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Torsten Arndt Datum:Wednesday, 03. November 2004
Von: Torsten Arndt <toarndt@gmx.de>
An:redaktion@politik-digital.de
URL: keine Homepage

Die wachsende Wissenskluft

Die digitale Spaltung aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht

Für kommende Generationen wird das Leben ohne Internet wohl genauso unvorstellbar sein, wie heutzutage ein Alltag ohne elektrisches Licht. Obwohl für die meisten der Umgang mit dem neuen und vielversprechenden Medium bereits ein gewohnter ist, lässt sich nicht von der Hand weisen, dass technische Neuerungen zunächst nur bestimmte gesellschaftliche Gruppen erreichen. Probleme, die sich in diesem Zusammenhang ergeben, sind Bestandteile aktueller bildungspolitischer Debatten. Zugangsvoraussetzungen und die Art der Informationsbeschaffung stehen dabei im Vordergrund. Die Spaltung der Gesellschaft in User und Nicht-User wird diskutiert - mit dem Ziel negativen Tendenzen vorzubeugen oder entgegenzutreten.

Die Kommunikationswissenschaft, speziell die Medienwirkungsforschung, nimmt sich dieser Problematik an. Ein neues Medium bietet schließlich nicht zuletzt einen großen Spielraum für Feldstudien aller Art. Allerdings scheint es auch ein Phänomen unserer Zeit zu sein, dass zwar in relativ kurzer Zeit viele neue (technische) Errungenschaften und Eindrücke auf uns einströmen, aber eigentlich auch alles schon einmal in etwas anderer Form dagewesen ist. So auch die Betrachtung der Auswirkungen moderner Massenkommunikation.

1970 formulierte das Forscherteam um Professor Phillip J. Tichenor an der Universität von Minnesota die Hypothese der wachsenden Wissenskluft. Sie stellten damit das normative Ideal des mündigen Bürgers in Frage, nach dem bereits die Existenz von Massenmedien allen die Möglichkeit bietet, sich umfassende Informationen zu besorgen und sich daraus eine eigene Meinung zu bilden. Diese Vorteile der massenkommunikativen Informationsmöglichkeiten wurden von der Wissenskluft-Hypothese angezweifelt. Die Forschergruppe stellte unterschiedliche Informationszuwächse innerhalb verschiedener Bevölkerungsgruppen fest und führte als zentrale Erklärungsvariable dafür das Bildungsniveau an. Demnach ergibt sich bei der Aneignung von neuem Wissen wiederum ein Vorteil für die bereits formal höher Gebildeten - die Wissenskluft vergrößert sich.

Da verkürzte Kausalketten meist nur eine befristete Halbwertszeit haben, wurde diese Theorie bereits 1973 eingeschränkt, indem man die Hypothese der wachsenden Wissenskluft auch auf die Art des Themas zurückführte. Eine anwachsende Kluft wurde demnach vor allem in den Bereichen prognostiziert, in denen es sich um Hintergrundwissen handelt. Bei Faktenwissen dagegen stellte man eine sukzessive Annäherung fest, da dieses ab einem bestimmten Punkt nicht mehr vermehrbar ist. 1977 erfuhr der theoretische Ansatz abermals eine Modifikation durch die Konkurrenzhypothese von Ettema/Kline. Die Wissenskluft und deren Vergrößerung wird in diesem Ansatz nicht durch Bildung, sondern durch Interesse und Motivation erklärt. Das bedeutet, dass für die Aneignung von Wissen nicht die Nutzungskompetenz, sondern vielmehr die subjektive Wichtigkeit entscheidend ist.

