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Update: Wednesday, 03. November 2004, 19:29:21 +0100
Von: Richard Fuchs<richard-fuchs@web.de>
An:redaktion@politik-digital.de
URL: www.richard-fuchs.com

„Man wird sich nur von dem Gedanken verabschieden müssen, dass die virtuelle Universität die reale Universität ersetzen kann.“

Das Projekt „Virtuelle Hochschule Oberrhein“(VIROR) geht zu Ende – Ein Abschlussbericht aus dem Virtuellen Seminarraum in Freiburg.

Das Seminar „Politik und Medien“ an der Universität Freiburg trifft sich an diesem Sommertag in einer kleinen Schwarzwaldhütte am Rande des Schauinsland Berges. Das Blockseminar dient der Zusammenfassung und Bewertung des gelernten Stoffes. Das Besondere: Obwohl die Teilnehmer ein ganzes Semester miteinander studiert, kommuniziert und gesprochen haben, treffen sie sich hier oft das erste Mal persönlich. Der Grund: Das Seminar verlief bis zu diesem Punkt rein virtuell.

Virtueller Schwarzwald
Als Teil des im Juni 2003 zu Ende gehenden Gesamtprojektes „Virtuelle Hochschule Oberrhein“ (VIROR) war das erklärte Ziel des Seminars, „Studieren unabhängig von Ort und Zeit zu ermöglichen“, sagt Alexander Müller, Projektleiter in Freiburg und Organisator des Hüttenwochenendes. Während des Semesters bezogen die Teilnehmer des Kurses ihre Lehr- und Lernmaterialien ausschließlich über eine Lernplattform der Universität. Hier konnten einmal in der Woche die zu lesenden Texte heruntergeladen werden. Zum besseren Verständnis gab es fünf inhaltliche Sinneinheiten. Themen wie Symbolische Politik oder Medieneinfluss auf Wahlkämpfe in den USA und Deutschland bildeten eine Brücke zwischen inhaltlicher und praktischer Beschäftigung mit Medien und Politik. Einmal die Woche wurde in moderierten und unmoderierten Chats debattiert und um die aktuellen Themen gerungen. Ein Diskussionsforum stand zur Verfügung, um Ergebnisse und Thesen aufzunehmen. Auch Leistungsnachweise erfolgten, und zwar per Email in Form von eingesandten Kurzessays und Hausarbeiten.

Medienkompetent und flexibel
In der Abschlussrunde des Blockseminars waren die sozialwissenschaftlichen Studenten dann vor allem von der örtlichen und zeitlichen Flexibilität beim Zugriff auf die Lesematerialen begeistert. Nicht auf die Öffnungszeiten der Uni-Bibliothek angewiesen zu sein, und statt Freitag Nachmittag am Kopierer zu verbringen, einfach ein Download des Lesestoffs vom heimischen Schreibtisch. Das kam bei den meisten Studenten gut an. Für weitere Begeisterung sorgte die Verbesserung der eigenen praktischen Medienkompetenz, ebenfalls Grundanliegen des Seminar-Konzepts. So konnten die meisten Studenten am Ende sicher die Lernplattform bedienen. Auch das „Wie“ beim richtigen Chatten konnten einige auf der Habenseite ihres Seminarerfolgs verbuchen. Sogar Verbesserungsvorschläge gab es hier und da für die flexiblere Gestaltung der virtuellen Lernoberfläche. Für Alexander Müller war darüber hinaus klar, dass auch die im Berufsleben heute so wichtigen „soft-skills“ durch das Seminar geschult werden. „Man steigert mit Sicherheit seine Selbstdisziplin, wenn man das Seminar erfolgreich abschließen möchte.“

Virtuelle Schlamperei
Kritischere Töne kamen von jenen, die mit technischen Problemen zu kämpfen hatten. Ein alter Computer oder ein langsames Modem machten so manchem Chat oder einen Download schon vor Beginn zum Alptraum. Zusätzlich verursachten Motivationsprobleme oder mangelnde Organisation der Studenten oft Chats mit schleppender oder chaotischer Debatte, wenig oberhalb des „Cafeteria-Niveaus“. Häufig fielen Chat-Diskussionen mangels Beteiligung ganz aus. Auch im Forum konnte man einen richtigen Schwung nicht erkennen. Und wenn, dann wurde es nur in den seltensten Fällen richtig genutzt. Die Ursache sieht Seminarleiter Müller auch im Bereich der sozialen Kontakte, die in einem Online-Seminar nur schwer geknüpft werden können. „Die face-to-face Kommunikation hat einfach viele Vorteile, auf die die Mehrzahl der Studierenden (noch) nicht verzichten möchten, oder auch können“.

Studenten als Gewinner
Dennoch sind in den Augen von Müller hauptsächlich Studenten die Gewinner von virtuellen Seminaren wie VIROR, bietet diese Form der Lehre doch die Freiheit, die „traditionelle Anwesenheit im Hörsaal“ hinter sich zu lassen. Für Seminarleiter wie Alexander Müller bedeutet dies allerdings, vor Seminarbeginn Lehrmaterial zu digitalisieren und auf der Lernplattform bereit zu stellen. „Neben dem Know-How zur Konzeption virtueller Lehr- und Lerneinheiten, ist auch die Kommunikation via Chat, Forum und Email keine Selbstverständlichkeit“. Für ihn gehört ein gewisser „Idealismus“ dazu, um trotz des hohen Betreuungsaufwandes, an virtuellen Seminaren fest zu halten.

Virtuell in Zukunft?
Und wie geht es weiter mit den praktischen Erfahrungen, die das VIROR Projekt zweifelsfrei für den Lehrbetrieb der Uni geliefert hat? Hier sieht Alexander Müller eher pessimistisch in die Zukunft. „Leider liegt es jetzt an den Fakultäten diese Ansätze umzusetzen und in ihren Fachrichtungen zu etablieren. Das wird wohl zum größten Teil mangels Personal- und Technik scheitern“. So ist er sich sicher, dass die virtuelle Universität eine schöne neue Fiktion bleiben wird. Fest überzeugt dagegen ist er, dass online unterstützte Seminare in Zukunft eine „sinnvolle und nützliche Ergänzung“ im Angebot der Universitäten sein können.
Online Sprechstunden oder Digitale Bibliotheken können hier nur ein erster Schritt sein. Gespannt darf man aber sein, wie die fehlende Mimik und Gestik im persönlichen Seminargespräch jemals ersetzt werden kann durch eine – wenn auch gut funktionierende – Computer-Oberfläche.

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