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Axel Heyer Datum:Wednesday, 03. November 2004
Von:Axel Heyer <aheyer@politik-digital.de>
An:europa@politik-digital.de
URL:/politikdigital/aheyer.shtml

'Content' ist der Schüler König

Medienkompetenz als eigenes Schulfach? Nö, lieber 'learning by doing', sagen sich die Schüler eines Kölner Gymnasiums. Und erstellen teils im Unterricht, teils in ihrer Freizeit wegweisende Inhaltsangebote für das Internet. Dabei machen sie sich eine der Erfolgsformeln des Internet zueigen: 'Content is the king'.

Genau ein Jahr ist es her, dass das Redaktionsteam von eunity hohen Besuch bekam. Im Pressezelt des Kölner EU-Gipfels setzte sich ein bestens gelaunter deutscher Außenminister vor den Redaktionsrechner, ließ sich von Abiturient Micky Peters das Projekt erklären und schrieb spontan eine Sondermeldung für das Schülernetzwerk im Internet: 'Kosovo - Durchbruch zum Frieden geschafft?'. Kurz zuvor war Joschka Fischer aus Belgrad benachrichtigt worden, dass Milosevic endlich eingelenkt hatte.

Nun haben die bis zu 40 Schüler des Gymnasiums Kreuzgasse in Köln, die bei eunity mitmachen, ein ereignis- wie lehrreiches Jahr hinter sich. Für die aktivsten Schüler, die oft zehn Stunden ihrer Freizeit pro Woche für das Online-Projekt abknapsen, ist es ein veritables (erstes) Lehrjahr geworden, das sie in mehreren Bereichen der Berufswelt näher gebracht hat:

  • journalistisches Arbeiten
  • politische Bildung
  • Umgang mit den Neuen Medien
  • europäische Kommunikation
  • und last but not least Projektmanagement.

Heraus gekommen ist eine Website, die in ihrer Anmutung der von 'Spiegel online' kaum nachsteht und die auf vielschichtige Weise darauf abzielt, die europaweite Kommunikation von jungen Menschen zu fördern. Dabei sind politische Themen wie der EU-Gipfel oder die Osterweiterung nach wie vor zentrale Themen, aber daneben schreiben die Schüler auch über die besten Wirtschaftsunis oder Regeländerungen in der Formel 1.

Bildungs-Buddhismus: Der Weg ist das Ziel

Der im Namen 'eunity' anklingende Anspruch, europaweit Schüler über das Netz zu verbinden, kommt in der dreisprachigen Ausrichtung von eunity klar zum Ausdruck. Allerdings zeigt sich bei genauer Betrachtung, dass man in den Englisch- bzw. Französisch-Bereichen über gut gemeinte Ansätze noch nicht hinaus gekommen ist. Auch im deutschsprachigen Kernbereich wird deutlich, dass die vom Team selbst hoch gesteckten Ansprüche in mancher Hinsicht noch lange nicht erreicht sind.

Doch darauf kommt es eigentlich auch nicht so an: 'Learning by doing', lautet die Devise. Selbst wenn nicht alles so glatt läuft, wie es im ersten Elan möglich schien, gibt es immer wieder Erfolgserlebnisse und ist der Lerneffekt beträchtlich.

Für Justus Meyer (19), erst seit kurzem im Team, liegt auf der Hand, dass sich der Einsatz lohnt: "Nicht nur das Arbeiten in der Redaktion, sondern auch unsere Beteiligung auf Veranstaltungen, wie jetzt der Ausbildungsmesse "generation m", bezieht uns immer stärker in die Berufswelt ein." Auf der "generation m" in der KölnMesse richtet eunity einen Schreibwettbewerb für junge Journalisten aus. "Alle prämierten Artikel werden in einem Extra-Forum veröffentlicht und als Hauptpreise gibt es Praktika in der Redaktion von RTL-Online und beim Kölner Stadt-Anzeiger", erklärt Jusuts Meyer.

