Die
wachsende Wissenskluft
Die digitale
Spaltung aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht
Für kommende
Generationen wird das Leben ohne Internet wohl genauso unvorstellbar
sein, wie heutzutage ein Alltag ohne elektrisches Licht. Obwohl
für die meisten der Umgang mit dem neuen und vielversprechenden
Medium bereits ein gewohnter ist, lässt sich nicht von
der Hand weisen, dass technische Neuerungen zunächst
nur bestimmte gesellschaftliche Gruppen erreichen. Probleme,
die sich in diesem Zusammenhang ergeben, sind Bestandteile
aktueller bildungspolitischer Debatten. Zugangsvoraussetzungen
und die Art der Informationsbeschaffung stehen dabei im Vordergrund.
Die Spaltung der Gesellschaft in User und Nicht-User wird
diskutiert - mit dem Ziel negativen Tendenzen vorzubeugen
oder entgegenzutreten.
Die Kommunikationswissenschaft,
speziell die Medienwirkungsforschung, nimmt sich dieser Problematik
an. Ein neues Medium bietet schließlich nicht zuletzt
einen großen Spielraum für Feldstudien aller Art.
Allerdings scheint es auch ein Phänomen unserer Zeit
zu sein, dass zwar in relativ kurzer Zeit viele neue (technische)
Errungenschaften und Eindrücke auf uns einströmen,
aber eigentlich auch alles schon einmal in etwas anderer Form
dagewesen ist. So auch die Betrachtung der Auswirkungen moderner
Massenkommunikation.
1970 formulierte
das Forscherteam um Professor Phillip J. Tichenor an der Universität
von Minnesota die Hypothese der wachsenden Wissenskluft.
Sie stellten damit das normative Ideal des mündigen Bürgers
in Frage, nach dem bereits die Existenz von Massenmedien allen
die Möglichkeit bietet, sich umfassende Informationen
zu besorgen und sich daraus eine eigene Meinung zu bilden.
Diese Vorteile der massenkommunikativen Informationsmöglichkeiten
wurden von der Wissenskluft-Hypothese angezweifelt. Die Forschergruppe
stellte unterschiedliche Informationszuwächse innerhalb
verschiedener Bevölkerungsgruppen fest und führte
als zentrale Erklärungsvariable dafür das Bildungsniveau
an. Demnach ergibt sich bei der Aneignung von neuem Wissen
wiederum ein Vorteil für die bereits formal höher
Gebildeten - die Wissenskluft vergrößert sich.
Da verkürzte
Kausalketten meist nur eine befristete Halbwertszeit haben,
wurde diese Theorie bereits 1973 eingeschränkt, indem
man die Hypothese der wachsenden Wissenskluft auch auf die
Art des Themas zurückführte. Eine anwachsende Kluft
wurde demnach vor allem in den Bereichen prognostiziert, in
denen es sich um Hintergrundwissen handelt. Bei Faktenwissen
dagegen stellte man eine sukzessive Annäherung fest,
da dieses ab einem bestimmten Punkt nicht mehr vermehrbar
ist. 1977 erfuhr der theoretische Ansatz abermals eine Modifikation
durch die Konkurrenzhypothese von Ettema/Kline. Die Wissenskluft
und deren Vergrößerung wird in diesem Ansatz nicht
durch Bildung, sondern durch Interesse und Motivation erklärt.
Das bedeutet, dass für die Aneignung von Wissen nicht
die Nutzungskompetenz, sondern vielmehr die subjektive Wichtigkeit
entscheidend ist.
Medienpolitische
Relevanz erlangen diese Theorien, wenn man beachtet, dass
eine ungleiche Wissensverteilung immer auch eine Ungleichverteilung
von sozialen Chancen nachsichzieht. In diesem Zusammenhang
hat die Hypothese der wachsenden Wissenskluft durch das Aufkommen
der neuen Medien aktuelle Bedeutung erlangt. Die Untersuchung
gesellschaftlicher Auswirkungen, die aus der zunehmenden Verbreitung
des Internet resultieren, lässt die Kommunikationswissenschaft
auf eben diese theoretischen Erklärungsansätze zurückgreifen.
