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Tanja Hofmann Update: Wednesday, 03. November 2004
Von: Tanja Hofmann <tanjahhh@web.de>
An: redaktion@politik-digital.de
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Manni

In unserer Serie 'Netzprofile' besucht politik-digital die Bewohner des WWW - vom Knacki über den Bundi bis zum Hacker.

Es gibt viele Gründe sich einen Internetanschluss anzuschaffen - die Leidenschaft für Backgammon scheint einer davon zu sein. Vor ungefähr sechs Jahren erhielt Manni jedenfalls von einem Freund den Tipp, dass man dieser auch im damals noch nicht so populären Internet frönen kann. Und seitdem tut er dies täglich.

Diese Information erhalte ich beim Nachmittagskaffee. Kuchen, Kaffee, ein Tisch, drei Gedecke, zwei Stühle. Einen für mich und einen für die Helferin. Manni braucht ja keinen, beziehungsweise hat seinen immer dabei, einen elektrischen Rollstuhl. Die lateinische Bezeichnung seiner Behinderung lautet "Infantile cerebrale parese", aber Manni hat sich den unverkrampften zwischenmenschlichen Umgang auf die Fahnen geschrieben und verzichtet auf die ungeschriebenen Gesetze der Political Correctness. "Kannst ruhig Spasti sagen", bietet er mir in unverkennbaren berlinerisch an. Ewige 29 ist der Mann mit den Piercings im Gesicht und der Hose im Kuhfell-Look, und das jetzt schon seit vier Jahren.

Aber zurück zu Backgammon - Mannis großer Leidenschaft. Die hat ihn mit dem Internet in Kontakt gebracht, und selbiges ist mittlerweile zu einem unverzichtbaren Bestandteil seines Lebens geworden. Mannis Tagesablauf besteht aus vielen routinierten Handlungen: Tabletteneinnahme, Schlafenszeiten, Schichtwechsel der Helfer von "Ambulante Dienste e.V". Eine Sache, die sich ebenfalls nicht mehr aus seinem Leben wegzudenken ist, ist das morgendliche Herauffahren des Rechners, um dann im World Wide Web weiße und schwarze Steine virtuell an ihren Bestimmungsort zu verschieben. Unter www.gamesgrid.com treffen sich Backgammon-Fans aus allen Länder der Welt zum täglichen Leistungsvergleich.

"Morgens zuerst die Japaner, dann weiter über Russland, mittags die Deutschen und abends schließlich die Amerikaner". Die besten Backgammonspieler sind laut Manni eindeutig die Dänen. Neben dem sportlichen Wettbewerb, dessen Resultate sich in einer Rangliste niederschlagen, chatten die gamesgrid-Mitglieder auch miteinander. Obwohl gerade der Kontakt per Internet eine Möglichkeit zur absoluten Anonymität bietet, liefert Mannis Info-Kästchen umgehend den Hinweis "I'm spastic" - damit die sich keiner wundert, wenn es mal länger dauert mit einem Spielzug oder einer Antwort. "Aber mir haben schon viele gesagt, dass ich diese Information eigentlich rausnehmen kann, weil ich gar nicht langsamer als andere bin."

Mehr Bewegungsfreiheit per Mausklick - und das nicht nur im Freizeitbereich. Auch den lästigen Gang zum Geldautomaten hat Manni bereits durch Online-Banking ersetzt. Vielleicht können sich Nicht-Behinderte nur schwer vorstellen, mit welchem Aufwand diese Alltagsgeschichten verbunden sind, wenn man auf einen Rollstuhl und einen Helfer angewiesen ist. Internet als willkommene Erleichterung also, auch wenn widersprüchliche Medieninformationen bezüglich der Sicherheit von e-Banking ihn manchmal etwas verunsichern.

Mehr Vertrauen hat er da schon in den virtuellen Einkaufsmarkt. An dieser Stelle sei erwähnt, dass Manni reales Einkaufengehen in diversen Konsumtempeln dieser Stadt liebt, und deshalb das Internet hier nur eine zusätzliche Möglichkeit darstellt, die Shopping-Lust auszuleben. Ikea.de ist eine seiner Favoritenseiten. Der Mausklick erspart ihm das aufwendige Hin- und Herblättern des Katalogs, wenn er sich mal wieder nicht auf den ersten Blick zwischen den zahlreichen Schnäppchenangeboten des schwedischen Möbelherstellers entscheiden kann. Keine Tiermöbel, aber dafür interessante Informationen sind das Ziel des dreifachen Katzenvaters, wenn er zu Whiskas.de surft. Und weil Manni, wie bereits erwähnt, auch gerne das Zwischenmenschliche pflegt, bieten ihm auch Programmseiten wie Tip.de die Möglichkeit, eine passende Abendgestaltung ausfindig zu machen, ohne dabei durch die stark verkrampften Arme behindert zu werden.

Als Star-Trek-Fan hat er am sogenannten "Millenium-Gate" teilgenommen. Dort konnte jeder Beteiligte in seiner Zelle Besucher empfangen, ihnen eine Frage stellen und Punkte durch die Einträge ins Gästebuch sammeln. Wer Manni besuchte, wurde mit der Frage konfrontiert, ob er sich vorstellen könnte, auch unter einem spastisch-behinderten Captain zu dienen. Die meisten konnten das, und bei den von ihm selbst vorgeschlagenen Antwortoptionen lag "Ja, weil er durch sein ständiges Zucken die Aliens verscheucht" ganz vorne. Wie bereits erwähnt: Mit Zimperlichkeit hat er es nicht so.

Die Ausführung über Mannis Lieblingsseiten ließe sich noch seitenlang fortsetzen. Vom FC Bayern bis zum Fallschirmspringen für Behinderte - für den Spastiker stellt das Internet zweifelsohne einen vereinfachten Zugang zu den erwünschten Informationen dar. Allerdings hat er auch bereits Negativerfahrungen mit dem neuen Medium gemacht: Aktaufnahmen von ihm, die für einen Zeitschriftenartikel gedacht waren, fanden sich plötzlich ohne seine Zustimmung im Netz wieder. "Und der Plattenverkauf, den ich zusammen mit einem Freund unter www.hood.de betreibe, läuft zur Zeit auch Scheiße".

Wenn man von einer digitalen Spaltung spricht, wird man differenziert betrachten müssen. Dieser Nachmittagskaffee hat mir zumindest klar gemacht, wie sehr die neuen Medien auch zum Abbau von Barrieren beitragen können. Surfende Rollstuhlfahrer quasi als Bild für eine größere Bewegungsfreiheit.

Zuerst erschienen bei politik-digital.de am 28.02.2002
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