Flusser bereits vor nahezu 20 Jahren.
Bis heute bleibt Flussers These aktuell: Beispielhaft dafür
steht die nur scheinbar nebensächliche Teilung der Gesellschaft
in „Onliner“ und „Offliner“, die sich
mittlerweile zu einer höchst problematischen sozialen
Spaltung auszuwachsen droht. Mit den Ursachen und Folgen dieser
Problemlage beschäftigte sich die Baden-Badener Sommerakademie
2002, die von der SWR-Medienforschung, der Landeszentrale
für politische Bildung Baden-Württemberg, der Medien-
und Filmgesellschaft Baden-Württemberg sowie der Alcatel
SEL Stiftung für Kommunikationsforschung ausgerichtet
wurde. Nun ist bei VISTAS unter dem Titel „Digitale
Spaltung“ der zugehörige Sammelband erschienen.
Die zumeist lesenswerten 80 Seiten liefern kritische Analysen,
normative Konzepte, Fallbeispiele aus der Praxis und empirisch
erhobene Daten rund um die Internet-Nutzung der Deutschen.
Der "klassische" User ist männlich, finanziell
gut situiert und gebildet
Diese wissenschaftlichen
Befunde machen schnell klar: Das Internet ist noch immer ein
Elite-Medium. Weite Teile der Gesellschaft wollen oder können
das Datenuniversum nicht für ihre Zwecke nutzen - typische
User sind (nicht nur) in Deutschland männlich, finanziell
gut situiert und gebildet. Die sozialen bzw. ökonomischen
Vorteile dieser ohnehin schon privilegierten Minderheit wachsen
durch die „digitale Spaltung“ weiter.
Allerdings sind einige der ausführlichen Grafiken und
Zahlenkolonnen, die insbesondere Walter Klingler und seine
Kolleginnen von der SWR-Medienforschung im längsten Beitrag
des Bandes aufführen, unterdessen schon ziemlich veraltet.
So wird etwa die Medien-Bindung der Deutschen nur für
das Jahr 2000 angegeben. Die meisten Erhebungen sind jedoch
auf den Zeitraum 1997 bis 2002 bezogen und damit auch im Sommer
2003 noch einigermaßen aufschlussreich.
Beispielsweise hat sich in den analysierten Jahren die Zahl
der Online-NutzerInnen in Deutschland von 4,1 Millionen auf
28,3 Millionen erhöht. Anzumerken ist, dass dies trotz
der gewaltigen Steigerung gerade einmal 44,1 Prozent der mindestens
14-Jährigen waren. Auf der anderen Seite der „digitalen
Kluft“ standen noch immer mehr als die Hälfte der
Deutschen.
Die staatliche Internet-Politik sollte engagierter
sein
Der Chefredakteur des Online-Magazins Telepolis, Florian Rötzer,
wird in seinem einleitenden Essay nicht müde zu betonen,
dass das „Internet für alle“ (wie Herbert
Kubicek es in seinem Beitrag anpeilt) ohnehin noch längst
nicht die automatische Lösung aller weltweiten Web-Probleme
nach sich zöge: „Die drei primären Kulturtechniken,
nämlich Lesen, Schreiben und Rechnen, und vermutlich
noch die überaus entscheidenden Kulturtechniken der kognitiven
Neugier und Wachheit, einer einigermaßen andauernden
Konzentrationsfähigkeit und einer gewissen Frustrationstoleranz,
sind unabdingbare Voraussetzungen dafür, die neuen Informations-
und Kommunikationstechniken wirklich ausnutzen zu können."
Rötzers
Urteil über die staatliche Internet-Politik fällt
dabei ebenso vernichtend aus wie das von Dieter Klumpp, seines
Zeichens Geschäftsführer der Alcatel SEL Stiftung
für Kommunikationsforschung.
Klumpp hält die Einrichtung temporärer Public-Private-Agenturen
zum Vorantreiben digitaler Innovationen für sinnvoll.
Zugleich merkt er resignativ an: „Beim Stichwort Agenturen’
denkt der schlanke Staat’ wegen seiner leeren Kassen
derzeit eher an Werbe-Agenturen, die das bisher Erreichte
in Hochglanzbroschüren unter die Leute bringen.“
Praktische Ansätze zur Überwindung der "digitalen
Spaltung" verheißen Positiveres
Solch düsteren Analysen stehen die praktischen Ansätze
zur Überwindung der „digitalen Spaltung“
gegenüber, von denen Herbert Kubicek oder auch Claus
Hoffmann berichten. Kubicek ist Professor für Angewandte
Informatik mit dem Schwerpunkt Informationsmanagement und
Telekommunikation an der Universität Bremen. In seinem
Aufsatz beschreibt er die Bemühungen des Netzwerks „Digitale
Chancen“, das beispielsweise eine Datenbank der Internetzugänge-
und Lernorte in Deutschland aufgebaut hat.
Hoffmann wiederum arbeitet für die Medien- und Filmgesellschaft
Baden-Württemberg. Dort leitet er den Bereich „Bildung/Veranstaltungen“.
In seinem kurzen Beitrag erläutert er das „start
und klick!“-Programm der Landesstiftung Baden-Württemberg,
das seit September 2001 Computer- und Internetkenntnisse unter
das Volk bringt. Jährlich finden Tausende Kurse statt,
bis zu 130.000 Personen lernen dabei den Umgang mit den Neuen
Medien.
Gleich,
ob sie sich nun mit „eGovernment“, mit „Info-Channeling“
oder mit den zu erwartenden Auswirkungen der technischen Entwicklung
auf das Bildungs-System beschäftigen – insgesamt
vermitteln alle acht Beiträge des Sammelbandes den Eindruck,
dass die Frage nach dem Internet-Zugang „für alle“
enormen gesellschaftlichen Sprengstoff in sich birgt.
Um es noch einmal mit Vilém Flusser zu sagen: „Wer
[…] ‚politisch’ im Sinne der hergebrachten
Kategorien denkt und etwa meint, daß Technik politisch
neutral sei, geht an der gegenwärtigen Kulturrevolution
vorbei.“
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