„Man
wird sich nur von dem Gedanken verabschieden müssen,
dass die virtuelle Universität die reale Universität
ersetzen kann.“
Das Projekt „Virtuelle Hochschule
Oberrhein“(VIROR) geht zu Ende – Ein Abschlussbericht
aus dem Virtuellen Seminarraum in Freiburg.
Das Seminar
„Politik und Medien“ an der Universität Freiburg
trifft sich an diesem Sommertag in einer kleinen Schwarzwaldhütte
am Rande des Schauinsland Berges. Das Blockseminar dient der
Zusammenfassung und Bewertung des gelernten Stoffes. Das Besondere:
Obwohl die Teilnehmer ein ganzes Semester miteinander studiert,
kommuniziert und gesprochen haben, treffen sie sich hier oft
das erste Mal persönlich. Der Grund: Das Seminar verlief
bis zu diesem Punkt rein virtuell.
Virtueller Schwarzwald
Als Teil des im Juni 2003 zu Ende gehenden Gesamtprojektes
„Virtuelle Hochschule Oberrhein“ (VIROR) war das
erklärte Ziel des Seminars, „Studieren unabhängig
von Ort und Zeit zu ermöglichen“, sagt Alexander
Müller, Projektleiter in Freiburg und Organisator des
Hüttenwochenendes. Während des Semesters bezogen
die Teilnehmer des Kurses ihre Lehr- und Lernmaterialien ausschließlich
über eine Lernplattform der Universität. Hier konnten
einmal in der Woche die zu lesenden Texte heruntergeladen
werden. Zum besseren Verständnis gab es fünf inhaltliche
Sinneinheiten. Themen wie Symbolische Politik oder Medieneinfluss
auf Wahlkämpfe in den USA und Deutschland bildeten eine
Brücke zwischen inhaltlicher und praktischer Beschäftigung
mit Medien und Politik. Einmal die Woche wurde in moderierten
und unmoderierten Chats debattiert und um die aktuellen Themen
gerungen. Ein Diskussionsforum stand zur Verfügung, um
Ergebnisse und Thesen aufzunehmen. Auch Leistungsnachweise
erfolgten, und zwar per Email in Form von eingesandten Kurzessays
und Hausarbeiten.
Medienkompetent und flexibel
In der Abschlussrunde des Blockseminars waren die sozialwissenschaftlichen
Studenten dann vor allem von der örtlichen und zeitlichen
Flexibilität beim Zugriff auf die Lesematerialen begeistert.
Nicht auf die Öffnungszeiten der Uni-Bibliothek angewiesen
zu sein, und statt Freitag Nachmittag am Kopierer zu verbringen,
einfach ein Download des Lesestoffs vom heimischen Schreibtisch.
Das kam bei den meisten Studenten gut an. Für weitere
Begeisterung sorgte die Verbesserung der eigenen praktischen
Medienkompetenz, ebenfalls Grundanliegen des Seminar-Konzepts.
So konnten die meisten Studenten am Ende sicher die Lernplattform
bedienen. Auch das „Wie“ beim richtigen Chatten
konnten einige auf der Habenseite ihres Seminarerfolgs verbuchen.
Sogar Verbesserungsvorschläge gab es hier und da für
die flexiblere Gestaltung der virtuellen Lernoberfläche.
Für Alexander Müller war darüber hinaus klar,
dass auch die im Berufsleben heute so wichtigen „soft-skills“
durch das Seminar geschult werden. „Man steigert mit
Sicherheit seine Selbstdisziplin, wenn man das Seminar erfolgreich
abschließen möchte.“
Virtuelle Schlamperei
Kritischere Töne kamen von jenen, die mit technischen
Problemen zu kämpfen hatten. Ein alter Computer oder
ein langsames Modem machten so manchem Chat oder einen Download
schon vor Beginn zum Alptraum. Zusätzlich verursachten
Motivationsprobleme oder mangelnde Organisation der Studenten
oft Chats mit schleppender oder chaotischer Debatte, wenig
oberhalb des „Cafeteria-Niveaus“. Häufig
fielen Chat-Diskussionen mangels Beteiligung ganz aus. Auch
im Forum konnte man einen richtigen Schwung nicht erkennen.
Und wenn, dann wurde es nur in den seltensten Fällen
richtig genutzt. Die Ursache sieht Seminarleiter Müller
auch im Bereich der sozialen Kontakte, die in einem Online-Seminar
nur schwer geknüpft werden können. „Die face-to-face
Kommunikation hat einfach viele Vorteile, auf die die Mehrzahl
der Studierenden (noch) nicht verzichten möchten, oder
auch können“.
Studenten als Gewinner
Dennoch sind in den Augen von Müller hauptsächlich
Studenten die Gewinner von virtuellen Seminaren wie VIROR,
bietet diese Form der Lehre doch die Freiheit, die „traditionelle
Anwesenheit im Hörsaal“ hinter sich zu lassen.
Für Seminarleiter wie Alexander Müller bedeutet
dies allerdings, vor Seminarbeginn Lehrmaterial zu digitalisieren
und auf der Lernplattform bereit zu stellen. „Neben
dem Know-How zur Konzeption virtueller Lehr- und Lerneinheiten,
ist auch die Kommunikation via Chat, Forum und Email keine
Selbstverständlichkeit“. Für ihn gehört
ein gewisser „Idealismus“ dazu, um trotz des hohen
Betreuungsaufwandes, an virtuellen Seminaren fest zu halten.
Virtuell in Zukunft?
Und wie geht es weiter mit den praktischen Erfahrungen, die
das VIROR Projekt zweifelsfrei für den Lehrbetrieb der
Uni geliefert hat? Hier sieht Alexander Müller eher pessimistisch
in die Zukunft. „Leider liegt es jetzt an den Fakultäten
diese Ansätze umzusetzen und in ihren Fachrichtungen
zu etablieren. Das wird wohl zum größten Teil mangels
Personal- und Technik scheitern“. So ist er sich sicher,
dass die virtuelle Universität eine schöne neue
Fiktion bleiben wird. Fest überzeugt dagegen ist er,
dass online unterstützte Seminare in Zukunft eine „sinnvolle
und nützliche Ergänzung“ im Angebot der Universitäten
sein können.
Online Sprechstunden oder Digitale Bibliotheken können
hier nur ein erster Schritt sein. Gespannt darf man aber sein,
wie die fehlende Mimik und Gestik im persönlichen Seminargespräch
jemals ersetzt werden kann durch eine – wenn auch gut
funktionierende – Computer-Oberfläche.
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