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Katrin Göring-Eckardt Datum:Wednesday, 03. November 2004
Von: Katrin Göring-Eckardt <katrin.goering-eckardt@bundestag.de>
An: redaktion@politik-digital.de
URL: http://www.goering-eckardt.de/home/index.shtml

Auf dem Weg zur globalen Informationsgesellschaft

Zum ersten Mal wird in diesen Tagen ein Weltgipfel der Vereinten Nationen stattfinden, der sich ausschließlich mit dem Thema „Informationsgesellschaft“ befasst. "Dieses Thema erfährt damit endlich die notwendige internationale Beachtung", berichtet Katrin Goering-Eckardt, Fraktions- vorsitzende Bündnis 90/Die Grünen.

Umso erstaunlicher ist, dass im Gegensatz zu den großen Umweltgipfeln in Rio oder Johannesburg bislang weitgehend Desinteresse von Politik und Medien zu verzeichnen war. Dabei ist der Zugang zur Wissens- und Informationsgesellschaft ein Schlüssel für weltweite Entwicklung und Wohlstand.

Das Informationszeitalter birgt für die Weltbevölkerung große Chancen. „Wissen ist Macht“, das gilt heute mehr denn je. Der Zugang zu und die Teilnahme an der weltweiten Informationsgesellschaft ist die Grundlage für „power“ und „empowerment“ jeder und jedes Einzelnen.

Im Gegenzug gilt aber auch: In der heutigen Welt kommen nur diejenigen weiter, die Zugang zu den neuen Informationstechnologien haben, und die in der Lage sind, sie effektiv zu nutzen. Das trifft nach derzeitigen Schätzungen selbst im Jahr 2005 nur auf ein Sechstel der Weltbevölkerung zu.

Die ökonomische Trennung der Welt in „Nord“ und „Süd“ wird heute überlagert von der Trennung zwischen denen, die „drin“ sind in der Wissensgesellschaft, und denen, die außen vor bleiben. Diese Spaltung zu überwinden muss Ziel derjenigen sein, die sich einer gerechten Gestaltung der Globalisierung verschrieben haben. Neben der weltweiten Anerkennung grundsätzlicher Medien- und Kommunikationsfreiheiten, sollte dies ein zentrales Thema des Weltgipfels sein.

Generell ist zu begrüßen, dass die Vereinten Nationen sich erstmals umfassend mit dieser Frage beschäftigen. Sie sind besser als jeder andere Akteur befähigt, die „Schirmherrschaft“ eines solchen globalen Projektes zu übernehmen, verbindliche Vereinbarungen zu treffen, und die beteiligten Akteure untereinander zu vernetzen.

Gerade dieser letzte Punkt erscheint mir bedeutsam. Denn es reicht nicht aus, die Mitglieder der Vereinten Nationen, die Regierungen der jeweiligen Staaten, über die Informationsgesellschaft beraten zu lassen. Die internationale Gemeinschaft, die Akteure und Betroffenen unseres Informationszeitalters, ist weit mehr als das.

Selten wird die Frage gestellt, ob die internationale Gemeinschaft in dieser Form überhaupt existiert. Die VN sind zunächst eine Organisation nationaler Regierungen, die auf der Basis ihrer jeweiligen nationalen Interessen miteinander verhandeln. Nicht immer spielt dabei das Wohl einer virtuellen „internationalen Gemeinschaft“ die zentrale Rolle.

Wenn wir von globaler Gemeinschaft sprechen, oder vom sprichwörtlichen „Globalen Dorf“, dann meinen wir etwas anderes. Hier geht es um die Gesamtheit der Weltbevölkerung, jenseits nationalen Grenzdenkens. Die Informationsgesellschaft bietet die beste Voraussetzung, um dieses Bild zumindest teilweise Wirklichkeit werden zu lassen. Die weltweiten Datenströme machen an keinen Grenzen Halt, der Zugang zu Informationen lässt sich durch keine „Mauer“ einschränken.