Seit kurzem hat eunity 'Korrespondenten' in verschiedenen europäischen Großstädten, die z.B. als Austauschschüler unmittelbar von ihren Erfahrungen erzählen können. Und über eines ist man bei eunity dabei besonders: Die Korrespondenten in Wien und Berlin haben mit der Schule gar nichts zu tun gehabt, sondern haben eunity im Internet gefunden und sich online zur Zusammenarbeit angeboten.

Noch in einem zweiten Bereich geht das Gymnasium Kreuzgasse neue Wege. Schülerzeitung online oder der www-Auftritt der Schule - das sind Übungen, die deutschlandweit immer selbstverständlicher werden. Der Lerneffekt für die Macher ist auch hier von hohem Wert. Aber was dem - und auch noch eunity - fehlt, ist die Einbeziehung einer ganzen Klasse bzw. eines gesamten Kurses.

Medienkompetenz für die ganze Klasse

Im Rahmen des InfoSCHUL-Projektes konnte auch das ausführlich getestet werden, und Helmut Cremer, Lehrer am Gymnasium Kreuzgasse für das Projekt verantwortlich, zieht zufrieden eine erste Bilanz:

"Fünf Kurse der Oberstufe haben zum Thema 'Strukturwandel' Lösungen entwickelt, das Medium Internet im Unterricht sinnvoll einzusetzen. Unser Beispielobjekt, der alte Industriestandort Köln-Kalk, wurde dabei aus Sicht der Sozialwissenschaften, der Biologie und der Erdkunde betrachtet. Dass in manchen Kursen schon die Hälfte der Schüler privat online ist, kommt dem Arbeitsergebnis natürlich zugute. Aber wichtig ist, dass die durch die gemeinsame Arbeit im Unterricht auch wissen, wonach sie im Netz suchen sollen."

InfoSCHUL, die nationale Fördermaßnahme mit dem Langtitel "Nutzung elektronischer und multimedialer Informationsquellen in Schulen" läuft seit 1997 im Rahmen der Initiative "Schulen ans Netz". Die geförderten Projekte - in der letzten Phase waren es 223 - sollen zeigen, wie elektronische und multimediale Quellen im Unterricht und beim selbständigen Arbeiten im Kontext mit gedruckten Lernmaterialien sinnvoll eingesetzt werden können. Zum neuen Schuljahr wird InfoSCHUL II anlaufen, bei dem noch mehr Schulen beteiligt und gefördert werden sollen; auch die Kreuzgasse hofft wieder dabei sein: Ihr neuer Projektvorschlag zielt auf ein Angebot zur Berufsorientierung für Schüler, das in Kooperation mit der lokalen Wirtschaft entstehen soll.

Kreativität und Eigeninitative

Eine Menge kreative und wissbegierige Schüler sind also vorhanden, die Ausstattung der Schule im Kölner Grüngürtel mit Computern ist zwar verbesserungswürdig (die meisten der 20 Rechner sind 486er) aber einigermaßen zufrieden stellend. Dass es Aussicht auf neue HArdware gibt, hängt eng mit der Umtriebigkeit der Verantwortlichen zusammen, Fördergelder locker zu machen - und das, so Cremer, gehe mit guten Inhaltsangeboten eben am besten.

Doch wie sieht es mit dem Engpassfaktor Lehrer aus? Die Faustregel besagt: 10 Prozent der Lehrer treiben das Thema Internet&Co. nach vorn, die Bedenkenträger dagegen machen 30 Prozent aus, und die 60 Prozent dazwischen freuen sich und sagen 'Macht Ihr mal...'. Das sei an seiner Schule eigentlich auch nicht anders, meint Cremer, aber im Vergleich zu vor fünf Jahren habe die Akzeptanz deutlich zugenommen.

Jetzt wird auch eine Kunstlehrerin aktiv: In einem Gemeinschaftsprojekt von Schulen, Verbänden und Museen bietet sie den Schülern ein Projekt an, das multimedial ablaufen und in einer 'echten' Ausstellung gipfeln soll. Das Motto des Kunstprojekts 'Design your Life' verweist noch einmal die beiden Dinge, die einen schon zu Schulzeiten zukunftsfähig machen: Kreativität und Eigeninitiative.

Zuerst erschienen bei politik-digital.de am 10.01.2003
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