Medienpolitische Relevanz erlangen diese Theorien, wenn man beachtet, dass eine ungleiche Wissensverteilung immer auch eine Ungleichverteilung von sozialen Chancen nachsichzieht. In diesem Zusammenhang hat die Hypothese der wachsenden Wissenskluft durch das Aufkommen der neuen Medien aktuelle Bedeutung erlangt. Die Untersuchung gesellschaftlicher Auswirkungen, die aus der zunehmenden Verbreitung des Internet resultieren, lässt die Kommunikationswissenschaft auf eben diese theoretischen Erklärungsansätze zurückgreifen. Hinsichtlich der Prognosen lassen sich sowohl optimistische als auch pessimistische Tendenzen ausmachen. So ist beispielsweise Bill Gates der Meinung, dass sich soziale Gerechtigkeit gerade mit Hilfe von Multimedia herstellen lässt und auch die FAZ titelte "Unwissenheit ist freiwilliges Unglück". Die Umkehrung der Sender-Empfänger-Konstellation, die den Nutzer zum aktiven Element macht, und die Diffusion der neuen Medien in der Gesellschaft, werden als günstige Voraussetzungen zur Verkleinerung der Wissenskluft betrachtet.

Allerdings werden die Chancen der Anhebung des Informationsniveaus auch von zahlreichen Faktoren erheblich eingeschränkt. Neueste Untersuchungen zeigen das Bild einer neuen Zwei-Klassen-Gesellschaft. Demnach sind es vor allem formal höher Gebildete, die von den Multimedia-Angeboten profitieren. Professor Dr. Horst W. Opaschowski von der Universität Hamburg sieht in den unterschiedlichen Zugangsmöglichkeiten die Gefahr, dass sich die Informationsgesellschaft in "User" und "Loser" aufspalten könnte. Seinen Untersuchungen zufolge drohen vor allem Hauptschulabsolventen auf der Strecke zu bleiben. Während der Anteil der PC-Nutzer bei dieser Bevölkerungsgruppe bei lediglich 6 Prozent liegt, ist er bei Absolventen höherer Schulen fast fünfmal so hoch (28%). Der Unterschied hat sich bisher im Zeitvergleich auch kaum geändert. Opaschowski sieht Handlungsbedarf vor allem in der Internet-Ausstattung von allgemeinbildenden Schulen. "Der Kluft zwischen Wissenden und Unwissenden darf keine Kluft zwischen PC-Besitzern und PC-Habenichtsen vorausgehen, sonst werden die Reichen auch noch reich an Informationen sein, und die Wissenselite häuft immer mehr Wissen an."

Zu vergleichbaren Ergebnissen kommt auch Kommunikationsforscher Professor Dr. Heinz Bonfadelli von der Universität Zürich. Seinen Untersuchungen zufolge stellen die beträchtlichen Zugangsklüfte bezüglich Alter, Geschlecht, Bildung und Einkommen eine Übereinstimmung mit der Wissenskluft-Hypothese dar. Bonfadelli betont dabei vor allem die Entwicklungsdynamik, die sich seit 1997 abzeichnet und aus der sich eine deutlich verstärkte Zunahme der Klüfte ablesen lässt. Auch er fordert eine breite und qualifizierte Förderung der Nutzungskompetenz. Jedoch beschränkt sich dies bei Bonfadelli nicht nur auf den Zugang, sondern auch die Art der Nutzung. "Während Internet-Nutzer mit hohem Bildungsstand das Internet zur Kommunikation (E-Mails), zur Information und serviceorientiert (eShopping, eBanking, etc.) gebrauchen, stehen bei den Wenig-Gebildeten die Unterhaltung (Spiele und Chats) im Vordergrund."

Es scheint also Fakt, dass wir noch lange nicht in der schönen, neuen multimedialen Welt angekommen sind. Wenn man schon den Übergang zur Informationsgesellschaft propagiert, wird man dafür sorgen müssen, dass diese Gesellschaft nicht nur aus Bildungs- und Sozialprivilegierten besteht, sondern möglichst alle Bevölkerungsschichten einbezieht. Dies hat nicht vorrangig mit Gerechtigkeitsüberlegungen zu tun, sondern wird notwendig durch die Tatsache, dass die Benachteiligung großer Gesellschaftsteile immer Nachteile für das Funktionieren des Gesamtsystems mit sich bringt.

Zuerst erschienen bei politik-digital.de am 28.02.2002
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