Hinsichtlich der Prognosen lassen sich sowohl optimistische
als auch pessimistische Tendenzen ausmachen. So ist beispielsweise
Bill Gates der Meinung, dass sich soziale Gerechtigkeit gerade
mit Hilfe von Multimedia herstellen lässt und auch die
FAZ titelte "Unwissenheit ist freiwilliges Unglück".
Die Umkehrung der Sender-Empfänger-Konstellation, die
den Nutzer zum aktiven Element macht, und die Diffusion der
neuen Medien in der Gesellschaft, werden als günstige
Voraussetzungen zur Verkleinerung der Wissenskluft betrachtet.
Allerdings werden
die Chancen der Anhebung des Informationsniveaus auch von
zahlreichen Faktoren erheblich eingeschränkt. Neueste
Untersuchungen zeigen das Bild einer neuen Zwei-Klassen-Gesellschaft.
Demnach sind es vor allem formal höher Gebildete, die
von den Multimedia-Angeboten profitieren. Professor Dr. Horst
W. Opaschowski von der Universität
Hamburg sieht in den unterschiedlichen Zugangsmöglichkeiten
die Gefahr, dass sich die Informationsgesellschaft in "User"
und "Loser" aufspalten könnte. Seinen Untersuchungen
zufolge drohen vor allem Hauptschulabsolventen auf der Strecke
zu bleiben. Während der Anteil der PC-Nutzer bei dieser
Bevölkerungsgruppe bei lediglich 6 Prozent liegt, ist
er bei Absolventen höherer Schulen fast fünfmal
so hoch (28%). Der Unterschied hat sich bisher im Zeitvergleich
auch kaum geändert. Opaschowski sieht Handlungsbedarf
vor allem in der Internet-Ausstattung von allgemeinbildenden
Schulen. "Der Kluft zwischen Wissenden und Unwissenden
darf keine Kluft zwischen PC-Besitzern und PC-Habenichtsen
vorausgehen, sonst werden die Reichen auch noch reich an Informationen
sein, und die Wissenselite häuft immer mehr Wissen an."
Zu vergleichbaren
Ergebnissen kommt auch Kommunikationsforscher Professor Dr.
Heinz Bonfadelli von der Universität
Zürich. Seinen Untersuchungen zufolge stellen die
beträchtlichen Zugangsklüfte bezüglich Alter,
Geschlecht, Bildung und Einkommen eine Übereinstimmung
mit der Wissenskluft-Hypothese dar. Bonfadelli betont dabei
vor allem die Entwicklungsdynamik, die sich seit 1997 abzeichnet
und aus der sich eine deutlich verstärkte Zunahme der
Klüfte ablesen lässt. Auch er fordert eine breite
und qualifizierte Förderung der Nutzungskompetenz. Jedoch
beschränkt sich dies bei Bonfadelli nicht nur auf den
Zugang, sondern auch die Art der Nutzung. "Während
Internet-Nutzer mit hohem Bildungsstand das Internet zur Kommunikation
(E-Mails), zur Information und serviceorientiert (eShopping,
eBanking, etc.) gebrauchen, stehen bei den Wenig-Gebildeten
die Unterhaltung (Spiele und Chats) im Vordergrund."
Es scheint
also Fakt, dass wir noch lange nicht in der schönen,
neuen multimedialen Welt angekommen sind. Wenn man schon den
Übergang zur Informationsgesellschaft propagiert, wird
man dafür sorgen müssen, dass diese Gesellschaft
nicht nur aus Bildungs- und Sozialprivilegierten besteht,
sondern möglichst alle Bevölkerungsschichten einbezieht.
Dies hat nicht vorrangig mit Gerechtigkeitsüberlegungen
zu tun, sondern wird notwendig durch die Tatsache, dass die
Benachteiligung großer Gesellschaftsteile immer Nachteile
für das Funktionieren des Gesamtsystems mit sich bringt.
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