Manni
In unserer
Serie 'Netzprofile' besucht politik-digital die Bewohner des
WWW - vom Knacki über den Bundi bis zum Hacker.
Es gibt viele Gründe
sich einen Internetanschluss anzuschaffen - die Leidenschaft
für Backgammon scheint einer davon zu sein. Vor ungefähr
sechs Jahren erhielt Manni jedenfalls von einem Freund den
Tipp, dass man dieser auch im damals noch nicht so populären
Internet frönen kann. Und seitdem tut er dies täglich.
Diese Information
erhalte ich beim Nachmittagskaffee. Kuchen, Kaffee, ein Tisch,
drei Gedecke, zwei Stühle. Einen für mich und einen
für die Helferin. Manni braucht ja keinen, beziehungsweise
hat seinen immer dabei, einen elektrischen Rollstuhl. Die
lateinische Bezeichnung seiner Behinderung lautet "Infantile
cerebrale parese", aber Manni hat sich den unverkrampften
zwischenmenschlichen Umgang auf die Fahnen geschrieben und
verzichtet auf die ungeschriebenen Gesetze der Political Correctness.
"Kannst ruhig Spasti sagen", bietet er mir in unverkennbaren
berlinerisch an. Ewige 29 ist der Mann mit den Piercings im
Gesicht und der Hose im Kuhfell-Look, und das jetzt schon
seit vier Jahren.
Aber zurück
zu Backgammon - Mannis großer Leidenschaft. Die hat
ihn mit dem Internet in Kontakt gebracht, und selbiges ist
mittlerweile zu einem unverzichtbaren Bestandteil seines Lebens
geworden. Mannis Tagesablauf besteht aus vielen routinierten
Handlungen: Tabletteneinnahme, Schlafenszeiten, Schichtwechsel
der Helfer von "Ambulante
Dienste e.V". Eine Sache, die sich ebenfalls nicht
mehr aus seinem Leben wegzudenken ist, ist das morgendliche
Herauffahren des Rechners, um dann im World Wide Web weiße
und schwarze Steine virtuell an ihren Bestimmungsort zu verschieben.
Unter www.gamesgrid.com
treffen sich Backgammon-Fans aus allen Länder der Welt
zum täglichen Leistungsvergleich.
"Morgens zuerst
die Japaner, dann weiter über Russland, mittags die Deutschen
und abends schließlich die Amerikaner". Die besten
Backgammonspieler sind laut Manni eindeutig die Dänen.
Neben dem sportlichen Wettbewerb, dessen Resultate sich in
einer Rangliste niederschlagen, chatten die gamesgrid-Mitglieder
auch miteinander. Obwohl gerade der Kontakt per Internet eine
Möglichkeit zur absoluten Anonymität bietet, liefert
Mannis Info-Kästchen umgehend den Hinweis "I'm spastic"
- damit die sich keiner wundert, wenn es mal länger dauert
mit einem Spielzug oder einer Antwort. "Aber mir haben
schon viele gesagt, dass ich diese Information eigentlich
rausnehmen kann, weil ich gar nicht langsamer als andere bin."
Mehr Bewegungsfreiheit
per Mausklick - und das nicht nur im Freizeitbereich. Auch
den lästigen Gang zum Geldautomaten hat Manni bereits
durch Online-Banking ersetzt. Vielleicht können sich
Nicht-Behinderte nur schwer vorstellen, mit welchem Aufwand
diese Alltagsgeschichten verbunden sind, wenn man auf einen
Rollstuhl und einen Helfer angewiesen ist. Internet als willkommene
Erleichterung also, auch wenn widersprüchliche Medieninformationen
bezüglich der Sicherheit von e-Banking ihn manchmal etwas
verunsichern.
Mehr Vertrauen
hat er da schon in den virtuellen Einkaufsmarkt. An dieser
Stelle sei erwähnt, dass Manni reales Einkaufengehen
in diversen Konsumtempeln dieser Stadt liebt, und deshalb
das Internet hier nur eine zusätzliche Möglichkeit
darstellt, die Shopping-Lust auszuleben. Ikea.de
ist eine seiner Favoritenseiten. Der Mausklick erspart ihm
das aufwendige Hin- und Herblättern des Katalogs, wenn
er sich mal wieder nicht auf den ersten Blick zwischen den
zahlreichen Schnäppchenangeboten des schwedischen Möbelherstellers
entscheiden kann. Keine Tiermöbel, aber dafür interessante
Informationen sind das Ziel des dreifachen Katzenvaters, wenn
er zu Whiskas.de
surft. Und weil Manni, wie bereits erwähnt, auch gerne
das Zwischenmenschliche pflegt, bieten ihm auch Programmseiten
wie Tip.de
die Möglichkeit, eine passende Abendgestaltung ausfindig
zu machen, ohne dabei durch die stark verkrampften Arme behindert
zu werden.
Als Star-Trek-Fan
hat er am sogenannten "Millenium-Gate"
teilgenommen. Dort konnte jeder Beteiligte in seiner Zelle
Besucher empfangen, ihnen eine Frage stellen und Punkte durch
die Einträge ins Gästebuch sammeln. Wer Manni besuchte,
wurde mit der Frage konfrontiert, ob er sich vorstellen könnte,
auch unter einem spastisch-behinderten Captain zu dienen.
Die meisten konnten das, und bei den von ihm selbst vorgeschlagenen
Antwortoptionen lag "Ja, weil er durch sein ständiges
Zucken die Aliens verscheucht" ganz vorne. Wie bereits
erwähnt: Mit Zimperlichkeit hat er es nicht so.
Die Ausführung
über Mannis Lieblingsseiten ließe sich noch seitenlang
fortsetzen. Vom FC
Bayern bis zum Fallschirmspringen für Behinderte
- für den Spastiker stellt das Internet zweifelsohne
einen vereinfachten Zugang zu den erwünschten Informationen
dar. Allerdings hat er auch bereits Negativerfahrungen mit
dem neuen Medium gemacht: Aktaufnahmen von ihm, die für
einen Zeitschriftenartikel gedacht waren, fanden sich plötzlich
ohne seine Zustimmung im Netz wieder. "Und der Plattenverkauf,
den ich zusammen mit einem Freund unter www.hood.de
betreibe, läuft zur Zeit auch Scheiße".
Wenn man von einer
digitalen Spaltung spricht, wird man differenziert betrachten
müssen. Dieser Nachmittagskaffee hat mir zumindest klar
gemacht, wie sehr die neuen Medien auch zum Abbau von Barrieren
beitragen können. Surfende Rollstuhlfahrer quasi als
Bild für eine größere Bewegungsfreiheit.
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