Der Begriff der „Globalen Wissensgesellschaft“ ist im Kern ein zivilgesellschaftlicher Begriff. Wenn es so etwas gibt, wie die „globale Gemeinschaft“, so ist sie wohl am ehesten im zivilgesellschaftlichen Bereich zu finden.

Dabei geht es nicht darum, die Bedeutung der Vereinten Nationen zu schmälern. Die VN sind unersetzlich und notwendig als Gremium, dass die moralische und rechtliche Legitimität besitzt, verbindliche internationale Vereinbarungen zu treffen. Auch verstehen sich die Unterorganisationen der VN, wie z.B. die UNESCO, oft selbst als internationale Akteure, welche die Zivilgesellschaft unterstützen.

Klar aber ist: Bei Fragen der Globalisierung reicht es nicht aus, Vertreter der Nationalstaaten an einen Tisch zu setzen. Auch Vertreter von UN-Unterorganisationen, IGOs und NGOs müssen gehört werden und sich einbringen können. Denn zivilgesellschaftliche Zusammenschlüsse bilden ein wesentliches Rückgrat unserer virtuellen „internationalen Gemeinschaft“.

Es ist deswegen ausdrücklich zu begrüßen, dass im Vorfeld des Gipfels bereits versucht wurde, nicht nur Regierungen und Parlamente an den Verhandlungen zu beteiligen, sondern auch Vertreter der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft. Auch wenn ein Gipfel weder von den Ansprüchen noch von den Teilnehmern überfrachtet werden darf, so ist die Einbindung zivilgesellschaftlicher Akteure gerade beim Thema „Information“ ein wesentlicher Fortschritt.

Umso bedauerlicher ist, dass die Vertreter der NGOs mittlerweile größtenteils aus dem Verhandlungsprozess ausgestiegen sind. Sie werden nun ihre eigenen Forderungen formulieren.

Ist das Tischtuch zwischen Zivilgesellschaft und den staatlichen Akteuren deswegen ganz zerschnitten? Nein. Im Augenblick ist davon auszugehen, dass es von Seiten der zivilgesellschaftlichen Akteure eine Paralleldeklaration geben wird. Das ist ein Signal an die Staaten, die in zentralen Fragen (Meinungsfreiheit u.a.) weiterhin stur bleiben. Jedoch ist es auch ein Indiz für gemeinsame Stärke, denn es gibt eine gemeinsame zivilgesellschaftliche Position auf internationaler Ebene.

Wenn der Erfolg des Gipfels an der Abschlusserklärung gemessen werden soll, dann stehen hinter dem Gleichheitszeichen am 12. Dezember tatsächlich zwei Ergebnisse, nämlich zwei Erklärungen. Positiv betrachtet ein vernünftiger Schritt, der, im Hinblick auf den Folgegipfel im Jahr 2005 in Tunis darauf hoffen lässt, dass die gemeinsame inhaltliche Schnittmenge unter den Akteuren sich vergrößert und die beteiligten Akteure noch mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen können.

Unabhängig davon, wie der Gipfel ablaufen wird, steht eines im Vordergrund: Ein Ergebnis ist besser als kein Ergebnis. Diese Erkenntnis haben wir aus Johannesburg mitgenommen. Auch ein kleiner gemeinsamer Nenner wäre ein Fortschritt. Die drängenden Fragen des Informationszeitalters sind nicht mehr national oder regional zu beantworten. Jede Regelung, die erzielt werden kann, und die Informationsfreiheit und Informationszugang für die Weltbevölkerung erleichtern, ist daher zu begrüßen.

Übrigens betrifft die Frage der digitalen Spaltung keineswegs allein Länder der sogenannten „Dritten Welt“. Auch in Deutschland haben wir großen Nachholbedarf. Beispielsweise sind nur etwa die Hälfte der Deutschen heute online. Wenn es uns nicht gelingt, dies zu verbessern, wird die digitale Spaltung auch unsere Gesellschaft vor zunehmende Probleme stellen.

Wir müssen den Zugang zu Wissen erleichtern. Denn Wissen und Information sind nötige Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben, für mündige Bürger, und letztlich für eine funktionierende Demokratie.

Erschienen bei gipfelthemen.de am 04.12.2003

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